Wissenswertes

Die Ortschaft Roseburg (etwa 500 Einwohner*Innen) liegt zwischen Büchen und Mölln im Kreis Herzogtum Lauenburg. Das kleine Dorf ist 1230 zum ersten Mal urkundlich erwähnt worden und gehörte für den größten Teil seiner Geschichte zum Gut Wotersen, das sich heute im Gemeindegebiet etwa zwei Kilometer nordwestlich des Orts befindet. Das Gut gelangte 1717 in den Besitz der Familie Bernstorff, die 1720 das bis heute bestehende Herrenhaus errichten ließ. Die Bernstorffs spielen in der schleswig-holsteinischen (Literatur-)Geschichte eine wichtige Rolle: Johann von Bernstorff (1712-1772) war dänischer Außenminister und ein Freund und Förderer von Friedrich Gottlieb Klopstock, der deswegen auch mehrfach auf dem Gut zu Gast war. Das Gut blieb bis 1996 im Besitz der Familie. Vielen Fernsehzuschauer*Innen ist es als Kulisse der ZDF-Fernsehserie Das Erbe der Guldenburgs bekannt, was in den späten 1980er Jahren zu einem kleinen Tourismusboom führte.

Literarisches

Gut 200 Jahre nach den Besuchen Klopstocks in Wotersen zog ein Schriftsteller nach Roseburg, der sich in seinem Buch Walther von der Vogelweide, Klopstock und ich in ein ganz direktes Verhältnis zu seinem Vorgänger gesetzt und diesen unorthodox, aber kenntnisreich und emphatisch interpretiert hat: Peter Rühmkorf. Die uralte Kate, die Rühmkorf und seine Frau Eva erwarben, diente ihnen als Ausgleich zum hektischen Betrieb am Hamburger Elbufer, wo sie ihren Hauptwohnsitz hatten. Der Journalist und Schriftsteller Erich Maletzke hat Rühmkorf dort 1991 aufgesucht:

Peter Rühmkorf holt ein Dutzend abgegriffener Fotografien, die zeigen, wie das Haus aussah, als er es vor zwanzig Jahren zusammen mit Eva gekauft hat. Der Begriff Ruine sei noch geschmeichelt, und die vorgefundenen Schinken und Würste stammten wohl noch aus dem 30jährigen Krieg.

Erich Maletzke: Poeten in ländlicher Idylle. Mit Fotos von Astrid Boelter. Hamburg: Lühr & Dircks 1996, S. 117.

Dennoch kann Maletzke vermelden, dass sich die Zugezogenen hier in der Zwischenzeit kommod eingerichtet hätten: Insbesondere der Sammelleidenschaft des Dichters sei die im Vergleich zur Hamburger Wohnung geräumige Kate zuträglich, und auch gedichtet werde in Roseburg:

Am besten schreibe er in Hamburg, aber im Sommer gehe es auch auf dem Lande gut. Dann sitze er im Garten und habe alle seine Papiere ausgebreitet. Das sei ein sehr typisches Bild, er in der Mitte und um ihn herum im Halbkreis das Arbeitsmaterial.

Erich Maletzke: Poeten in ländlicher Idylle. Mit Fotos von Astrid Boelter. Hamburg: Lühr & Dircks 1996, S. 117.

Außerdem kann der Ort trotz seiner Abgelegenheit mit literarisch hochkarätigen Nachbarn punkten. Günter Grass wohnt im nahegelegenen Behlendorf, und das Verhältnis beider Dichter ist freundschaftlich und führt zu häufigen Besuchen und Gegenbesuchen:

„Wir sehen uns oft, und die Grassens kochen sehr gerne und sind sehr gastfreundlich. Wir verstehen uns auf die alten Tage immer besser, sowohl was die Künste, als auch was die Politik angeht. Wir passen als Gesamt-Familie irgendwie gut zusammen.“

Erich Maletzke: Poeten in ländlicher Idylle. Mit Fotos von Astrid Boelter. Hamburg: Lühr & Dircks 1996, S. 120.

2008 ist Peter Rühmkorf in Roseburg gestorben; sein Grab befindet sich auf dem Hauptfriedhof Altona.

In der Umgebung

Wer es Peter Rühmkorf oder Günter Grass nachtun will, braucht von Roseburg aus ins 23 km entfernte Behlendorf etwa eine halbe Autostunde. Unterwegs wird Mölln durchfahren. In Richtung Süden ist nach ebenfalls etwa 20 Kilometern in Lauenburg der äußerste Südosten des Landes Schleswig-Holstein erreicht. Im Westen schließlich liegt die Freie und Hansestadt Hamburg; auf dem Weg dorthin kann man einen Zwischenstopp in Reinbek einlegen, wo viele Jahre lang Peter Rühmkorfs Hausverlag Rowohlt ansässig war.

15.12.2021 Jan Behrs