Friedrich Gottlieb Klopstock

Klopstock, Friedrich Gottlieb

Wegbereiter der Empfindsamkeit, des Sturm und Drang und der Erlebnisdichtung

Geboren in Quedlinburg am 2. Juli 1724
Gestorben in Hamburg am 14. März 1803

Der einstmals so wichtige Dichter Klopstock ist uns schon seit geraumer Zeit ziemlich fremd geworden. Endgültig vorbei sind wohl die Zeiten, in denen eine Szene wie die folgende den Leser*Innen bewegend und plausibel erschien:

Sie […] sah gen Himmel und auf mich, ich sah ihr Auge tränenvoll, sie legte ihre Hand auf die meinige und sagte – Klopstock!

Ich versank in dem Strome von Empfindungen, den sie in dieser Losung über mich ausgoß. Ich ertrugs nicht, neigte mich auf ihre Hand und küßte sie unter den wonnevollesten Tränen.

Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werthers. Hrsg. von Wilhelm Voßkamp und Waltraut Wiethölter. Frankfurt am Main: Insel 2007, S. 26.

Der hier von Goethes Werther und seiner Lotte zum emotionalen Programm erhobene Dichter war zudem nicht einmal Schleswig-Holsteiner – warum gehört er trotzdem zum „Dichterland“?

Bei näherem Hinsehen stellt sich heraus, dass Klopstock gerade in Schleswig-Holstein besonders tiefe Spuren hinterlassen hat. Das ergibt auch geografisch Sinn, denn der in Mitteldeutschland geborene Dichter erhielt seine erste feste Stellung 1751 am Hof von König Friedrich V. in Kopenhagen, wirkte also genau dort, wo über die Geschicke Schleswig-Holsteins entschieden wurde. Später ließ er sich in Hamburg nieder, sodass zwei seiner Wirkungsstätten das Land sozusagen einklammern.

Klopstocks überragender Bedeutung für die deutsche Literatur des 18. Jahrhunderts entspricht es, dass er auch im Norden Deutschlands sowohl glühende Anhänger als auch entschiedene Gegner fand. Zu den letzteren gehörte beispielsweise der Hennstedter Anwalt Ludwig Friedrich Hudemann, der sich wie viele seiner Zeitgenoss*Innen an Klopstocks Absicht stieß, in seinem Versepos Der Messias das biblische Heilsgeschehen zum Gegenstand von Literatur zu machen:

Wenn Herr Kloppstock [!] auch nur den geringsten natürlichen Schauer vor der göttlichen Majestät bey sich empfunden hätte […], würde er sich wol unterstanden haben, ein Geheimniß, darin selbst die grössesten der seligen Geister unerforschliche Tiefen der göttlichen Macht, Weisheit und Güte, antreffen, durch seinen abgeschmackten Fabelntand zu verunstalten?  Hat er von dem Gerichte Gottes in seiner eigenen Sele nichts erfahren, als ihm der Gedanke aufgestiegen, von dem Gerichte Gottes über unsern hochgelobten Erlöser ein Gedicht zu schreiben?

[Ludwig Friedrich Hudemann:] Gedanken über den Messias in Absicht auf die Religion. Rostock/Wismar 1754, S. 7.

Wenn selbst Hudemann aber später nicht umhin kommt, auch die „schönen und erhabenen Gedanken und Ausdrücke“ des Messias anzuerkennen, #1 zeigt das, wie durchschlagend der Wandel ist, den Klopstock während seines Lebens durchsetzt. Anders als die Dichter*Innen der Frühaufklärung, die auf rationales Verständnis und gesellschaftliche Nützlichkeit von Dichtung setzten, war es seine Absicht, „die Seele des Lesers in Bewegung zu versetzen“#2 – und ausdrücklich auch die der Leserin, denn lesende Frauen bildeten einen wesentlichen Teil seines Publikums. Gleichzeitig betreibt der als durchaus eitel beschriebene Dichter eine systematische Aufwertung des Schriftstellers, dem nun die privilegierte Stellung eines seherisch veranlagten Genies zukommen soll. Diese Selbstinszenierung trägt ihm die Bewunderung jüngerer Dichterkollegen ein, und weil Klopstock durchaus strategisch denkt, kommt es zu zahlreichen Allianzen zwischen dem Großdichter und der nachfolgenden Schriftstellergeneration. Unter Klopstocks Dichterfreundschaften ist der Norden besonders stark vertreten. Matthias Claudius rezensiert 1771 im Wandsbecker Bothen die neu erschienenen Oden Klopstocks und berichtet von dem berauschenden (und dabei auch überfordernden) Eindruck, den die Neuheit der Dichtung auf die Leser*Innen macht:

Hie und da bin ich auch auf Stellen gestossen bey denen’s mir ganz schwindlicht im Kopfe geworden ist, und es ist mir gewesen als wenn ein Adler nach’m Himmel fleugt und nun so hoch aufgestiegen ist, daß man nur noch Bewegung sieht, nicht aber ob ein Adler sie mache, oder ob’s ein Spiel der Luft sey […].

Matthias Claudius: [Rezension von Klopstocks Oden]. Wandsbecker Bothe, 1771. Zitiert nach Annette Lüchow: Claudius und Klopstock. In: Matthias Claudius. Leben – Zeit – Werk. Tübingen: Niemeyer 1996, S. 100.

Die Dichter des stark von Schleswig-Holsteinern geprägten Göttinger Hainbunds, darunter Heinrich Christian Boie, Christian und Friedrich Leopold von Stolberg-Stolberg, Carl Friedrich Cramer und Johann Heinrich Voß, akzeptierten „Vater Klopstock“ #3 als eine Autoritätsfigur und waren nicht nur von seiner Literatur, sondern auch von seinem persönlichen Charisma überwältigt. So schreibt Boie 1773: „In meinem Leben habe ich keinen Mann gesehn, der sich des Vertrauens so gleich bewältigen könne. Ich war schon in den ersten Stunden in Versuchung, den Großen Mann zu vergeßen, und nur den liebenswürdigen zu umarmen.“#4 Bis zur Sprachlosigkeit ergriffen ist einige Monate später auch Voß bei seinem Zusammentreffen mit dem Meister: „[M]eine Augen standen immer nach der Thüre, wo Kl. hereinkommen sollte. Kl. kam – Was der Strich bedeutet, weiß jeder von euch; Gedanken, wozu die Sprache nicht Worte hat."#5 Entsprechend groß war die Freude, als sich Klopstock später offiziell dem Hainbund anschloss, wenngleich der Bund zu dieser Zeit schon im Zerfall begriffen war.

Die Freundschaft mit den jungen Schleswig-Holsteinern hinterließ auch literarische Spuren. In seinem Gedicht Klopstock in Elysion imaginiert Voß, wie der patriotisch geschmückte und mit einer keltischen Harfe versehene Dichter nach seinem Tod von den literarischen Größen der Vorzeit begrüßt wird:

Durch reges Aufstehn ehrte der Sänger Chor
Dich hohen Jüngling, der vom Teutonenhain,
          Mit Eichellaub’ um Stirn und Telyn,
                     Froh in bescheidener Würd’ einherging,

          Aus Greisesrunzeln, wie aus Gewölk, enthüllt,
          Ein Nord-Apollon. […]

Johann Heinrich Voß: Klopstock in Elysion. In: Sämtliche Gedichte. Auswahl der letzten Hand. Bd. 3. Königsberg: Universitäts-Buchhandlung 1825, S. 73.

Umgekehrt macht auch Klopstock die jüngere Dichtergeneration zum Gegenstand seiner Dichtung. Seine Ode Weissagung, erschienen 1774 im dem Hainbund nahestehenden Göttinger Musenalmanach, ist den Brüdern Stolberg gewidmet. Die im Gedicht ausgesprochene patriotische Prophezeiung wird so mit den beiden Vertretern der neuesten Literatur und metaphorisch auch mit dem „Hain“ verbunden:

Ob’s auf immer laste? Dein Joch, o Deutschland,
           Sinket dereinst! Ein Jahrhundert nur noch;
                      So ist es geschehen, so herrscht
                                Der Vernunft Recht vor dem Schwertrecht!

Denn im Haine brauset’ es her, gehobnes [!]
           Halses, und sprang, Flug die Mähne, dahin
                      Das heilige Roß […]!

Friedrich Gottlieb Klopstock: Weissagung. An die Grafen Christian und Friedrich Leopold zu Stolberg. In: Poetische Blumenlese auf das Jahr 1774. Göttingen: Dieterich 1774, S. 232f.

Da Klopstock, wie erwähnt, lange Zeit seines Lebens in unmittelbarer Nähe zu Schleswig-Holstein wirkte, ist es nicht überraschend, dass er das Land etliche Male besuchte. Dies gilt umso mehr für seine Hamburger Zeit, weil die deutschsprachige Intelligenzija in Dänemark, die er aus seiner Kopenhagener Zeit kannte, sich seit den 1770er Jahren großenteils in Schleswig-Holstein niedergelassen hatte. So besuchte er im Sommer 1776 Lübeck, Eutin und Kiel und traf sich dort mit Friedrich Leopold Stolberg, Heinrich von Gerstenberg, Carl Friedrich Cramer und dessen Vater, dem Theologieprofessor Johann Andreas Cramer. In Kiel verursachte die Gruppe um den Dichter, der eine Vorliebe fürs unbekleidete Baden hatte, einen Skandal:

Manchen Tag haben wir uns zweymal dem Kieler Jungfernstiege gegen über an einer Stelle, wo sich die Küste erhebt, gebadet. Einmal sind wir von braven Leuten mit einem Teleskope bekukt, u ein ander mal von Professoren bemäkelt worden, u zwar folgender maassen: Da sind denn nun diese Herren hergekommen, um ihre geistigen Aufwallungen in der Ostsee abzukühlen.

Brief von Klopstock, Stolberg, Cramer u.a. an Gottlob Friedrich Ernst Schönborn, August 1776. Zitiert nach Horst Joachim Frank: Literatur in Schleswig-Holstein. Band 2: 18. Jahrhundert. Neumünster: Wachholtz 1998, S. 164.

Auch in Emkendorf, Knoop, Tremsbüttel, Wotersen und Eckhof bei Strande war Klopstock häufiger zu Gast. Im Garten des Gutes Eckhof steht bis heute eine sogenannte „Klopstock-Eiche“ sowie ein dem Bau des Eiderkanals (ein Vorläufer des Nord-Ostsee-Kanals) gewidmetes Denkmal, das Verse des Dichters trägt. #6 Umgekehrt empfing der gastfreundliche Klopstock zahlreiche schleswig-holsteinische Schriftsteller bei sich in Hamburg.

Nach seinem Tod 1803 überschreitet Klopstock ein letztes Mal die Grenze nach Schleswig-Holstein: Der Leichenzug führte von seinem Sterbehaus in Hamburg ins damals dänische Altona, wo er auf dem Friedhof der Christianskirche in Ottensen begraben liegt. Die Grabinschrift von Friedrich Leopold von Stolberg bezeugt ein weiteres Mal die gewaltige Bedeutung, die dem Verstorbenen zugemessen wurde:

Deutsche, nahet mit Ehrfurcht und mit Liebe
Der Hülle Eures grösten Dichters
Nahet, Ihr Christen, mit Wehmuth und mit Wonne
Der Ruhestätte des heiligen Sängers […].

Schon bald darauf beginnt die Intensität der Beschäftigung mit Klopstocks Werk aber nachzulassen. Zwar gilt er noch lange Zeit als einer der bedeutendsten deutschen Dichter, aber es mehren sich Klagen über die Schwer- oder gar Unverständlichkeit seiner Werke, und als literarische Leitfigur wird er von Goethe überschattet. Dennoch reißt die Rezeption nie vollständig ab, und immer wieder wird Klopstock als Inspiration für neuere Literaten wichtig. Peter Rühmkorf beispielsweise behandelt den „empfindsamen Revolutionär“ Klopstock im in einem ausführlichen Essay – eine trotz des differenzierten und durchaus kritischen Tons überaus emphatische „Annäherung bis auf Tuchfühlung“. #7 In jüngster Zeit hat Heinrich Detering den Dichter als Klopstock, schlaflos imaginiert:

so liegt er still am Rand des Sterngewimmels
geklammert an den Haltegriff des Himmels

Heinrich Detering: Klopstock, schlaflos. In: Untertauchen. Gedichte. Göttingen: Wallstein 2019, S. 66, V. 13–14.

Solche Würdigungen belegen, dass der scheinbar so altmeisterliche, literarhistorisch verstaubte Großdichter Klopstock auch Jahrhunderte nach seinem Tod noch inspirieren (und vielleicht sogar begeistern) kann.

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ANMERKUNGEN

1 Lucifer / Ein episches Gedicht verfertiget von D. Ludewig Friederich Hudemann […]. Bützow/Wismar 1765, S. 8.

2 Gerhard Sauder: Art „Klopstock, Friedrich Gottlieb“. In: Killy Literaturlexikon, Bd. 6, 2012.

3 Brief von Friedrich Leopold Stolberg an den Hainbund, 19. September 1773. Dokumentiert in Annette Lüchow: ‚Die heilige Cohorte‘. Klopstock und der Göttinger Hainbund. In Kevin Hilliard, Katrin Kohl (Hrsg.): Klopstock an der Grenze der Epochen. Berlin, New York: De Gruyter 1995, S. 199.

4 Brief von Heinrich Christian Boie an den Hainbund, 23.-28. Dezember 1773. Dokumentiert in Annette Lüchow: ‚Die heilige Cohorte‘. Klopstock und der Göttinger Hainbund. In Kevin Hilliard, Katrin Kohl (Hrsg.): Klopstock an der Grenze der Epochen. Berlin, New York: De Gruyter 1995, S. 205.

5 Brief von Johann Heinrich Voß an den Hainbund, 30. März 1774. Dokumentiert in Annette Lüchow: ‚Die heilige Cohorte‘. Klopstock und der Göttinger Hainbund. In Kevin Hilliard, Katrin Kohl (Hrsg.): Klopstock an der Grenze der Epochen. Berlin, New York: De Gruyter 1995, S. 208.

6 Vgl. Eckardt Opitz: Friedrich Gottlieb Klopstock. In: Die unser Schatz und Reichtum sind. 60 Portraits aus Schleswig-Holstein. Hamburg: Christians 1990, S. 73.

7 Peter Rühmkorf: [Brief an Jürgen Manthey, 7. Juli 1975]. In: Walther von der Vogelweide, Klopstock und ich. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1975, Klappentext.