Holstenstadt tom Kyle — „am Keil“ — lautet der ursprüngliche und fast poetische Name für die größte Stadt in Schleswig-Holstein. Sie liegt am Ende einer keilförmigen Förde, die in die Ostsee mündet. Graf Adolf IV. von Schauenburg gründete den Flecken um 1233, der 1242 Stadtrecht erhielt. Damit genügend Bewohner sesshaft werden konnten, wurde rasch mit dem Bau des nunmehr ältesten Gebäudes der Stadt begonnen, der St. Nikolai-Kirche am Alten Markt. Mit dem Gotteshaus ist das wohl älteste bekannte literarische Zeugnis Kiels verbunden, der bis in unsere Zeit beliebte Choral Wer nur den lieben Gott lässt walten. Er entstand vor rund 400 Jahren, wurde sofort ein Hit und entwickelte sich bald zum Evergreen.Sein Schöpfer war der thüringische Student Georg Neumark (1621-1681), der in den Wirren des Dreißigjährigen Krieges überfallen und ausgeplündert in Kiel strandete. Zum Dank für empfangene Hilfe, besonders durch den Hauptpastor, dichtete und komponierte Neumark das sechsstrophige Trostlied. Der Choral übte eine gewaltige Wirkung auf andere Autoren und Komponisten aus, auch im Dienst konfessioneller und politischer Propaganda. In parodistischer Form erscheint er z.B. im Sozialdemokratischen Liederbuch von 1896.

Zu Neumarks Zeit entstanden die Persianischen Häuser, die sich wie ein Riegel vor die Kirche schoben und diese vom Marktplatz trennten. Es handelte sich um Wohngebäude, die ursprünglich als Packhäuser für einen Orienthandel gedacht waren, der allerdings nie zustande kam. Zu diesem Zweck befahl der Landesherr Herzog Friedrich III. von Schleswig-Holstein-Gottorf im Jahre 1633 eine Exkursion nach Moskau und zum Schah von Persien. Unter der Leitung des Gelehrten Adam Olearius sollten Chancen für Handelsbeziehungen ausgelotet werden. Auch der Arzt und Dichter Paul Fleming war mit dabei. Der in Kiel aufgewachsene Lyriker, Erzähler und Dramatiker Wilhelm Jensen (1837-1911) hat unter dem Titel Aus meiner Vaterstadt. Die Persianischen Häuser (1889) einen Roman darüber geschrieben. Mit „historischen Kleinigkeiten“ nimmt es der Autor nicht ganz so genau. Die Residenz des Landesherrn verlegt er wohl aus Heimatliebe kurzerhand von Gottorf nach Kiel.

Der fleißige und hochgebildete Jensen schrieb mehr als 150 Bücher meist historischen Inhalts, die von einem Millionenpublikum gelesen wurden. Darunter beschäftigen sich die Romane Nach Sonnenuntergang (1879) und Vor drei Menschenaltern (1904) sowie die  Novellen Lyncaena Silene und Jugendträume (1884) mit Kiel.

Eine Generation nach der genannten Orientexkursion gründete im Jahre 1665 Christian Albrecht, der Sohn Friedrichs III., die Kieler Universität. Mit der Universitätsgründung beginnt das literarische Leben in Kiel. Es sind Professoren und Studenten, die zur Feder greifen, um zu dichten, aber auch um sich mit der Dichtkunst gelehrt auseinanderzusetzen. Unter den meist nur von Teilzeit-Kielern geschaffenen Dichtungen findet sich als erster, direkt auf Kiel bezogener Text ein Kielsches Studentenlied (1719). Es wurde verfasst von Joachim Beccau (1690-1754).Aus dessen Feder folgten eine Vielzahl von Gelegenheitsdichtungen und auch Libretti, die mit der Musik von Händel und Telemann an der Hamburger Oper am Gänsemarkt aufgeführt wurden. Wenig später erscheint Kiel erneut in der Dichtung. In Ludvig Holbergs(1684-1754) Komödie Meister Gert Westphaler oder Der sehr gesprächige Barbier (1722)wird die Rede über eine Reise von Hadersleben ins Einkaufsparadies Kiel zum Running Gag. Der Titelheld geht damit sowohl den anderen Figuren als auch dem Publikum auf die Nerven.

Das Königreich Dänemark war spätestens seit 1544 politisch und kulturell mit den Herzogtümern Schleswig und Holstein verbunden, die 1773 Teil des dänischen Gesamtstaats wurden. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts betritt ein Literaturstar die deutsch-dänische Kieler Szene. Es handelt sich um Friedrich Gottlieb Klopstock (1724-1803). Als literarischer Erneuerer und als freier Künstler hatte er sich gesellschaftliche Anerkennung erworben. Ganz im Sinne des zeitgenössischen Freundschaftskults besaß er in Kiel Freunde, wie z.B. den Universitätsprofessor Johann Christian Fabricius, der als Entomologe Weltgeltung besaß, und dessen Frau Anna Cäcilie, mit der Klopstock zuvor in schwärmerischer Liebe verbunden war, allerdings rein brieflich und ohne einander vorher in Augenschein genommen zu haben. Am Ende ihres Lebens sorgte Cäcilie für Stadtgespräch, indem sie die freilich von ihr zensierten Schäkereien des verstorbenen „großen vaterländischen Meisters“ Klopstock anonym in den Kieler Blättern veröffentlichte. Klopstock hatte seinem Schwarm auch Werke aus seiner professionellen Produktion gewidmet wie die Ode Edone, die sich wie ein poetischer Heiratsantrag lesen lässt. Zu den weiteren Freunden gesellte sich Carl Friedrich Cramer (1752-1807). Dieser wurde bereits mit 23 Jahren Kieler Professor für griechische und morgenländische Literatur. Cramer hielt — ein Novum — auch Vorlesungen über zeitgenössische Dichtkunst, nämlich über die seines Freundes Klopstock, dessen erste Biografie er verfasste. Cramer schrieb ebenfalls Gedichte und war Mitglied des »Göttinger Hainbundes«, einer Klopstock nahestehenden literarischen Gruppierung, der die später in Eutin lebenden Dichter Johann Heinrich Voß und die Grafen Christian und Friedrich Leopold zu Stolberg-Stolberg angehörten. Wie unter progressiven Intellektuellen üblich, feierte Cramer die Französische Revolution. Da er ihr auch nach den sie begleitenden Gräueln nicht abschwören wollte, statuierte die dänische Obrigkeit ein Exempel an Cramer, entließ ihn und verwies ihn außer Landes. Als Vorkämpfer der europäischen Idee engagierte sich Cramer hinfort im Pariser Exil für den deutsch-französischen Kulturaustausch, indem er u.a. Schriften Rousseaus und Diderots ins Deutsche und Werke Schillers und Klopstocks ins Französische übersetzte.

Klopstock hatte im Kieler Umland einen weiteren Freund, den Grafen Conrad Holck, der das Gut Eckhof bei Strande besaß. Dieser vermachte dem Dichter einen Hain, den Klopstock mit seiner Ode Mein Wäldchen verewigte. Das zu Ehren Klopstocks geplante Denkmal wurde jedoch nicht errichtet, da der Graf sein Gut samt Gehölz verkaufen musste. Das Herrenhaus, in dem sich Klopstock aufhielt, ist noch vorhanden; vom Hain fehlt heute jede Spur.

Im Sommer 1776 ging Klopstock unter Anteilnahme der Öffentlichkeit in der Förde baden. Mit von der Partie waren seine Dichterkollegen Heinrich Wilhelm von Gerstenberg (1737-1823), Verfasser des ersten Sturm-und-Drang-Dramas Ugolino und später Ehrendoktor der Kieler Universität, sowie Graf Friedrich Leopold zu Stolberg (1750-1819), der u.a. als Homer- und Ossian-Übersetzer Erfolg hatte. Der Badespaß wurde von Zitaten aus dem Homer im Original sowie in der Übersetzung Stolbergs begleitet. Klopstock war in Kiel ein häufiger, aber flüchtiger Gast. Seine Wirkung auf die hier anzutreffenden Geistesgrößen ist jedoch beachtlich gewesen.

Einer von ihnen war Jens Baggesen (1764-1826). In ärmlichen Verhältnissen in Korsør auf der dänischen Insel Seeland geboren, studierte er in Kopenhagen und Göttingen. Mit seinem Buch Das Labyrinth oder Reise durch Deutschland und die Schweiz 1789 legte er das erste dänische Prosawerk von Rang vor und verfasste neben dem Libretto für die erste dänische Oper Holger Danske (1789) zahlreiche Gedichte, aber auch philosophische Werke. Da Baggesen das Deutsche ebenso gut beherrschte wie das Dänische, nämlich brillant, schien er die ideale Besetzung für die neu geschaffene Professur für dänische Sprache und Literatur an der Christian-Albrechts-Universität zu sein. Sein Ruf und sein Charisma sorgten bei seiner Antrittsvorlesung für großen Publikumsandrang, sogar aus der Kieler Bevölkerung. Sein hitziger Eifer, in den er bei seiner freien Vortragsweise geriet, ließ das Interesse der Zuhörerschaft jedoch bald erlahmen. Eine Ohnmacht beendete schließlich die Vorlesungsfolge und mit ihr Baggesens kaum begonnene akademische Laufbahn in Kiel. Jens Baggesen war ein Vorreiter nationaler Toleranz in Zeiten eines erwachenden Nationalismus und einer der wichtigsten Förderer des deutsch-dänischen Kulturaustauschs. Er starb in Altona. Auf dem Kieler St. Jürgen-Friedhof wurde er bestattet. Sein eindrucksvolles klassizistisches Grab befindet sich heute auf dem Eichhof-Friedhof.

Der Dichter Johann Gottfried Seume (1763-1810) lief nach fünftägiger Überfahrt mit dem Schiff von Kopenhagen kommend in die Förde ein. Er war auf der Rückreise nach einer Umrundung der Ostsee und schrieb in seinem Reisebericht Mein Sommer 1805, der ein Jahr später erschienen ist:

In Kiel gefällt mirs nicht sonderlich, aber bei Kiel desto besser. Die Gegend ist äußerst freundlich und lieblich, und man könnte wohl sagen malerisch, wenn man darunter das versteht, was die Seele durch das Auge in angenehme Bewegung setzt.

Der kritische Tourist veröffentlichte Lyrik und war während seines abenteuerlichen Lebens u.a. schlecht bezahlter und unglücklicher Korrektor seines Idols Klopstock im Verlag seines Freundes Göschen. Seume ist weithin bekannt geworden durch sein Reisebuch Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802, eine Art Vorläufer von Hape Kerkelings: Ich bin dann mal weg. Allerdings ist Seumes Strecke von ca. 6000 Kilometern zu Fuß, beginnend in Sachsen, um einiges länger.

Seume betrat die Stadt Kiel sicher durch das Schuhmachertor. Eine weltberühmte Dichterpersönlichkeit, auch aus Kopenhagen kommend, folgte ihm einige Jahrzehnte später, um nach wenigen Schritten das Hotel „Stadt Kopenhagen“ zu erreichen. Der Däne, dessen Motto lautete: „Reisen ist Leben“, war meist nur auf der Durchreise in Kiel. Er schrieb drei Autobiografien, sechs Romane, 50 Dramen, mehr als 200 Märchen und über 1000 Gedichte. Sein Name ist Hans Christian Andersen (1805-1875). Das Schuhmachertor am Kieler Hafen wurde für Andersen das Tor zur Welt: im geografischen Sinne bot es ihm den Zugang zum europäischen Festland und darüber hinaus bis nach Marokko und Konstantinopel. Im kulturellen Sinne eröffnete es ihm den deutschsprachigen Raum, der Ausgangspunkt für des Dichters erste größere Anerkennung und seinen späteren Weltruhm wurde. In der Schuhmacherstraße findet sich am Gebäude der PSD Bank eine Gedenktafel an ihn.

Derzeit lebte in studentischer Wohngemeinschaft, Flämische Straße Nr. 12 (dort befindet sich ebenfalls eine Gedenktafel), „eine kleine übermütige und zersetzungslustige Schar, die geneigt war, möglichst wenig gelten zu lassen.“ Zu diesen Kommilitonen gehörten zwei weltbekannte Größen Schleswig-Holsteinischer Literatur und Gelehrsamkeit, Theodor Storm (1817-1888) und Theodor Mommsen (1817-1903), geborene Nordfriesen, die um 1840 in Kiel Jura studierten. Von Storm stammt das Zitat. Zusammen mit Mommsens Bruder Tycho bildeten sie den Kern einer „Clique“ Literaturbegeisterter, die sich unter Theodor Mommsens Führung mit den Autoren und Werken beschäftigten, die gerade angesagt waren. Zudem erörterten sie kritisch ihre eigenen poetischen Versuche. Studentisches, Liebe und Liebeleien werden darin lyrisch verarbeitet. Dabei gewannen die Kommilitonen soviel Selbstbewusstsein, dass sie ihre Gedichte unter dem Titel Liederbuch dreier Freunde (1843)veröffentlichten. Eine weitere gemeinsame Aktion war das Sammeln von Sagen, Märchen und Liedern der Herzogtümer Schleswig, Holstein und Lauenburg (1845).

Theodor Mommsen machte Karriere als bedeutendster Althistoriker seiner Zeit. Dafür bekam er 1902 als erster Deutscher die höchste literarische Auszeichnung, den Nobelpreis für Literatur. Gewidmet ist er „dem gegenwärtig größten lebenden Meister der historischen Darstellungskunst, mit besonderer Berücksichtigung seines monumentalen Werkes Römische Geschichte“. Im Ratsdienergarten am Kleinen Kiel befindet sich deswegen seine Porträtbüste in einem den Kieler Nobelpreisträgern gewidmeten Komplex.

Storm verschrieb sich neben seinem Brotberuf als Jurist ganz der Dichtung. Thomas Mann wird später über ihn sagen: „Er ist ein Meister, er bleibt.“ Das Kieler Studentenleben findet seinen Niederschlag in Storms Novellen Immensee (1849), Der Herr Etatsrat (1881), Zur Chronik von Grieshus (1884) und vor allem Auf der Universität (1861). Darin glaubt sich die kleine Näherin Lore Beauregard von ihrem standesgemäßen Bräutigam verlassen und gibt sich einem Studenten hin. Als sich der Verlobte zum Happy Ending zurückmeldet, ertränkt sich Lore in der Förde. Storm prangert hier den Hochmut der Studenten, adligen Standesdünkel und männlichen Chauvinismus an. Schauplatz des in der Novelle beschriebenen studentischen Tanzvergnügens ist das ehemalige „herrschaftliche Wirtshaus im Düsternbrooker Gehölz“, das im Volksmund den Namen „Sanssouci“ trug. Im Jahre 1865 brannte es ab; an seiner Stelle wurde ein Gedenkstein gesetzt mit der Aufschrift „Theodor Storm. Auf der Universität“.

Nach seiner Rückkehr in seinen Geburtsort Husum hielt Storm freundschaftlichen Kontakt nach Kiel, besonders mit Klaus Groth. Storm mochte Kiel, so schrieb er: „Kiel ist schön, sehr schön, die schönste Stadt im schönen Holstein… ein prächtiges altes Nest und voll von netten Kerls.“ Die ihm zugedachte Ehrendoktorwürde gewährten die Kieler ihm nicht.

Den Dichter von Dat du min leevsten büst hatten die Kieler lieb, ihren Klaus Groth (1819-1899). Als der Dithmarscher mit seinem Quickborn (1852) schlagartig berühmt wurde, holten sie ihn sogleich an die Förde. Der arme und von Krankheit gezeichnete Poet bekam eine Unterkunft für den Sommer in der Seebadeanstalt Düsternbrook, wo sich heute das Gebäude der Landesregierung befindet. Zum Winter hin wurde er in Mutter Brandis Pension in der Faulstraße 17 untergebracht - heute erinnert eine Gedenktafel daran. Dort ergänzte er sein Volksleben in plattdeutschen Gedichten Dithmarscher Mundart, wie der Quickborn im Untertitel hieß, von Auflage zu Auflage mit weiteren Poemen. Im Garten entstand u.a. sein bekannter Lütt Matten de Has’.

Der Quickborn erschien unmittelbar nach der gescheiterten ersten schleswig-holsteinischen Erhebung gegen die dänische Obrigkeit (1848–1851). Groth selbst erklärt seine Wirkung folgendermaßen: „Die Freudigkeit am Dasein mussten wir erhalten, die Achtung vor uns selber, damit diese himmlischen Mächte uns selbst erhielten. Einen Spiegel musste ich dem Schleswig-Holsteiner vorhalten, worin er sich selbst verklärt wieder schaute, sein tägliches Dasein, aber seine heiligste Empfindung. Wenn irgendetwas wirken konnte: Das musste wirken. Insofern ist mein Quickborn eine patriotische Tat geworden.“ Dieser „Spiegel“ war übertragbar und in diesem Sinne wurde die „patriotische Tat“ nicht nur in Schleswig-Holstein verstanden. Darüber hinaus verlangten die sich stark verändernden Lebensbedingungen seit Beginn der Industrialisierung in Deutschland, z.B. die explosive Entwicklung des beschaulichen Kiel zur Großstadt, nach einem Ausgleich für das Seelenleben. Da kam die kleine bäuerliche Welt Dithmarschens in poetischer Gestaltung gerade recht. Die authentische Sprache, mit der Klaus Groth aufgewachsen war, erfüllte ein Bedürfnis nach Ursprünglichkeit und vermittelte zugleich Exotik. Hinzu kam Melancholie, gepaart mit feiner Ironie und Humor. Das ging zu Herzen. Der Quickborn entwickelte sich somit zum Volksbuch. Darin machte Groth das zur Sprache der einfachen Leute herabgesunkene Niederdeutsch wieder literaturfähig und populär. Auf diese Weise fand Groth Zugang zur Kieler Oberschicht, insbesondere zu Kreisen der Universität. Er erhielt die Ehrendoktorwürde — allerdings von der Uni Bonn — und eine Kieler Titularprofessur; die angestrebte ordentliche Professur an der Christian-Albrechts-Universität wurde ihm jedoch nicht zuteil. Heute befindet sich am Kleinen Kiel ein Denkmal für ihn, und auch am Klaus-Groth-Platz direkt vor dem Literaturhaus erinnert eine Gedenktafel an den Dichter. Sein Ehrengrab befindet sich auf dem Südfriedhof.

War Klaus Groth zu seiner Zeit der wohl beliebteste in Kiel lebende Dichter, so ist Detlev von Liliencron (1844-1909) der bedeutendste, der in Kiel geboren wurde. Liliencron war zeitlebens in Hassliebe mit der Fördestadt verbunden. Das begann schon in seiner Jugend, als die Mutter ihn alle Sonntage in die Nikolaikirche führte. Dem sensiblen Kind war es ein „peinlicher, ein schrecklicher Anblick“, das monumentale, über sechs Meter hohe Triumphkreuz von 1490, „den blutenden, übernatürlich großen von Holz geschnitzten Kruzifix betrachten“ zu müssen. Zudem war die breite Aussprache des über die Stadtgrenzen hinaus angesehenen und beliebten Hauptpastors und Propstes Claus Harms (1788-1859), der als »Schleswig-holsteinischer Kirchenvater« gewürdigt wurde und selbst Kirchenlieder und Postillen schrieb, seinem „preußischen Ohr zuwider“. Wochentags besuchte Liliencron die Gelehrtenschule, „das düsterste, verkommenste und trostloseste Gebäude in der Küterstraße“, wie sein Mitschüler Wilhelm Jensen bemerkte. Bereits als Sextaner fühlte sich Liliencron von seinen Schulkameraden schikaniert, wenn man seinem biografischen Roman Leben und Lüge (1903) Glauben schenken darf. Aber nicht deshalb verließ er das damals dänische Kiel noch vor dem Abitur, sondern um Karriere beim preußischen Militär zu machen. Größeren Ruhm gewann er bereits zu Lebzeiten als Dichter, dessen Balladen wie Pidder Lüng und Trutz, blanke Hans populär wurden und dessen impressionistische Skizzen die Naturalisten begeisterten. Vor allem aber hat er Vertreter der neueren Dichtergeneration wie Rilke, Hofmannsthal und Karl Kraus beeindruckt und beeinflusst. Gottfried Benn bekannte im Rückblick auf die eigene Jugend: „Damals war Liliencron mein Gott.“

Mit seinem Versepos Poggfred und seinem Gedicht Wandlungen widmete Liliencron seiner Heimatstadt in späteren Jahren ein meist freundliches Andenken, allerdings beschränkte es sich auf seine Kindheits- und Jugenderinnerungen. Die ihn befremdenden Auswirkungen des temporeichen Ausbaus Kiels zur Großstadt nach der Reichsgründung bilden einen bitteren Kontrast dazu. Denn: „Selbst da, wo ichs erste Mädel geküsst, / Hat eine Kirche hingemüsst.“ In seinem Todesjahr 1909 verlieh ihm die Kieler Universität die Ehrendoktorwürde. Das Geburtshaus ist dem Umbau der Innenstadt nach 1945 zum Opfer gefallen, aber beim Übergang Sophienhof/Holstentörn befindet sich heute eine Gedenktafel.

Wie Hans Christian Andersen genießt auch der folgende Kielbesucher Weltruhm und zählt zu den auflagenstärksten Schriftstellern aller Zeiten: der französische Romancier Jules Verne (1828-1905), der als einer der Begründer der Science-Fiction-Literatur gilt. 1861 befand er sich, ebenfalls von Kopenhagen kommend, per Bahn und Schiff auf Durchreise in Kiel. 1881 war er mit seiner eigenen Luxusyacht „Saint Michel III“ durch den Eider-Kanal nach Kiel unterwegs. Er und sein Bruder Paul interessierten sich für die kaiserlichen Panzerschiffe und Kanonenboote in der Kieler Förde, die allerdings gerade ausgelaufen waren. Am 17. Juni liegt die Dampfyacht vor der »Wilhelminenhöhe«. Paul Verne notiert: „Die Kieler Bucht, in der unsere Yacht [...] gegen sechs Uhr Abends vor Anker ging, ist ohne Zweifel eine der schönsten und sichersten von ganz Europa.“ Bereits zwanzig Jahre zuvor hatte Verne in Kiel Eindrücke empfangen, die sich in seinem Roman Die Reise nach dem Mittelpunkt der Erde (1864)niederschlugen. Das literarische Werk Jules Vernes ist noch in anderer Weise mit der Stadt Kiel verbunden. In seinen Romanen 20 000 Meilen unter den Meeren (1870) und Die geheimnisvolle Insel (1874/75) spielt ein Tauchboot mit Namen „Nautilus“ eine Rolle. Das futuristische Fantasie-Schiff entspricht in vielem der Größe und den Eigenschaften der heute in Kiel gebauten und technisch international führenden U-Booten. Es wurde sicher mit angeregt durch den in Kiel entwickelten „Brandtaucher“, einem der ersten modernen Unterseeboote, das allerdings bei seiner Testfahrt in der Förde auf Grund lief.

Spätestens mit Jules Verne rückt das Maritime und damit die Marine in den literarischen Fokus der Fördestadt. Sein irischer Schriftstellerkollege Erskine Childers (1870-1922) gehörte ebenfalls zu den begeisterten Seglern und auch er gilt als Pionier einer neuen literarischen Welt. Durch die Veröffentlichung seines einzigen Romans Das Rätsel der Sandbank (1903) gelang ihm ein Kultbuch bei Seglern, das noch heute sein Lesepublikum findet. Mit diesem Werk gilt er als Mitbegründer und erster glänzender Vertreter der Gattung des Spionageromans. Childers Yacht „Vixen“ wurde samt Logbuch und Besatzung zum Muster für die Törns der „Dulcibella“, dem Segler in seinem Roman. Beide Boote passierten – faktisch und fiktiv – den damals neu eröffneten Kaiser-Wilhelm-Kanal. Was den Brüdern Verne versagt blieb, bekommen schließlich Carruthers und Davies, die Helden in Childers‘ Roman, in der Kieler Förde zu sehen: „Als wir uns dem Glühen am Himmel näherten, das Kiel anzeigte, passierten wir eine heftige funkelnde Masse, die mitten im Fahrwasser vor Anker lag. ‚Kriegsschiffe‘“. Damit wird zugleich ein wichtiges Motiv des Buches berührt: das wilhelminische Flottenbauprogramm. Hieraus bezog der Roman eine weitere, zeitgenössische Wirkung, er wurde zu einem Politikum. Childers interpretierte die Devise Kaiser Wilhelms II. „Unsere Zukunft liegt auf dem Wasser“ zurecht als Kriegsbedrohung für Großbritannien. Den Plot des Romans bildet deshalb das gegenseitige Ausspionieren der potenziellen Kriegsgegner, wie Childers es zuvor selbst praktiziert und erlebt hat.

Childers engagierte sich später in der irischen Unabhängigkeitsbewegung, z.B. durch Waffenschmuggel mit seiner Yacht „Asgard“. Seine politischen Widersacher nahmen ihn gefangen und exekutierten ihn.

Das Rumoren des Flottenbaus vor allem im Reichskriegshafen Kiel und die damit verbundene Kriegslüsternheit, die deutlich vernehmbar ins bald feindliche Ausland drang, beschäftigte auch die heimischen Dichter. Joachim Ringelnatz (1883-1934) meldete sich 1904 zur kaiserlichen Marine nach Kiel und zehn Jahre später ebendort entflammt als Kriegsfreiwilliger: „Ich dachte an Kriegsromantik und Heldentod, und meine Brust war bis an den Rand mit Begeisterung und Abenteuerlust gefüllt“, bekannte er in seiner Autobiografie Als Mariner im Krieg (1928). Der Möchtegernheld kam jedoch zu seinem Verdruss nicht zum Schuss, da er – trotz Bittgesuch beim Kaiser – nicht an den Seeschlachten teilnehmen und sich stattdessen in der Festung Friedrichsort bei Kiel langweilen durfte. Er schreibt, so „schlich ich mich ins Hospiz oder in den Ratskeller, trank, wenn ich Geld hatte, Wein, aß Möweneier mit Spinat und dichtete. Kurz, es ging mir sündhaft gut.“ Oder er überließ sich der Verzweiflung: „...mir selbst ward das Einerlei so über, dass ich ernstlich erwog, ob ich nicht desertieren sollte.“ Kurz vor Revolution und Kapitulation brachte es Ringelnatz zum Leutnant; nun fühlte er sich erneut fehl am Platz. Seine Desillusionen machten ihn zu einem kleinen Meister der Desillusionsliteratur.

Die Gelenkstelle in der Entwicklung Kiels im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts bildet der Kieler Matrosenaufstand und die damit ausgelöste Novemberrevolution. Sie wurden mehrfach Gegenstand der Dichtung. Ernst Toller (1893-1939) z.B. schildert den Weg dorthin in seinem Theaterstück Feuer aus den Kesseln (1930), das Geschehen findet Darstellung im Schauspiel Neunzehnachtzehn (2008) von Robert Habeck (*1969) und Andrea Paluch (*1970). Theodor Plievier (1892-1955) erzählt die Vorgeschichte und die Revolutionsereignisse in seinen dokumentarischen, kritischen und noch heute sehr lesenswerten Romanen Des Kaisers Kulis (1929) und Der Kaiser ging, die Generäle blieben (1932) sowie in Eine deutsche Novelle (1947).

Im Zentrum Kiels befindet sich seit 1912 das damals neue Rathaus und daneben das Stadttheater (heute Opernhaus). Auf dem Weg zu einem der ersten Bühnenschriftsteller in der Weimarer Republik und der jungen Bundesrepublik machte Carl Zuckmayer (1896-1977) Zwischenstation in Kiel. 1923 fand er Anstellung bei den städtischen Bühnen als Dramaturg, Regisseur und Kleindarsteller. Seinen persönlichen Spielplan fasste er mit einem Satz zusammen: „Von Kiel aus wollten wir das Theater, vom Theater her die Welt erneuern.“ Das konnte am besten durch die Inszenierung eines Theaterskandals geschehen, der sich erotischer und politischer Anzüglichkeiten bediente und in Zuckmayers Memoiren Als wär’s ein Stück von mir (1966) rückschauend gewaltig dramatisiert wurde. Seine Dramaturgie ging auf, so dass er - nach erfolgter Entlassung aus Kiel - in München und Berlin Karriere machte. Mit seinem Essay Von Kiel nach München gibt sich Zuckmayer als launiger Führer durch das Vergnügungsviertel am Kieler Hafen. Sein zusammenfassender Lagebericht lautet: „Gelegentlich wird mal ein Schutzmann in die Förde geschmissen. Sonst geht es friedlich zu.“

 

2011 wurde in Kiel-Pries die Frenssenstraße in Ringelnatzstraße umbenannt. Gustav Frenssen (1863-1945), dem auf diese Weise die Ehre einer Straßenbenennung entzogen wurde und der wie Ringelnatz nicht aus Kiel stammt, aber der Stadt verbunden war, war einer der erfolgreichsten Schriftsteller in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Er wurde in Barlt in Dithmarschen geboren und studierte evangelische Theologie in Tübingen, in Berlin und ab 1888 in Kiel, wo er 1890 sein Examen ablegte. Mit Jörn Uhl erschien 1901 der dritte Roman des mittlerweile als Pastor Tätigen. Das Werk wurde zum meistverkauften Buch der folgenden Jahre und eröffnete ihm die Anwartschaft auf den Literaturnobelpreis. Auf der Dänischen Straße in Kiel beginnt die Handlung von Frenssens Peter Moors Fahrt nach Südwest (1906). Es handelt sich um einen Kolonial- und Kriegsroman, der die Kämpfe deutscher Soldaten gegen die einheimischen Herero in der Kolonie Deutsch-Südwestafrika (heute Namibia) zum Inhalt hat. Dazu rückten Kompanien des im Reichskriegshafen Kiel stationierten I. Seebataillons aus. Die "moralische" Botschaft des Buches, das hunderttausendfach in den Ranzen und Tornistern von Schülern und Soldaten landete, lautet: „Diese Schwarzen haben vor Gott und Menschen den Tod verdient, nicht weil sie die zweihundert Farmer ermordet haben und gegen uns aufgestanden sind, sondern weil sie keine Häuser gebaut und keine Brunnen gegraben haben. [...] Gott hat uns hier siegen lassen, weil wir die Edleren und Vorwärtsstrebenden sind. Das will aber nicht viel sagen gegenüber diesem schwarzen Volk; sondern wir müssen sorgen, dass wir vor allen Völkern die Besseren und Wacheren werden. Den Tüchtigeren, den Frischeren gehört die Welt. Das ist Gottes Gerechtigkeit.“

Zu Gottes Gerechtigkeit gehörte auch die „Auslöschung“ der von Geburt an Schwerbehinderten, der Straffälligen und der sogenannten Arbeitsunwilligen und Volksfeinde, wie sie Frenssen in seinem Buch Lebenskunde (1942)empfahl.

Ähnlicher Gesinnung waren die Mitglieder der nationalsozialistischen Gruppierung, die sich nach Vorbild des "Eutiner Kreises" aus dem 18. Jahrhundert "Eutiner Dichterkreis" nannte und der auch Gustav Frenssen angehörte. Viele ihrer Werke widmen sich der Heimat und der niederdeutschen Sprache. Namhafte Vertreter hatten einen Bezug zu Kiel: Edwin Erich Dwinger, Ottomar Enking, Fritz Lau und Albert Mähl sind in Kiel geboren; Waldemar Augustiny und Hans Friedrich Blunck lebten und studierten in Kiel; Hans Ehrke und Wilhelm Lobsien wohnten und arbeiteten in Kiel. Der ideologisch schillernde, jahrzehntelang rechtsextremistisch eingestellte Ernst von Salomon(1902-1972)gehörte nicht dazu und ließ sich auch nicht von den Nationalsozialisten instrumentalisieren. Er schrieb mit Der Fragebogen (1951) den ersten Bestseller der Bundesrepublik. Darin und in seinem Buch Deutschland deine Schleswig-Holsteiner (1971) widmete er sich historisch und anekdotisch seiner Geburtsstadt Kiel.

Erinnert man sich an den Sänger Karel Gott, hört man sein Lied Die Biene Maja. Schöpfer des international bekannten Kinderbuchs Die Biene Maja und ihre Abenteuer (1912) ist hingegen Waldemar Bonsels (1880-1952). Einen Teil seiner Kinder- und Jugendzeit verbrachte er am Alten Markt. Anschließend vagabundierte er durch die Welt und gewann aus seinen Erlebnissen den Stoff für seine Bücher. In den humoristischen Erzählungen Tage der Kindheit (1931) widmete er sich allerdings seiner Kieler Zeit. Der Bonsels-Forscher Sven Hanuschek hält diesen autobiografischen Text für das „ästhetisch vielleicht gelungenste Buch“ des „Massenautor[s] minderer Kanonhöhe“, der „typisch für die deutsche Mentalitätsgeschichte“ sei. Denn auchBonsels hat sich schreibend der Naziideologie unterworfen.

Der Dichter Wilhelm Lehmann (1882-1968), der an der Kieler Universität studierte und promovierte, versuchte dem zu entkommen. Kiel galt ihm als eine „hässliche Stadt“, der er ebenfalls zu entkommen suchte. So zog er sich früh zurück in eine Idylle der Natur, der Poesie und der Liebe: „Ich mietete mich in einem kleinen Pavillon ein, der an einsamer Stelle im aufgehügelten, dichten Düsternbrooker Gehölz lag, unweit der See. Er bestand aus einem größeren Raum und einer kleineren, auf Säulen ruhenden Vorstube, in welcher ein altes Waldhüterpaar hauste. Das erschien mir als eine echte Dichterwohnung, umso mehr, als eine Stormsche Novelle hier gespielt haben soll.“ Diese Dichterwohnung scheint ein Produkt dichterischer Fantasie zu sein, denn das Vorbild für Storms Waldwirtschaft war bereits seit Jahrzehnten abgerissen; Lehmann entwickelte sich dennoch zum bedeutenden und einflussreichen Naturlyriker. Darüber hinaus verfasste er Romane und Essays.

Die mit Wilhelm Jensen begonnene literarische Geschichtsschreibung Kiels wird mit Irina Korschunow (1925-2013) und Harald Eschenburg (1914-1987) fortgesetzt. Mit ihrem Erfolgsroman Glück hat seinen Preis (1983) erzählt Korschunow vom Aufstieg des Probsteier Bauernsohns Johann Peersen, der mit seinem zu Geld gemachten Erbe über die Förde setzt und es in Kiel zum wohlhabenden Bauunternehmer bringt. Dank der Opferbereitschaft der ihn umgebenden Frauen macht Peersen sein Glück, kann es aber nicht halten. Denn nach der Ansiedlung der Marine in der Zeit der Reichsgründung und der damit verbundenen rasanten Entwicklung Kiels zur Großstadt folgt der Niedergang durch den verlorenen Weltkrieg, der Zusammenbruch des Kaiserreichs und die Inflation. Korschunows Familiengeschichte findet ihren Kieler Abschluss im Jahr 1923. Fast unmittelbar fortgeführt wird sie von Harald Eschenburgs 1928 einsetzender und sich in den Jahren 1933 und 1948 fortsetzender Romantrilogie mit den Titeln Schlagseite (1979), Wind von vorn (1980) und Im Schlepp (1982).

Dem rasanten Aufschwung Kiels im 19. und frühen 20. Jahrhundert folgten bekanntlich die Welterneuerungspläne eines „Führers“, die bewirkten, dass einige der genannten Autoren vertrieben wurden oder den Tod fanden und dass die Bombardierung des neuen Kiel im Jahre 1944 die Altstadt fast komplett in Schutt und Asche legte. Im Kontrast dazu erscheint eines der Hauptwerke des Dramatikers, Erzählers, Zeichners und Bildhauers Ernst Barlach (1870-1938) in anderer Weise typisch für die deutsche Mentalitätsgeschichte, nämlich geprägt von Humanität. Es befindet sich auf dem Alten Markt und trägt den Titel Geistkämpfer. Die Plastik wurde von der Stadt in Auftrag gegeben und 1928 aufgestellt, 1933 von den Nazis abmontiert, heimlich vor Einschmelzung gerettet und 1956 nach kostspieligem Rückkauf durch die Stadt wieder errichtet. Sten Nadolny (*1942) erzählt in seinem Roman Selim oder die Gabe der Rede (1969) von der Begegnung eines türkischen Gastarbeiters mit dem Kunstwerk. Selim hatte es Mitte der 1960er Jahre in die Fördestadt verschlagen:

Vor einer Kirche in der Altstadt stand ein Denkmal eines armen kleinen, sehr hässlichen Hundes mit lauter Zacken und Schuppen am Bauch und um die Ohren. Auf seinem Rücken stand ein riesiger Mann mit Flügeln. Warum stellte er sich mit seinem ganzen Gewicht auf das Tier, wenn er doch fliegen konnte? Der arme Hund konnte sich nicht wehren, weil der Mann ihm auch noch mit einem langen Schwert drohte. Selim rätselte, was das zu bedeuten hatte.

Damit steht er unter den Betrachtern nicht allein. Für Barlach ist der Geistkämpfer — ähnlich wie sein literarisches Werk —die künstlerische Ausdrucksform der Menschenwürde, der Selbstüberwindung des Menschen zu einem höheren Ziel. Damit steht er unter den mit Kiel verbundenen Dichtern ebenfalls nicht allein.

Wenngleich der Geistkämpfer und seine Umgebung am Alten Markt in gewisser Hinsicht einen Schlusspunkt markieren, geht das literarische Leben in Kiel natürlich weiter. Konrad Hansen (1933-2012) hat unter anderem in seinem Roman Der wilde Sommer gezeigt, wie an der Kieler Förde die Kriegszeit endet und ein neuer Abschnitt in der Geschichte des Landes (und des Protagonisten) beginnt, und auch Ralf Rothmann (* 1953) hat sich in seinen Romanen Im Frühling sterben (2015) und Der Gott jenes Sommers (2018) mit dieser Epoche befasst. Kiel wird Landeshauptstadt, und eine neue literarische Szene entsteht, für die Namen wie Hans-Jürgen Heise und Annemarie Zornack, Bodo Heimann und der Euterpe-Literaturkreis stehen. Der 1940 in Potsdam geborene Hannes Hansen hat sich durch seine launigen Auseinandersetzungen mit Schleswig-Holstein einen Namen gemacht und ist jüngst, in Zeiten des Corona-Virus, gar mit einem Schleswig-Holsteinischen Dekameron hervorgetreten. Die beiden "Schriftstellerwissenschaftler" Dirk von Petersdorff und Heinrich Detering sind beide eng mit Kiel verbunden: der eine als hier geborener Lyriker, der in seinen Werken immer wieder auf die Kindheit an der Förde zurückkommt, der andere als langjähriger Lehrstuhlinhaber für deutsche Literatur an der Christian-Albrechts-Universität. Das untereinander freundschaftlich verbundene Autorentrio Arne Rautenberg, Christopher Ecker und Jens Rassmus gehört seit vielen Jahren zu den festen Größen der hiesigen literarischen Szene. Aus dem Umfeld der Slam Poetry stammen der früh verstorbene Klavki sowie in jüngerer Zeit Björn Högsdal und Mona Harry. Schließlich verfügt Kiel mit Feridun Zaimoglu über einen genuinen "Weltliteraten", der das literarische Profil der Stadt in den letzten Jahren wie kein zweiter geprägt hat und der sich immer wieder mit der scheinbar mangelnden Attraktivität der grauen Fördestadt auseinandergesetzt hat. Ihm soll deswegen hier das letzte, emphatische Wort gehören:

Ach, Kiel war schon immer scheiße. Ich liebe Kiel! [...] Was mich immer noch in Kiel hält, das ist das Meer, der Hafen und die Möwen. Dieser Geruch! Es ist einfach großartig! Es riecht nach Algen und nach Jod, nach Meer eben. Die Ostsee ist nicht irgendein Meer, sie hat einen ganz besonderen Charakter. Das Wasser vor Kiel ist kein süßes Wasser, es ist düster, es kann jederzeit umschlagen. Ich bin romantisch, das mag ich. Hinzu kommt das norddeutsche Land, wie flach es ist und wie sich der Himmel darüber spannt. Ich denke mir dann jedes Mal: Leck mich! Ich bin ergriffen vom Himmel, vom Wasser und von den Stürmen.

Philipp Fritz: Zu Gast bei Autor Feridun Zaimoğlu. In: renk-magazin.de vom 27. Mai 2014. Link, letzter Zugriff 14. Juni 2021.

IN DER UMGEBUNG

Kiel bildet das Zentrum einer urbanen Region rund um die Förde, und viele der Nachbarorte sind mit den Bussen und Fähren der Kieler Verkehrsgesellschaft zu erreichen: Altenholz und Strande liegen direkt nördlich der Landeshauptstadt, und Heikendorf befindet sich auf dem Ostufer der Förde ebenfalls im Norden. Über seine eigene Bucht verfügt Eckernförde, etwa 30 km nordwestlich von Kiel: Hier war der große Naturdichter Wilhelm Lehmann jahrzehntelang als Lehrer tätig. Fährt man in die umgekehrte Richtung, nach Südosten, gelangt man schnell in die "Schusterstadt" Preetz und von dort aus nach Plön und schließlich nach Eutin (45 km von Kiel entfernt) mit seiner reichen, vor allem auf das 18. Jahrhundert bezogenen Literaturgeschichte. Etwa 35 km südlich von Kiel befindet sich die kreisfreie Stadt Neumünster, wo man sich beispielsweise auf den Spuren von Hans Fallada bewegen kann.

7.7.2021 Walter Arnold