WISSENSWERTES

Die Kreisstadt des fast gleichnamigen Kreises (der ohne das „Bad“ auskommt) liegt im Südosten Schleswig-Holsteins auf halbem Weg zwischen Lübeck und Neumünster. Das Stadtbild wird dominiert vom etwa 100 m hohen Kalkberg im Zentrum, der auch historisch bedeutsam ist: Schon im 12. Jahrhundert wurde hier vom dänischen Herzog Knud Lavard eine erste Burg erbaut. Der Nachfolgebau aus dem Jahr 1134, der als Stützpunkt für die Christianisierung der in Ostholstein lebenden Wagrier dienen sollte, erhielt den Namen „Siegesburg“, worauf wiederum der Name der Stadt zurückgeht. Die Burg, die immer wieder erobert, zerstört und wiederaufgebaut wurde, stand bis gegen Ende des 17. Jahrhunderts, danach fiel sie dem Gipsabbau auf dem Kalkberg zum Opfer.

Ebenfalls aus dem 12. Jahrhundert stammt die bis heute erhaltene Marienkirche – sie wurde ab 1160 als Stiftskirche des Stifts Segeberg errichtet, das in der schützenden Nähe der Siegesburg zum Zweck der Missionierung entstand. Um Burg und Kirche wuchs eine Siedlung heran, die in den 1230er Jahren das Stadtrecht erhielt. Im 16. Jahrhundert erlebte die Stadt unter dem dänischen Amtmann Heinrich Rantzau eine Blütezeit. Aus dieser Zeit stammt das Gebäude des heutigen Stadtmuseums im Bürgerhaus – es wurde 1541 gebaut.

1868 wird unter dem Kalkberg ein Salzlager gefunden. Der Versuch, es abzubauen, scheitert, obwohl eigens zum Abtransport des gewonnenen Salzes 1875 die Eisenbahnlinie Oldesloe – Segeberg – Neumünster gebaut worden war. Die durch das Eindringen von Wasser in die Salzschicht entstandene Sole erweist sich jedoch als Glück im Unglück: Segeberg wird zum Kurort, und die Stadt wird durch die Anlage eines Kurhauses und -parks erheblich erweitert. Seit 1924 führt man deswegen das „Bad“ im Namen, wenngleich der Kurbetrieb in dieser Zeit schon wieder im Abschwung war. Das prächtige Kurhaus am Ufer des Großen Segeberger Sees wurde 1968 abgerissen.

In der Zeit des Nationalsozialismus fand der Kalkberg eine weitere Verwendung: Durch den Gipsabbau war eine tiefe Grube entstanden, und die Machthaber errichteten hier eine überdimensionierte „Thingstätte“ für völkische Theateraufführungen, die 1937 von Joseph Goebbels eröffnet wurde. Gespielt wurde eine Bühnenversion von Henrik Herses nationalsozialistischem Hanse-Roman Die Schlacht der weißen Schiffe. Nach Kriegsende entschied man sich, den ideologisch belasteten Ort umzuwidmen, und seit 1952 werden hier die Werke Karl Mays auf die Bühne gebracht. Die Segeberger Karl-May-Festspiele sind seitdem zur touristischen Hauptattraktion der Stadt geworden.

Aber auch abseits von Cowboys und Indianern ist in Bad Segeberg, heute ein regionales Zentrum mit über 17.000 Einwohnern, einiges geboten: Ebenfalls im Kalkberg befindet sich ein in Norddeutschland einzigartiges Höhlensystem, das bewandert werden kann und einige interessante Tierarten beherbergt: Zigtausende Fledermäuse, aber auch den nur hier anzutreffenden „Segeberger Höhlenkäfer“ (Choleva lederiana holsatica), der sich von ihren Exkrementen ernährt. Das bereits erwähnte Museum im Bürgerhaus (Lübecker Str. 15) wird von der Volkshochschule betrieben und bietet neben einer Dauerausstellung zur Stadtgeschichte und zu 500 Jahren bürgerlicher Wohnkultur mehrere Sonderausstellungen pro Jahr. Auf der anderen Seite der Innenstadt erinnern in der Hamburger Str. die Rantzaukapelle und der Rantzau-Obelisk an den berühmten mit der Stadt verbundenen dänischen Statthalter und Renaissanceautoren. Im ehemaligen Wohnhaus des Bildhauers Otto Flath (Bismarckallee 5) befindet sich heute eine Kunsthalle, die an den produktiven Künstler und Ehrenbürger der Stadt erinnert. Und in der Kurhausstr. 38 steht mit der 1852 gegründeten Wollspinnerei Blunck ein bis heute funktionsfähiges Industriedenkmal – eine Umwandlung in ein „arbeitendes Museum“ ist geplant, um den Betrieb für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Die Tourist-Information der Stadt in der Oldesloer Str. 20 informiert über alle touristischen Angebote. Im selben Gebäude befindet sich auch die Stadtbücherei.

LITERARISCHES

Die literarische Geschichte Segebergs beginnt mit Heinrich Rantzau, der nicht in erster Linie als Autor bekannt ist, aber umfassend gebildeter Renaissancemensch genug war, um lateinische Poesie sowie Traktate zu etlichen natur- und landeskundlichen Themen zu schreiben.

In der Mitte des 19. Jahrhunderts wirkte der niederdeutsche Autor und Pädagoge Joachim Mähl als Lehrer in Segeberg. 1851 wechselte er nach Reinfeld, kehrte aber nach seiner Pensionierung 1889 zurück und lebte hier bis zu seinem Tod 1909. Mähl war nicht nur ein produktiver Autor von volkstümlichen Stücken und Prosa, sondern übersetzte auch Texte wie Goethes Reineke Fuchs und Cervantes’ Don Quixote ins Niederdeutsche.

Der Schriftsteller und Journalist Georg Seidel (1919–1992), der nie unter seinem eigenen Namen und meistens unter dem Pseudonym „Christian Ferber“ schrieb, lebte während der Zeit, als er für Die Welt in Hamburg arbeitete, in einer alten Mühle bei Bad Segeberg.

Ihr ganzes Leben verbrachte hingegen die Autorin Hilda Kühl in der Stadt: Sie wurde hier 1921 geboren und begann nach dem Zweiten Weltkrieg mit dem Schreiben. Ab 1967 veröffentlichte sie Theaterstücke und Radiobeiträge in hoch- und später hauptsächlich niederdeutscher Sprache. Sie starb 2014.

Die Radiomoderatorin und Romanautorin Tina Wolf, die auch unter dem Pseudonymen „Fritzi Sommer“ und „Anne Wolf“ publiziert und zuletzt mit Labskaus für Anfänger einen Amrum-Roman vorgelegt hat, wurde 1973 in Bad Segeberg geboren.

Ebenfalls aus Bad Segeberg stammen zwei heute in Berlin lebende Autoren: Der Feuilletonist Detlef Kuhlbrodt (geb. 1961), dessen Berliner Alltagsszenen hauptsächlich in der taz, aber auch in Buchform erschienen sind, und Thomas Pregel (geb. 1977), der sich in seiner Kaltsommer-Trilogie mit einem fiktiven holsteinischen Dorf gleichen Namens auseinandergesetzt hat.

Eng mit Segeberg verbunden ist last but not least ein Autor, der sich laut Eigenauskunft „in dieser dorfähnlichen Stadt sehr wohl fühlt“ und 2014 als bisher wohl erster Segeberger beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt vorgetragen hat: Tobias Sommer wurde 1978 hier geboren und arbeitet heute als Finanzbeamter in der Stadt. Er hat im Septime-Verlag in Wien bisher drei Romane veröffentlicht, zuletzt Jagen 135 (2015).

IN DER UMGEBUNG

Bad Segeberg liegt am südwestlichen Rand des Naturparks Holsteinische Schweiz und verfügt über drei ausgeschilderte Wanderwege, die insbesondere die Seen im Stadtgebiet erschließen. In der weiteren Umgebung ist die Stadt von zahlreichen literarisch und touristisch interessanten Orten umgeben, die allesamt etwa 20 bis 40 km entfernt liegen. Von Norden beginnend sind dies im Uhrzeigersinn Plön, Eutin, Scharbeutz, Lübeck, Reinfeld, Bad Oldesloe, Bad Bramstedt und Neumünster.

30.4.2021Jan Behrs