WISSENSWERTES

Wer auch immer im 19. Jahrhundert nach Plön reiste, geriet ins Schwärmen. So auch der Engländer James Edward Marston, der als Sprachlehrer in Hamburg lebte und 1833 einen Führer „für Fußreisende in der Umgegend von Hamburg“ veröffentlichte.

Wohl wenige Oerter haben eine so imposante, malerische Lage, wie Ploen. Auf einem schmalen Strich Landes, zwischen zwei Wassern erbauet, liegt es an dem Ufer eines der schönsten Seen Nord-Deutschlands, im Schooße eines der fruchtbarsten Thäler Holsteins, allenthalben umgeben von beholzten Anhöhen, die die Ufer des See’s schmücken. […] Um Alles, was hier von der Natur geboten wird, recht zu genießen, sollte man Ploen in den heißen Sommertagen besuchen.

1 Peregrinus pedestris [Pseud. für Marston, James Edward Marston]: Der Holsteinische Tourist oder Wegweiser für Fußreisende in der Umgegend von Hamburg. Hamburg: Perthes & Besser 1833, S. 110.

Seine einzigartige Lage zwischen bewaldeten Höhen und einer Vielzahl von Seen verdankt Plön der letzten Eiszeit, deren Gletscher hier sowohl große Becken ausschabten, die sich später mit Schmelzwasser füllten, als auch steile Endmoränen aufschoben. Im Frühmittelalter war das Gebiet von Slawen besiedelt, die in der Völkerwanderungszeit nach Holstein eingewandert waren. Auf der Insel Olsborg vor Plön, die über eine Brücke mit dem Festland verbunden war, lag eine befestigte slawische Siedlung. Das Wasser zwischen der Olsborg und dem Festland wird im Winter meist von der hier durchfließenden Schwentine offen gehalten. Daher kommt sehr wahrscheinlich der Name Plön: die slawische Wurzel ‚plon‘ bedeutet ‚eisfreie Fläche in einem See‘. Bis Anfang des 12. Jahrhunderts war Plön ein slawischer Marktort. Als im Zuge der Expansion des Heiligen Römischen Reiches die Schauenburger die Herrschaft im Raum Plön übernahmen, wurde die Olsborg zerstört. Graf Adolf II. ließ eine neue Burg errichten, jedoch nicht auf der Insel Olsborg, sondern auf der höchsten Erhebung, dem heutigen Schlossberg. 1239 erhielt Plön das Lübische Stadtrecht, entwickelte sich aber nicht über einen Marktflecken hinaus. Erst im 17. Jahrhundert erlebte Plön einen Entwicklungsschub: nach mehrfachen Erbteilungen wurde das Städtchen Residenz der Herzöge von Schleswig-Holstein-Plön. Herzog Johann Ernst ließ 1632 die Plöner Burg abreißen und an ihrer Stelle das heutige Schloss Plön errichten, einen repräsentativen Bau im Renaissance-Stil mit barocken Einflüssen. Das später weiß verputzte, hoch über dem Plöner See gelegene Schloss wirkt mit seiner klar strukturierten Fassade, der charakteristischen Reihe gleichgroßer Giebel und den beiden Dachreitern auf schlicht-elegante Weise formvollendet. Der dreiflügelige Bau öffnet sich nach Süden zum Großen Plöner See hin. Von der öffentlich zugänglichen Terrasse vor dem Schloss hat man einen wunderbaren Ausblick.

Nicht nur architektonisch dominierte das Schloss die Stadt, es prägte auch die soziale Struktur des Ortes. Im 17. Jahrhundert etablierten sich hier Handwerker, die für den gehobenen Bedarf des Hofes arbeiteten, Hof- und Verwaltungsbeamte, Gartenfachleute für den weitläufigen Schlosspark, Künstler, Gelehrte und Schriftsteller. 1704 wurde eine Lateinschule gegründet, deren Nachfolgerin das heutige Gymnasium Schloss Plön ist. Als Plön 1866 preußisch wurde, funktionierten die neuen Landesherren das Schloss zur Kadettenanstalt um, wo Söhne vornehmer Familien auf eine militärische Karriere vorbereitet wurden. Auch die preußischen Prinzen wurden hier erzogen. Nicht unbedingt zu ihrer Freude, denn insbesondere Kaiser Wilhelm II. legte Wert auf eine strenge Erziehung, zu der auch körperliche Abhärtung gehörte. Schwimmen im kalten See und Rudern gehörten zur Ausbildung. 1933 wurde die Kadettenanstalt – gleichsam als logische Fortsetzung des preußischen Militarismus – in eine „Nationalpolitische Erziehungsanstalt“ (Napola) umgewandelt – die erste im NS-Staat. Nach 1945 und bis zum Verkauf an die Optikerfirma Fielmann im Jahr 2002 diente das Schloss als Internat für Schüler des Plöner Gymnasiums. Die sportlich-maritime Tradition der Schule lebt heute auf moderne Weise fort: Ruder- und Segelsport gehören zum Unterrichtsangebot.

Der Plöner See ist Teil des Naturparks Holsteinische Schweiz und ein beliebtes Ziel für Sommertouristen, Badegäste und Bootsfahrer. Aber er ist keineswegs harmlos. Schon 1852 warnte das „Taschenbuch für Reisende“

Der grosse Plönersee […] ist fischreich und die Plöner Aale sind berühmt, aber ist auch unruhig und und stürmisch, inselvoll, unsicher und reich an Sandbänken, bald ausserordentlich tief, bald plötzlich flach. [… ] Er ist überhaupt ein böses Wasser und fordert sich jedes Jahr, wie die Stimme des Volkes will, sein Opfer.

[Biernatzki, Hermann]: Taschenbuch für Reisende in den Herzogthümern Schleswig, Holstein, Lauenburg und das Fürstenthum Lübeck. Altona: Lehmkuhl 1852, S. 124.

LITERARISCHES

Der in Reinfeld geborene Dichter Matthias Claudius besuchte von 1755 bis 1759 die Plöner Lateinschule gemeinsam mit seinem Bruder Josias. 1787 wurde der Publizist August Adolph von Hennings Amtmann der Ämter Plön und Ahrensburg – eine herausragende Figur der Aufklärung in den Herzogtümern Schleswig und Holstein, frühliberaler Ökonom und Verfasser zahlreicher Schriften zu gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Fragen. Bis 1808 lebte und arbeitete er in einem Seitenflügel des Plöner Schlosses, das damals von dem regierungsunfähigen (wohl an Schizophrenie erkrankten) Herzog Peter Friedrich Wilhelm von Oldenburg bewohnt wurde. Unter den mit Plön verbundenen Literaten des 19. Jahrhunderts ist vor allem Rochus von Liliencron zu nennen, Nordist, Musikhistoriker und Volksliedforscher, der in Plön geboren ist und kurzzeitig hier das Gymnasium besuchte. In seinen Erinnerungen wie auch in einer kleinen, kaum bekannten Schrift „Ploen, ein Spaziergang“ (1840) beschreibt er das romantisch-idyllische Plön seiner Jugendzeit. Von 1836 bis 1839 lebte in Plön der Pastor und Schriftsteller Gustav Gardthausen, der unter dem Pseudonym Justus Ernst schrieb. Er war als Erzieher bei der verwitweten Gräfin Luckner tätig, deren Stieftochter er später heiratete. Lediglich regional bekannt, dafür in Plön umso bekannter ist die Schriftstellerin Charlotte Niese, die nach einem bewegten Leben als unverheiratete Lehrerin 1881 zu ihrer Mutter nach Plön zog und hier zu schreiben begann, zunächst unter dem männlichen Pseudonym Lucian Bürger. An sie erinnert der Charlotte-Niese-Weg, ein kurzer Fußweg, der von der Fünf-Seen-Allee abgeht.

IN DER UMGEBUNG

Südlich von Plön liegt am Ostufer des Großen Plöner Sees Bosau, wo der Priester Helmold im 12. Jahrhundert seine „Chronica Slavorum“ schrieb. Das 15 km östlich von Plön gelegene Eutin ähnelt in seiner Stadtstruktur mit Schloss, Schlosspark, Kirche und Markt ein wenig Plön. Eutin war ebenfalls Residenzstadt, aber unter anderer politischer Herrschaft als Plön. Auch hier lebten Gelehrte und Schriftsteller, was Eutin später den Namen „Weimar des Nordens“ eintrug. Im Dorf Grebin 7 km nordöstlich von Plön lebte auf Hof Mölenhoff seit 1932 der Jurist, NS-Schriftsteller und Kulturfunktionär Hans Friedrich Blunck.

16.6.2021Susanne Luber