Wissenswertes

In der langen Geschichte der kreisfreien Stadt Neumünster sind besonders zwei Epochen einschlägig: Die Gründung des Orts im Zuge der Christianisierung im 11. Jahrhundert und dann die Entwicklung zur modernen Industriestadt ab dem 19. Jahrhundert. In beiden Fällen erklärt sich die plötzliche Entwicklung aus der Lage: Als Vicelin, der Missionar der ostholsteinischen Slawen, 1125 von Meldorf aus hierher kam, lag die Gegend genau im Grenzgebiet zwischen dem christlichen Holstein und dem slawischen Wagrien. In dem kleinen Ort Wippenthorp ließ er auf einer Insel in der Schwale eine Kirche und ein Kloster errichten, und nach diesem „Novum Monasterium“ ist Neumünster heute benannt. Vicelins Weggefährte Helmold hat uns aus dieser lang zurückliegenden Zeit berichtet. Weil die Gegend auch nach Vicelins Tod weiterhin unsicher war, wurde das Kloster 1332 nach Bordesholm verlegt, und die Mönche zogen vom heutigen Kleinflecken aus Richtung Osten, Vicelins Gebeine im Gepäck. Anderthalb Jahrhunderte später, im Jahr 1498, wurde auf einer anderen Schwaleinsel erneut ein Kloster errichtet. Dieses Augustinerinnenkloster hatte ebenfalls nicht lange Bestand und wurde nach der Reformation aufgelöst, aber von hier führt eine Spur ins moderne Neumünster: Auf der Klosterinsel wurde nach dem Weggang der Nonnen eine herzogliche Wohnung gebaut, die im Laufe der Zeit erst zur Amtsstube und schließlich im 18. Jahrhundert zum Zuchthaus umgebaut wurde. Hiermit beginnt Neumünsters Geschichte als Gefängnisstadt, die später – mit dem Häftling Hans Fallada, der freilich nicht mehr auf der Klosterinsel, sondern am heutigen JVA-Standort in der Boostedter Straße untergebracht war – auch literarisch bedeutsam wird. Der Grund, warum das Zuchthaus in Neumünster und nicht an einem anderen Ort eingerichtet wurde, war die in der Stadt schon vorhandene Tuchindustrie – die Insassinnen und Insassen sollten Garn spinnen, das dann von den Tuchmacherbetrieben verarbeitet werden konnte.

Hiermit sind wir endgültig in der modernen Industriestadt Neumünster angelangt. Wie bereits erwähnt, ist auch deren Entstehung maßgeblich von der Lage des Ortes abhängig. Selbst der Autor einer großangelegten Geschichte der Stadt ist in dieser Hinsicht bemerkenswert unsentimental:

Schönheiten landschaftlicher Art hat die Natur in Neumünster nicht verschwendet, nirgends erhebt sich ein natürlicher Punkt, der eine weite Sicht ins Land gestattet. Aber dieser Mangel wird vollauf wettgemacht durch die Lage der Stadt in der Mitte des Holstenlandes. Man kam mit der ersten Chaussee von Altona nach Kiel wie auch mit der ersten Eisenbahn, die zwischen denselben Orten dampfte, um Neumünster nicht herum.

Paul Sieck: Neumünster. Stadt ältester Traditionen Holsteins. Neumünster: Wachholtz 1966, S. 168.

Auf der zu dieser Zeit noch recht neuen Eisenbahn reiste 1864 der Kriegskorrespondent Theodor Fontane durch die Stadt, um weiter nördlich die Schauplätze des deutsch-dänischen Kriegs zu erreichen. Auch er hebt hervor, dass Neumünster „mehr thriving als die andern [ist], weil es Knotenpunkt ist“, findet aber dennoch „[d]as Ganze unbedeutend“. #1

Durch seinen Standortvorteil wurde Neumünster nicht nur ein Zentrum des Transportwesens, sondern auch der Textil- und Lederindustrie. Die „im Sog der Gründerjahre geradezu entfesselte Ökonomie“ bescherte der Stadt eine „fieberhafte Entwicklung“ wie „keine andere Kommune in Schleswig-Holstein“ #2, und innerhalb des 19. Jahrhunderts verzehnfachte sich die Bevölkerung. 1930 schafften es die Fabrikschlote sogar auf das recht ungewöhnliche Wappen der Stadt. Ein weiterer traditioneller und bis heute bedeutender Arbeitgeber siedelte sich bereits 1861 an: In diesem Jahr eröffnete das Eisenbahnausbesserungswerk in der Kieler Straße. 1870 erhielt Neumünster das Stadtrecht, und bereits 1901 wurde es zur kreisfreien Stadt. Heute leben hier knapp 80.000 Menschen.

Besonders der Textilindustrie, aber auch der Geschichte Neumünsters im Allgemeinen ist das Museum Tuch + Technik am Kleinflecken gewidmet, das über 1.500 Jahre Stadtgeschichte informiert, dabei auch dunkle Kapitel wie die Zeit des Nationalsozialismus nicht ausspart und sogar einen Blick auf „Neumünster morgen“ riskiert. Auch die meisten anderen Sehenwürdigkeiten Neumünsters stammen aus der Zeit der Industrialisierung und des rasanten Wachstums, etwa die Villa Wachholtz, die 1903 erbaut wurde, den Namen des Verlegers Karl Wachholtz trägt und heute zum Gerisch-Skulpturenpark gehört. Der Kunst der Keramik widmet sich die Stadttöpferei in der Innenstadt – seit 1987 werden hier Künstler*Innen mit Arbeits- und Aufenthaltsstipendien gefördert. Auf der anderen Seite der Schwale befindet sich in der Wasbeker Str. die Stadtbücherei - sie zeichnet sich besonders durch ihre große Musikaliensammlung aus und soll voraussichtlich 2024 an einen zentraleren Standort am Großflecken umziehen. Nördlich der Innenstadt in der Nähe des Bahnhofs befindet sich schließlich die Bürgergalerie Neumünster – hier werden nicht nur Kunstwerke gezeigt, sondern auch Konzerte, Feste und Lesungen veranstaltet.

Literarisches

Wenn man einen großzügigen Begriff von Literatur verwendet, beginnt die literarische Geschichte Neumünsters bereits sehr früh, mit dem bereits erwähnten Helmold: Bevor dieser in Bosau seine Slawenchronik niederschrieb, der wir viele unserer Kenntnisse über die Zeit der Slawenmissionierung verdanken, verbrachte er an der Seite Vicelins einige Zeit in Neumünster und wurde hier 1150 zum Diakon geweiht.

Mehr als 700 Jahre später erscheint Neumünster erneut auf der literarischen Landkarte: Der Theologe, Kunsthistoriker und Schriftsteller Johannes Biernatzki war ab 1892 Geschäftsführer des Landesvereins für Innere Mission in Schleswig-Holstein und in dieser Funktion einige Jahre in der Stadt tätig.

1895 wurde der später mit dem Kieler Expressionismus verbundene Schriftsteller Richard Blunck als Sohn eines Zigarrenmachers in Neumünster geboren. Nach Stationen in Kiel und Berlin und russischer Kriegsgefangenschaft im Zweiten Weltkrieg kehrte Blunck 1946 nach Neumünster zurück und lebte bis zu seinem Tod im Jahr 1962 in seinem (mittlerweile abgerissenen) Geburtshaus in der Altonaer Str. 9.

Bevor er sich endgültig in Eckernförde niederließ, war der große Naturdichter Wilhelm Lehmann für eine kurze Zeit auch in Neumünster als Lehrer tätig.

1926 verschlägt es Neumünsters bekannteste literarische Stimme in die Stadt: Hans Fallada tritt hier seine Haftstrafe wegen Betrugs an, und auch nach seiner Entlassung bleibt er zunächst hier und arbeitet als Lokalreporter. Sein Roman Bauern, Bonzen und Bomben (1931), der ihm den literarischen Durchbruch beschert, ist unmittelbar von seinen Erlebnissen in Schleswig-Holstein inspiriert, und für den Gefängnisroman Wer einmal aus dem Blechnapf frißt (1936) griff Fallada erneut auf seine eigenen Neumünsteraner Erfahrungen zurück. Sein Bild der Stadt ist komplex und widersprüchlich: Einerseits bekundet er, dass Neumünster „eigentlich schrecklich“ #3 sei, andererseits beschreibt er die prosaische Industriestadt in durchaus grandios-poetischen Tönen:

Neumünster ist die Stadt, die mit aller Energie um ihre Existenz kämpft. Es ist die Stadt, in der geliebt und gehasst wird, geboren und gestorben, um Brot gekämpft, in der Menschen sich zum Essen niedersetzen, ein Leben verbringen, hoffen, arbeiten und verzweifeln und von neuem hoffen: ein Nichts mit der Hand zuzudecken. Hingesetzt in die Weite unermesslichen Raumes, ein Staubkorn, ein Pünktchen auf der Größe des Erdballs, der wiederum weniger als die Spitze einer Nadel in einem Sonnensystem, das sich verliert unter Millionen von Sonnen, Erden, Planeten, Fix- und Wandelsternen.

Zitiert nach Alfred Heggen: „Mörderische Langeweile“ oder „liebenswerte Stadt“? Reisende, Autoren und Journalisten über Neumünster. In: . In: Marianne Dwars, Alfred Heggen (Hrsg.): Neumünster. Stadt im Wandel 1870–2020. Kiel/Hamburg: Wachholtz 2019, S. 209.

Die Stadt Neumünster wiederum hat nach ihrem berühmtesten Schriftsteller den Hans-Fallada-Preis benannt, der mit 10.000 € dotiert ist und seit 1981, dem 50. Jubiläum des Erscheinens von Bauern, Bonzen und Bomben, vergeben wird. Zu den Preisträger*Innen gehören Jurek Becker (1990), Günter Grass (1996) und Ralf Rothmann (2008).

Ebenfalls 1981 wurde in Neumünster der Verein „Die Brücke e.V.“  (heute Die Brücke Neumünster gGmbH) gegründet, um Menschen mit psychischen Erkrankungen und anderen benachteiligten Personengruppen zu helfen. Aus diesem Verein gingen unter Federführung von Fritz Bremer 1984 die Zeitschrift „Brückenschlag“ und 1990 der Paranus-Verlag hervor. Im Verlag erschienen unter anderem Erzählungen von Wolfdietrich Schnurre.

Im selben Jahr, 1959, wurden in Neumünster gleich zwei namhafte Schriftsteller geboren: Zum einen der in vielfältiger Weise mit Schleswig-Holstein verbundene Dichter und Literaturwissenschaftler Heinrich Detering, zum anderen der Kritiker und Prosaautor Ulf Erdmann Ziegler. Ziegler hat sich in seiner „Autogeographie“ Wilde Wiesen (2007) intensiv mit der Stadt auseinandergesetzt – sowohl mit der Kernstadt als auch mit dem Ortsteil Einfeld, in dem er aufwuchs:

Der Garten meiner Kindheit war ein Handtuchgrundstück auf dem holsteinischen Geestrücken, einer sandigen Ebene, gerahmt von anderen Kindheitsgärten gleichen Schnitts […]. Um jungen Familien zu Eigentum zu verhelfen, hatte ein Gewerkschaftskonzern, unberührt von den Lehren des Bauhauses, einen Doppelhaustyp entwerfen lassen, weiße Riegel mit roten Giebeldächern, die gerade Straßen säumten wie Miniaturen preußischer Kasernen.

Ulf Erdmann Ziegler: Wilde Wiesen. Autogeographie. Göttingen: Wallstein 2007, S. 21.

Vier Jahre nach Detering und Ziegler wurde 1963 der Berliner Theatermacher Paul M. Waschkau in Neumünster geboren.

In der Umgebung

Wie bereits erwähnt, ist die zentrale Lage als Verkehrsknotenpunkt entscheidend für Neumünsters Selbstverständnis und Geschichte. Dementsprechend ist man von hier aus hervorragend an alle Teile Schleswig-Holsteins angebunden, sei es nach Norden in die Landeshauptstadt Kiel (35 km), nach Nordwesten nach Rendsburg (40 km) oder nach Süden nach Elmshorn oder Bad Segeberg. Nähergelegene Ziel wie Bad Bramstedt oder Kellinghusen (jeweils ca. 25 km) sind auch per Fahrrad erreichbar.

23.11.2021 Jan Behrs

ANMERKUNGEN

1 Zitiert nach Alfred Heggen: „Mörderische Langeweile“ oder „liebenswerte Stadt“? Reisende, Autoren und Journalisten über Neumünster. In: . In: Marianne Dwars, Alfred Heggen (Hrsg.): Neumünster. Stadt im Wandel 1870–2020. Kiel/Hamburg: Wachholtz 2019, S. 208.

2 Klaus Fahrner: „Aus großer Zeit“. Zum bürgerlichen Selbstverständnis Neumünsters zwischen 1870 und 1945 im Spiegel historischer Ansichtskarten. In: Marianne Dwars, Alfred Heggen (Hrsg.): Neumünster. Stadt im Wandel 1870–2020. Kiel/Hamburg: Wachholtz 2019, S. 39.

3 Zitiert nach Alfred Heggen: „Mörderische Langeweile“ oder „liebenswerte Stadt“? Reisende, Autoren und Journalisten über Neumünster. In: . In: Marianne Dwars, Alfred Heggen (Hrsg.): Neumünster. Stadt im Wandel 1870–2020. Kiel/Hamburg: Wachholtz 2019, S. 208.