Während andere Orte in Schleswig-Holstein ein gewisses Understatement betreiben, was ihre Literaturbezüge angeht, lässt sich von Lübeck das Gegenteil behaupten: Die Literatur ist fester Bestandteil der Selbst- und Fremdwahrnehmung der Stadt (die ja auch sonst an Attraktionen nicht arm ist), und das Bild von Lübeck, das wir haben, ist stärker literarisch geformt als bei irgendeiner anderen deutschen Stadt. Dementsprechend sind literarische Stadtspaziergänge und dergleichen in der Hansestadt kein Nischenprodukt: Wer sich für die lübische Literaturgeschichte interessiert, wird keine Schwierigkeiten haben, entsprechende touristische Angebote zu finden, beispielsweise die Stadtführungen des Buddenbrookhauses.

Mit den Buddenbrooks ist bereits der Hauptverantwortliche für die Literarisierung der Stadt angesprochen: Thomas Mann hat zusammen mit seinem Bruder Heinrich das künstlerische Bild Lübecks maßgeblich geprägt, und allein über die Beziehungen seines bekanntesten Romans zur Stadt lassen sich ganze Bücher schreiben, wie das unter anderem der langjährige Leiter des Buddenbrookhauses Hans Wißkirchen eindrücklich unter Beweis gestellt hat. #1 Bevor die Manns und ihre Vorgänger und Nachfolger auch hier zu ihrem Recht kommen, lohnt sich vielleicht die Frage: Warum gerade Lübeck? Wie konnte ausgerechnet diese nicht unbedeutende, aber auch nicht gerade weltbewegende Stadt zu einem global  bekannten literarischen Schauplatz werden? Der Erklärungsansatz, den Wißkirchen mit Blick auf Lübecks Status als Freie Hansestadt gibt, ist bedenkenswert:

Lübeck war zwar klein, aber ein kompletter Staat mit allen erforderlichen Institutionen: Mit einem Parlament, Bürgerschaft genannt, einer Regierung, hier Senat tituliert, einer Börse, Gerichten und was sonst noch dazugehörte – wichtig war vor allem das Theater mit seiner Oper. Für Thomas Mann bedeutete dies, dass er auf kleinstem Raum eine ganze Welt vor sich hatte.

Hans Wißkirchen: Buddenbrooks – Die Stadt, der Autor und das Buch. In: Ders. (Hrsg.): Die Welt der Buddenbrooks. Frankfurt am Main: S. Fischer 2008, S. 20.

Ein überschaubarer, abgeschlossener Ort, wo trotzdem die gesamte Komplexität eines Gemeinwesens gezeigt werden kann – was könnte besser für Autor*Innen geeignet sein, die ihre literarischen Weltentwürfe im begrenzten Rahmen eines Romans oder einer Erzählung unterbringen müssen?

Klein ist das literarische Lübeck auch heute – abgesehen vom knapp 20 km von der Innenstadt entfernten Ostseebad Travemünde, das den Lübecker*Innen seit jeher als Ausflugsziel dient und das hier in einem separaten Artikel behandelt wird, befinden sich die meisten literarischen Orte im Gebiet der Altstadt und sind problemlos zu Fuß zu erkunden. Im Zentrum dieser Altstadt steht die Marienkirche aus dem 13. Jahrhundert (Marienkirchhof 1): Der mächtige Bau der Basilika gilt als Pionierwerk der norddeutschen Backsteingotik und symbolisiert die überragende Bedeutung, die Lübeck im Mittelalter hatte. 1160 hatte die Siedlung das Stadtrecht erhalten, und in den folgenden zwei Jahrhunderten errang man allmählich die Vorherrschaft in der Hanse, dem mächtigen Bund von Handelsstädten an der Ostsee. Besonders durch den Handel mit dem russischen Nowgorod gewann die Stadt an Bedeutung, und im 14. Jahrhundert gehörte Lübeck mit Köln und Magdeburg zu den größten Städten Deutschlands. Die Marienkirche spiegelt das Selbstbewusstsein der reichen und stolzen Hansestadt in dieser Zeit wider, zuallererst im weltberühmten Lübecker Totentanz: Das 1463 entstandene und 1942 zerstörte Bildwerk von Bernt Notke zeigt im mittleren Teil Lübecker Honoratioren vor dem Hintergrund der Stadt, um seine Botschaft von der Allgegenwärtigkeit des Todes zu verdeutlichen – schon hier also ein großer Weltentwurf, der von der kleinen Welt der Stadt seinen Ausgang nimmt. Der Totentanz, selbst bereits eine Kombination von Bild und Text, hat nach Ansicht mancher Gelehrter als Grundlage für das „Redentiner Osterspiel“ von 1464 gedient: ein wichtiger literarischer Text des Spätmittelalters, der auch ganz konkret auf die Stadt Bezug nimmt. Spätestens mit diesem Werk ist Lübeck damit in der Literaturgeschichte angekommen. Wie für den politisch bedeutsamen Hauptort der Hanse nicht überraschend, tritt die Stadt in dieser Zeit auch als Verlagsort in Erscheinung: 1494 druckt Steffen Arndes, der seine Werkstatt nicht weit von der Marienkirche an der Ecke Königstr./Fleischhauerstr. hat, eine mittelniederdeutsche Bibel, die deutlich vor der Reformation die christliche Heilslehre in die Volkssprache bringt. 1533/34 bringt der Reformator Johannes Bugenhagen dann in Lübeck die erste mittelniederdeutsche Ausgabe der Lutherbibel heraus.

In der Neuzeit führen literarische Spuren anderer Art in die Marienkirche: Heinrich und Thomas Mann wurden hier 1871 und 1875 getauft. Fanny von Reventlow, die 1889 nach Lübeck zog und sich dem literarisch-aufrührerischen „Ibsen-Club“ anschloss, traf sich hier mit ihrem Geliebten Emanuel Fehling. #2 Als die Kirche 1942 zerbombt wurde, machte sich Thomas Mann bei vielen Lübecker*Innen unbeliebt, als er mit Blick auf die zuvor von den Deutschen zerstörte Kathedrale von Coventry an die, wenn man so will, durchaus hanseatisch-kaufmännische „Lehre, daß alles bezahlt werden muß“ erinnerte. #3 Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs  engagierte er sich jedoch für den Wiederaufbau.

Nach der Blütezeit Lübecks im Mittelalter ging es mit der Stadt politisch bergab – die Hanse verlor an Bedeutung, und der ehemals so mächtige Hauptort hatte sich damit abzufinden, dass sein Gewicht schwand und die anderen beiden großen Hansestädte, Hamburg und Bremen, an Lübeck vorbeizogen. Aus literarischer und touristischer Sicht könnte genau dies allerdings auch als Vorteil betrachtet werden: Die Stadt blieb als kompakte, im Wesentlichen mittelalterliche Kulisse erhalten, was seit dem 18. Jahrhundert die Reisenden erfreute und im späten 19. Jahrhundert zur Frustration von Bürgersöhnen wie den Manns und damit zum literarischen Aufschwung führte. So fühlte sich Hans Christian Andersen bei seinem Besuch 1831 „um Jahrhunderte in der Zeit zurückversetzt“, und Theodor Fontane bemerkte 1864 ebenfalls den „gothisch-mittelalterlichen Charakter“ der Stadt. #4 Selbst der 1853 „im Schatten von Sankt Marien“ #5 geborene Gustav Falke, der eigentlich der Moderne näher steht, beginnt seine Autobiografie Die Stadt mit den goldenen Türmen ganz selbstverständlich mit dem Glanz des mittelalterlichen Lübeck:

Und nun trat langsam, in immer größerer Glorie, die Sonne hervor und schüttete ihre flammenden Rosen über die erwachende Stadt aus. Zuerst erglühten die schlanken Türme von St. Jakobi in einem märchenhaften Rot, aber blitzgleich folgten St. Marien und St. Ägidien und die ernsten Türme des Domes; und das schimmernde Licht lief an ihnen hernieder und über die hohen Dächer hin.

Gustav Falke: Die Stadt mit den goldenen Türmen. Die Geschichte meines Lebens. Berlin: Grote 1912, S. 4f.

Für die Baukunst und Literatur der Jahre zwischen Blüte und Buddenbrooks kann am besten das Behnhaus in der Königstr. 9 stehen – auf dem Weg dorthin kann man in der Breiten Str. 13 das Wohnhaus von Dorothea Rodde-Schlözer (1770-1825) anschauen, einer der ersten promovierten Frauen in Deutschland, die aus Göttingen stammte und 1792 einen wohlhabenden Lübecker Kaufmann ehelichte. Das klassizistische Behnhaus gleich um die Ecke erhielt seine heutige Gestalt im frühen 19. Jahrhundert, als es dem Kaufmann und späteren Bürgermeister Peter Hinrich Tesdorpf gehörte. Zu dessen Freunden gehörte niemand Geringeres als Friedrich Gottlieb Klopstock, der deswegen öfters hier zu Gast war. Heute ist das Haus zusammen mit dem benachbarten Drägerhaus ein Museum, das die bürgerliche Wohnkultur Lübecks eindrucksvoll abbildet. Während es normalerweise der bildenden Kunst des 19. und frühen 20. Jahrhunderts gewidmet ist, gibt es hier im Moment auch eine Ausstellung zu den Buddenbrooks zu sehen, während das Buddenbrookhaus umgebaut wird.

Ebenfalls auf der Königstraße, wieder etwas weiter südlich, befindet sich ein weiterer Ort, der die Lübecker Literatur prägend beeinflusst hat: Das Katharineum (Königstr. 27-31), Lübecks traditionsreiches Gymnasium. Es geht auf ein Kloster aus dem 13. Jahrhundert zurück, in dem 1531 von Johannes Bugenhagen eine Lateinschule eingerichtet wurde. Im Laufe der Jahrhunderte haben hier etliche Schriftsteller aus Lübeck und darüber hinaus die Schulbank gedrückt: Theodor Storm, Emanuel Geibel, Erich Mühsam und Werner Bergengruen, außerdem der Philosoph Hans Blumenberg, der 1939 als sogenannter „Halbjude“ nicht mehr an der Abiturfeier teilnehmen durfte. #6 Die bekanntesten Schüler sind aber sicherlich erneut die Mann-Brüder, die hier seit 1884 mit eher wenig Begeisterung die Schule besuchten. Heinrich Mann ließ in seinem 1905 erschienenen Roman den Gymnasiallehrer Raat alias Professor Unrat hier sein Wesen bzw. Unwesen treiben, was nicht auf eine allzu freundliche Beziehung zur Schule hinweist. Und auch Thomas Manns Schulkarriere verlief eher unrühmlich, wie er selbst bekennt:

Ich bin ein verkommener Gymnasiast, nicht, daß ich durchs Abiturexamen gefallen wäre – es wäre Aufschneiderei, wollte ich das behaupten, sondern ich bin überhaupt nicht in Prima gelangt; ich war schon in Sekunda so alt wie der Westerwald. Faul, verstockt und voll liederlichen Hohnes über das Ganze, verhaßt bei den Lehrern der altehrwürdigen Anstalt […].

Zitiert nach Hans Wißkirchen: Spaziergänge durch das Lübeck von Heinrich und Thomas Mann. Hamburg, Zürich: Arche 1996, S. 65f.

Bevor wir zu den Manns und ihrer auch nach der Schulzeit andauernden Opposition gegen die Vaterstadt zurückkehren, wenden wir uns zwei weniger aufmüpfigen Figuren zu, die vor den Buddenbrooks und Professor Unrat das literarische Lübeck repräsentierten: Emanuel Geibel und Ida Boy-Ed. Der erstgenannte, ebenfalls ein Schüler des Katharineums, ist ganz in der Nähe am Koberg mit einer Statue scheinbar würdig repräsentiert. Die damit ausgedrückte Anerkennung relativiert sich allerdings, wenn man weiß, dass das heute an den Rand verschobene Denkmal bis 1936 in der Mitte des Platzes stand, der überdies Emanuel-Geibel-Platz hieß – ganz offenbar hat Geibel in Lübeck nicht mehr den Rang, den er einmal hatte. In der Tat ist es heute angesichts des mäßigen Bekanntheitsgrads des Dichters nicht ganz leicht zu verstehen, was für ein literarischer Star der 1815 geborene Lyriker, dessen Sammlung Gedichte in mehr als 100 Auflagen erschien, zu Lebzeiten war. Vor den Manns konnte er – eher durch seine persönliche Verbindung zur Stadt als durch Lübeck-Themen in seinen Werken – als der herausragendste literarische Repräsentant der Hansestadt gelten. Als Sohn des Pastors der Reformierten Gemeinde wurde er mitten in der Altstadt in der Fischstraße 25 geboren. In autobiografischen Versen beschreibt der am Ende seiner Laufbahn stehende Poet, wie er als Kind auf dem Dach des Elternhauses erstmals zu dichten begann:

Dort auch ward ich zuerst von der Muse berührt und die Fülle
Nimmer vergess’ ich des Glücks, die wie ein Rausch mich befing,
Als im erregten Gemüth freiwillig die Reime sich fügten
Und der Gedanke von selbst rhythmisch zu fließen begann.
Nichts war Mühe dabei. […]

Emanuel Geibel: Ein Buch Elegien. In: Gesammelte Werke in acht Bänden. Bd. 5, Stuttgart: Cotta 1883, S. 89.

Nach seiner Zeit in München, wo er am Hof Maximilians II. ein einträgliches Dichterstipendium erhalten hatte, kehrte er 1868 mit allen Ehren nach Lübeck zurück und lebte seitdem stets in der Altstadt, zuletzt im Haus Königstr. 12 gegenüber dem Behnhaus, wo eine Gedenktafel an ihn erinnert. Als er 1884 starb, fühlte sich der spätere Naturalist Arno Holz dazu berufen, in pathetischen Worten das Ende der Dichtkunst insgesamt auszurufen:

O, nun ist todt der letzte Dichter
Und mit ihm auch – die Poesie!

Arno Holz: [Gedenkgedicht auf Emanuel Geibel]. In: Emanuel Geibel. Ein Gedenkbuch. Hrsg. v. Arno Holz. Berlin, Leipzig: Parrisius 1884, S. 303.

So kam es bekanntlich nicht – die Poesie ist bis heute quicklebendig, und an die Stelle des patriotisch-konservativen Geibel traten schnell andere Autorinnen und Autoren. Die Rolle der Dichterkönigin Lübecks übernahm die 1852 geborene Ida Boy-Ed, die dafür härter arbeiten musste als sonst irgendwer: Obwohl sie aus einem literarisch gebildeten Elternhaus stammte und sogar in einem Verlagsgebäude am Traveufer der Altstadt aufwuchs (Große Petersgrube 29), hatte sie nach ihrer Heirat in eine angesehene Lübecker Kaufmannsfamilie mit Verständnislosigkeit und Anfeindungen zu kämpfen – ihre Schriftstellerkarriere musste sie sich, anders als beispielsweise Geibel, mühsam gegen ihr soziales Umfeld erkämpfen. Erst nachdem ihre mit enormem Fleiß in den Nebenstunden geschriebenen Romane allmählich finanziell einträglich wurden, arrangierte sich die Familie ihres Mannes mit der Tatsache, eine Schriftstellerin in ihren Reihen zu haben. Dieser Anerkennung folgte die der Stadt, die Boy-Ed zu ihrem 60. Geburtstag dauerhaftes Wohnrecht im Zöllnerhaus am Burgtor (Große Burgstr. 5) verlieh – ganz in der Nähe befindet sich heute auch der „Ida-Boy-Ed-Garten“. Im Zöllnerhaus lebte sie bis zu ihrem Tod 1928 und blieb nicht nur literarisch produktiv, sondern förderte auch den dichterischen Nachwuchs. Unter den jungen Dichtern, die bei Boy-Ed aus und ein gingen, war auch ein gewisser Thomas Mann, der ihr zeitlebens verbunden blieb und bei seinen späteren Lübeck-Besuchen bei ihr übernachtete. Dass Boy-Ed das Talent des aufstrebenden Jungdichters sehr früh erkannte, mag an einer gewissen Parallelität der Lebenswege gelegen haben: „Sie wußte, was es hieß, sich in Lübeck mit einer ‚unbürgerlichen‘ Leistung durchzusetzen; sie hatte es selbst erlebt und durchgekämpft.“ #8 Dass Boy-Ed heute überwiegend nur als Förderin des großen Mann wahrgenommen wird, ist bedauerlich: Dieser Blickwinkel verkennt nicht nur die eigene Bedeutung der Dichterin, die nach ihrem Tod von den Lübecker*Innen mit einer Trauerfeier in der Marienkirche bedacht wurde, die aussah, „als trage man eine regierende Fürstin zu Grabe.“#9 Auch das literarische Werk Boy-Eds wird in dieser Betrachtungsweise übersehen, was insbesondere für einige spätere Texte ein echter Verlust ist. Ihr  Roman Ein königlicher Kaufmann von 1910 kann sogar als Ergänzung oder auch als Gegenentwurf zu den Buddenbrooks gelesen werden, der insbesondere in der Schilderung des industriellen Lübeck durchaus gegen das berühmte Vorbild bestehen kann. Mann selbst scheint das so gesehen zu haben: Er lobt die „Beherrschung alles Kaufmännischen“ bei Boy-Ed und fügt kokett hinzu, er habe „besonderen Grund, hier zu bewundern, denn eine der schwachen Seiten meines eigenen Kaufmannromans ist, daß das Kaufmännische darin auf eine fast ärmliche Weise zu kurz kommt.“ #10

Hiermit sind wir endgültig bei den Manns angelangt, denen in Lübeck, die vorangegangenen Absätze haben es gezeigt, ja ohnehin nicht zu entkommen ist. Wer die beiden großen Lübeck-Romane der Brüder – Buddenbrooks und Professor Unrat – kennt, weiß, dass sie für die Zeit um 1900 ein umfassendes literarisches Panorama der Stadt geben. Man könnte sich mit einem der beiden Bücher oder der App „Buddenbrook-Safari“ in der Hand in das touristische Gedrängel der Altstadt begeben und Station für Station ablaufen, und selbst bei Verzicht auf diese handgreifliche Methode ist es wohl unmöglich, nicht an die vorangegangene Lektüre zu denken, wenn man Lübeck erkundet. Wer allerdings die Ineinssetzung von Buch und Stadt zu weit treibt, muss sich von Hans Wißkirchen (und anderen) an das Eigenrecht der Literatur erinnern lassen:

Niemals […] ist das Verhältnis eines Schriftstellers zur Stadt, aus der er kommt, allein an den Äußerlichkeiten festzumachen. Natürlich sehen und beschreiben Heinrich und Thomas Mann viele der Häuser, Straßen, Schulen und Kirchen, die man heute noch fast unverändert in Lübeck sehen kann, aber sie tun mehr: Sie […] verbinden mit dem Topographischen ihre Gefühle und Wünsche, ihre literarischen Phantasien.

Hans Wißkirchen: Spaziergänge durch das Lübeck von Heinrich und Thomas Mann. Hamburg, Zürich: Arche 1996, S. 5.

Angesichts dieser Schwierigkeit schlägt Wißkirchen vor, lieber den „‚kleinen Grenzverkehr‘ zwischen der beschriebenen Wirklichkeit und ihrer Gestaltung im Roman“ in den Blick zu nehmen, #11 und kaum ein Ort wäre für diesen Grenzverkehr interessanter als das Buddenbrookhaus in der Mengstr. 4. Bekanntlich ist dieses nicht nur Schauplatz des Romans, sondern auch Sitz der realen Familie Mann, die von hier ihren Getreidehandel betrieb. Wer vor dem Haus steht, das man derzeit wegen des Umbaus nur von außen bestaunen kann, sieht erneut, wie klein das literarische Lübeck ist: der Geburtsort Heinrich Manns in der Breiten Str. 52-54 und der von Thomas Mann in der Breiten Str. 38 bzw. ihre gegenwärtigen Entsprechungen sind nur wenige Gehminuten entfernt, und auch die Wege der Manns bzw. Buddenbrooks in die Marienkirche oder ins Rathaus waren kurz.

Heute wird im Buddenbrookhaus auch die Auseinandersetzung mit einem Autor gefördert, der die Mann-Brüder in Sachen Oppositionsgeist erheblich übertraf und die kritische Auseinandersetzung mit dem Herkunftsmilieu deutlich weiter trieb: Die Erich-Mühsam-Gesellschaft pflegt seit 1989 das Andenken des in Lübeck geborenen Bürgerschrecks und Anarchisten Erich Mühsam. Dieser wurde etwas außerhalb der Altstadt in der Moislinger Allee 2c geboren, ist mit dem Buddenbrookhaus aber zumindest insofern verbunden, als dass er gleich nebenan in der heute zerstörten Adler-Apotheke (Mengstr. 10) eine Apothekerlehre machte, bevor er die Stadt 1901 in Richtung Berlin verließ. Nachdem er in der Münchener Räterepublik eine entscheidende Rolle gespielt und in der Weimarer Republik nach überstandener Festungshaft weiter für die Sache des Anarchismus gekämpft hatte, wurde er 1934 von den Nationalsozialisten im KZ Oranienburg ermordet.   

In seiner Sammlung Mein Jahrhundert, die in hundert Erzählungen einen literarischen Rückblick auf das 20. Jahrhundert bietet, hat ein weiterer kanonischer Autor Lübecks seine Sicht auf die Ermordung Mühsams präsentiert: Günter Grass beschreibt die Szene im Kapitel „1934“ aus der Perspektive eines SS-Manns. Wer sich auf die Spuren des Nobelpreisträgers begeben will, muss erneut nicht weit laufen: Das ehemalige Büro des Schriftstellers und bildenden Künstlers liegt in der Glockengießerstr. 21. Heute ist dort das Günter Grass-Haus untergebracht, das sich mit der Literatur und Kunst von Grass beschäftigt, aber auch andere Künstler*Innen in den Blick nimmt: Insbesondere weitere Doppelbegabungen zwischen Wort und Bild werden regelmäßig in Wechselausstellungen präsentiert. Wenn man angesichts der Tatsache, dass Grass in der Glockengießerstraße nur sein Büro hatte, Lust verspürt, sich in seinen Wohnort Behlendorf zu begeben, kann man das von hier aus tun: Das Grass-Haus bietet eine Smartphone-App namens „Tour de Grass“ an, mit deren Hilfe Lübeck und Behlendorf per Fahrrad erkundet werden können.

Auch wenn sich dieser Artikel aus Platzgründen hauptsächlich auf die Dickschiffe der Lübecker Literatur beschränkt, gibt es selbstverständlich auch abseits von Mann, Grass & Co. ein lebendiges literarisches Leben in der Hansestadt. Dass das so ist, ist nicht zuletzt Institutionen wie dem Lübecker Autorenkreis zu verdanken: Diese Vereinigung hat es sich seit 1980 unter Leitung von Klaus Rainer Goll zur Aufgabe gemacht, hiesigen und auswärtigen Autor*Innen ein Forum zu bieten – unter anderem beim „Literarischen Frühschoppen“ im Traditionsgasthaus „Im alten Zolln“ (Mühlenstr. 93-95).

Eine elegante Verbindung zwischen dem kanonischen Lübeck der Buddenbrooks und dem der Gegenwart stellt der großangelegte Roman Stadt aus Rauch der in der Stadt geborenen Autorin Svealena Kutschke her. Die Handlung beginnt im späten 19. Jahrhundert, und Kutschke geht der Auseinandersetzung mit den literarischen Galionsfiguren dieser Zeit nicht aus dem Weg: Ida Boy-Ed und Thomas Mann tauchen nicht nur im Roman auf, sondern die Autorin stellt ihnen mit dem Schriftsteller Hans Willnauer außerdem ein fiktives Gegenbild an die Seite, mit dessen Hilfe sie ihrer Auseinandersetzung mit der Literaturgeschichte eine ironische Brechung geben kann. Dieser Willnauer hat nämlich das Pech, dass alle seine literarischen Unternehmungen eine fatale Ähnlichkeit mit den Werken des wesentlich berühmteren Thomas Mann haben. Sein Opus Magnum

zeichnete den Aufstieg und den Fall einer Familie, nur umgekehrt, ständiger Fall, und irgendwann, aber erst auf Seite 773, schaffte es einer aus dem Schlamassel heraus. Für 221 Seiten ging es stetig aufwärts, dann kam was in die Quere, und der Fall begann erneut und zog sich über 354 Seiten, Schlussakkord in der Trave.

Svealena Kutschke: Stadt aus Rauch. Roman. Köln: Eichborn 2017, S. 125.

Danach führt Kutschke die Handlung des Romans rasch in die 1990er Jahre und verlässt die ausgetretenen Gassen der Altstadt, um das alternative Leben auf einem Wagenplatz der nahegelegenen Wallhalbinsel zu erkunden. Die Protagonistin dieses Romanteils, die mit viel Sympathie geschilderte Aussteigerin Jessie, steht im Konflikt mit der bürgerlich-gesättigten Lübecker Mehrheitsgesellschaft und kann deswegen mit der für Tourist*Innen optimierten Schönheit der Altstadt herzlich wenig anfangen:

Die Niedlichkeit der Altstadthäuschen verursachte ihr Übelkeit. Mindestens vierzig Prozent der Stadt standen unter Denkmalschutz, als wäre es keine Stadt, sondern das Bild einer Stadt. Wenn Jessie durch die Straßen lief und von der Königs- in die Hüxstraße einbog, war es, als ob sie eine Seite in einem Bildband umblätterte. Sie hatte das Gefühl, einen fettigen Fingerabdruck auf einem Hochglanzabzug zu hinterlassen, wenn sie eine raue Steinfassade berührte, und wenn sie auf der Straße mit jemandem zusammenstieß, tat es weh, als ob man sich an Papier schnitt. Jessie müsste nur ein Streichholz an die Aegidienkirche halten, um die Stadt mit einem Atemzug zu vernichten.

Svealena Kutschke: Stadt aus Rauch. Roman. Köln: Eichborn 2017, S. 496.

Eine ganz ähnliche Perspektive auf die nicht für alle gleichermaßen attraktiven Schönheiten des touristischen Lübeck hat der 2021 erschienene Roman Ministerium der Träume von Hengameh Yaghoobifarah. Er ist emphatisch gerade nicht in der Altstadt angesiedelt, sondern im Neubaugebiet Hudekamp, und die iranischstämmige Protagonistin, die unter dem Rassismus der Mehrheitsgesellschaft zu leiden hat, setzt sich ebenfalls mit dem Kontrast zwischen der den Tourist*Innen gezeigten Postkartenidylle und den unguten eigenen Erinnerungen auseinander:

Dieselbe Stadt, die ich als so grauenvoll wahrnehme, ist für andere ein pittoresker Urlaubsort am Meer, mit Sehenswürdigkeiten, die es zu fotografieren lohnt, kulinarischen Spezialitäten, deren Wucherpreise eher für als gegen den Genuss sprechen, und einer Luft, die man tief einatmet, um die Lungen zu reinigen. Ich konnte währenddessen hier nie durchatmen.

Hengameh Yaghoobifarah: Ministerium der Träume. Roman. Berlin: Blumenbar 2021, S. 274.

Die Frage, wer im pittoresken mittelalterlichen Zentrum von Lübeck heute durchatmen kann und wer nicht, muss von literarischen Spaziergänger*Innen nicht beantwortet werden, aber es lohnt sich durchaus, sie im Hinterkopf zu behalten, wenn man zwischen den sieben Türmen der Hansestadt flaniert.

IN DER UMGEBUNG

Das literarische Leben endet nicht an Lübecks Stadtgrenzen: In unmittelbarer Nähe zur Hansestadt liegen das bereits erwähnte Behlendorf und - ebenfalls im Süden - Ratzeburg, wo Ernst Barlach aufwuchs und auch begraben liegt. In Richtung Westen geht es nach Reinfeld, dem Geburtsort von Matthias Claudius, und Bad Oldesloe. Im Norden schließlich liegt mit Eutin ein literarisches Schwergewicht in nur etwa 35 km Entfernung.

5.7.2021 Jan Behrs

ANMERKUNGEN

1 Hans Wißkirchen: Spaziergänge durch das Lübeck von Heinrich und Thomas Mann. Hamburg, Zürich: Arche 1996. Hans Wißkirchen (Hrsg.): Die Welt der Buddenbrooks. Mit Beiträgen von Britta Dittmann, Manfred Eickhölter und H.W. Frankfurt am Main: S. Fischer 2008. Beide Bücher wurden für diesen Artikel dankbar benutzt.

2 Hans Wißkirchen: Spaziergänge durch das Lübeck von Heinrich und Thomas Mann. Hamburg, Zürich: Arche 1996, S. 78f.

3 Thomas Mann: Deutsche Hörer! Radiosendungen nach Deutschland aus den Jahren 1940–1945. Frankfurt am Main: Fischer 2001, S. 59.

4 Beide Zitate nach Hans Wißkirchen: Spaziergänge durch das Lübeck von Heinrich und Thomas Mann. Hamburg, Zürich: Arche 1996, S. 9f.

5 Gustav Falke: Die Stadt mit den goldenen Türmen. Die Geschichte meines Lebens. Berlin: Grote 1912, S. 3.

6 https://katharineum.de/unsere-schule/aus-der-geschichte-der-schule/ (letzter Aufruf 30.6.21).

7 Zitiert nach Hans Wißkirchen: Spaziergänge durch das Lübeck von Heinrich und Thomas Mann. Hamburg, Zürich: Arche 1996, S. 67.

8 Peter de Mendelssohn: Vorbemerkungen des Herausgebers. In: Thomas Mann: Briefe an Otto Grautoff und Ida Boy-Ed. Frankfurt: Fischer 1975, S. xvi.

9 Peter de Mendelssohn: Vorbemerkungen des Herausgebers. In: Thomas Mann: Briefe an Otto Grautoff und Ida Boy-Ed. Frankfurt: Fischer 1975, S. xxiii.

10 Brief von Thomas Mann an Ida Boy-Ed vom 28.6.1910. In: Thomas Mann: Briefe an Otto Grautoff und Ida Boy-Ed. Frankfurt: Fischer 1975, S. 169f.

11 Hans Wißkirchen: Buddenbrooks – Die Stadt, der Autor und das Buch. In: Ders. (Hrsg.): Die Welt der Buddenbrooks. Frankfurt am Main: S. Fischer 2008, S. 60.