Peter Rühmkorf

Rühmkorf, Peter; Pseudonym(e): Johannes Fontara; Leslie Meier; Leo Doletzki; Pidder Lyng; Peter Torborg; John Frieder; Hans-Werner Weber; Harry Flieder; Hans Hingst.

Geboren in Dortmund am 25. Oktober 1929
Gestorben in Roseburg am 8. Juni 2008

Grimm- und Grützlied (1961)

Über meiner Schiebermütze
setzt der Tag den goldenen Stander;
hab ich Grimm und hab ich Grütze,
da ist Gutes beieinander.

Rasch verblasener Gefühle
heute Hoffen, morgen Tief:
Das ist Mai auf meine Mühle,
Lunte an den Bürgerbrief.

Zög uns nicht der Wanst zurück,
glaubt nur, was wir steigen könnten!
schön, mit fliegenden Talenten
in das ungestalte Glück!

Der sich so zur Lust erkeckt,
hat sich bald für Wind verschwendet;
wenn der Herbst die Sträucher pfändet,
wird das Bettuch abgeleckt.

Einer zahlt in barem Spaß:
Haare lassen, Federn raffen –
Ach, mein Fell und keine Waffen!
Ach, dein Rock und kein Verlaß!

Siebenschöne, Tausendteure,
weich und aller Lügen wert,
wo ich noch mein Herz befeure,
wird das Licht schon umgekehrt.

Lirum-larum-Löffelsteiß,
wie erschlichen, so zerfahren –
daß ich diesen Witz bewahre,
mach ich mir im Dunkeln weiß.

Im Juni 2008 starb Peter Rühmkorf in Schleswig-Holstein.
Der Lyriker, Essayist, Märchen- und Tagebuchschreiber bewohnte seit den frühen 70er Jahren eine Kate in Roseburg/Kreis Herzogtum Lauenburg, die er über die Jahre gekonnt und liebevoll ausgebaut hatte und in die er sich immer dann zurückzog, wenn ihm das Leben am Elbstrand vor seinem Kapitänshäuschen in Hamburg Oevelgönne zu laut und zu viel wurde.

Der 1929 am 25. Oktober in Dortmund geborene Schriftsteller wuchs an der Unterelbe, in Warstade-Hemmoor auf der niedersächsischen Elbseite, auf. Er war das Kind einer Volksschullehrerin; seine Zeugung ist dem Aufenthalt eines fahrenden Puppenspielers in der Schule seiner Mutter zu verdanken. Seinen leiblichen Vater lernte Peter Gustav Rühmkorf nie kennen – über ihn etwas wissen wollte er auch nicht.

Schon während des Studiums der Germanistik, Kunstgeschichte und Psychologie in Hamburg (1951-1957) gründete er im Dezember 1952 mit seinem Freund Werner Riegel die hektographierte Zeitschrift »Zwischen den Kriegen«, in der er (auch unter vielen Pseudonymen: Lyng oder auch Lyngi, Peter Torborg, Leo Doletzki, Leslie Meier, Johannes Fontara, John Frieder, Hans-Werner Weber, Harry Flieder, Hans Hingst) Gedichte und Essays veröffentlichte; das 2-Mann-Unternehmen erlangte schon früh, heute würde man sagen: Kultstatus, und einer der ersten regelmäßigen Bezieher war der junge Hans Magnus Enzensberger, mit dem Rühmkorf eine lebenslange Freundschaft verband. Später schrieb er für den von seinem Schulfreud Klaus Reiner Röhl ins Leben gerufenen »studentenkurier« (ab 1957 »konkret«) und macht sich dort unter anderem mit der Kolumne »Leslie Meiers Lyrikschlachthof« einen Namen. Ende der 50er bis 1963 arbeitete Rühmkorf als Lektor beim Rowohlt Verlag, der sein Hausverlag blieb. Ende 1959 erschien der erste selbständige Gedichtband: »Irdisches Vergnügen in g« und machte den 30-Jährigen zu einem im ganzen deutschsprachigen Raum bekannten Lyriker.

Ab den späten 60ern schrieb er dramatische Werke, die jedoch nicht reüssierten. Gleichzeitig erlebte er eine lyrische Schaffenskrise. Doch ein Bestseller, »Über das Volksvermögen« (1967), geriet ihm: Sein Interesse am Formalen, am Reim und seiner Wirkung führte ihn zu den Ursprüngen des Reims, zu Kinderversen, Werbesprüchen und anderem lyrischen Bodensatz. Mit großer Neugier sammelte er diese Verse und beschrieb sie; darunter auch die ordinären, anarchischen und einschlägig sexuellen, vulgär-beleidigenden Stücke, die in eher betulichen derartigen Sammlungen früherer Jahre keine Berücksichtigung gefunden hatten. Eine erste autobiographische Arbeit erschien 1972: »Die Jahre die Ihr kennt«. Mit dem Buch »Walther von der Vogelweide, Klopstock und ich« (1975) eroberte er eigenes lyrisches Neuland – dies gelang auch durch eine völlig neuartige Annäherung an den mittelhochdeutschen Dichter, dessen Werke er in hinreißendes Gegenwartsdeutsch übertragen hatte.

Zeitgleich entstanden in den ausgehenden 70ern Gedichte, mit denen er seinen Ruf und Ruhm als Lyriker neu festigte – der kleine Gedichtband von 1977 mit dem seine Arbeitssituation gut bezeichnenden Titel »Phönix voran!« steht, zusammen mit den im Walther-Band veröffentlichten neuen Rühmkorf-Gedichten, am Anfang dieser Entwicklung.
Mit den Büchern »Strömungslehre I« (Reinbek 1978) und den gefeierten Frankfurter Poetik Vorlesungen, publiziert unter dem Titel »agar-agar zauzaurim« (Reinbek 1981), war Rühmkorfs Ruf als Dichter und herausragender Essayist, auch als Verfasser poetologischer Texte, endgültig gefestigt.
Die 90er Jahre des 20. Jahrhunderts und die ersten Jahre des neuen Jahrhunderts nutzte Rühmkorf zu einer Werk- und Lebensbilanz. Es erschienen zwei Tagebuchbände – »TABU I. 1988–1992« (Reinbek 1995) und »TABU II. 1971–1972« (Reinbek 2004) –, ferner eine vierbändige Werkausgabe, schließlich die zweibändige Bibliografie von Wolfgang Rasch (Bielefeld 2004; Fortsetzung posthum 2020). Zuletzt, im Frühling 2008, publizierte er den Lyrikband »Paradiesvogelschiß«, bevor der Dichter am 8. Juni 2008 starb. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung rief ihm nach, dass der bedeutendste deutschsprachige Lyriker der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gestorben sei. Und das trifft zu – denn er war Meister aller Lyrik-Klassen.

Seine Auszeichnungen sind zahlreich – hier eine Auswahl: 1964/65 erhielt Rühmkorf ein Stipendium für die Villa Massimo in Rom. 1979 erhielt er den Erich Kästner-Preis, 1980 den Bremer Literaturpreis und 1986 den Arno-Schmidt-Preis. 1987 wurde er documenta-Schreiber der Stadt Kassel. Rühmkorf war korrespondierendes Mitglied der Akademie der Künste der DDR und erhielt 1988 den Heinrich-Heine-Preis (DDR), 1989 die Ehrendoktorwürde der Universität Gießen. 1993 wurde ihm der Georg-Büchner-Preis verliehen, 2000 der Hoffmann-von-Fallersleben-Preis für zeitkritische Literatur und der Johann-Heinrich-Voß-Preis für Literatur. 2002 erhielt er den Joachim-Ringelnatz-Preis, 2003 den Nicolas-Born-Preis, 2005 den Erik-Reger-Preis. 2009 wurde ihm posthum der Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor verliehen.

Mit Schleswig-Holstein verband Rühmkorf einiges mehr als eine Wochenend(haus)-Beziehung. Einerseits gab es Verwandtschaft, u.a. in Kiel, andererseits war Eva Rühmkorf, die er 1964 geheiratet hatte, in Björn Engholms Kabinett ab Herbst 1988 erst Kultusministerin, danach Ministerin für Bundesangelegenheiten. Der SPD-Sympathisant (er war nie Parteimitglied) Rühmkorf hatte schon den Wahlkampf von Jochen Steffen unterstützt und ging auch für Engholm in die Bütt – teilweise zusammen mit seinem lebenslangen Freund Günter Grass, der in Behlendorf wohnte, fast in der Nachbarschaft zu Roseburg. Als das seinerzeitige Literarische Quartett 1995 den Grass-Roman »Ein weites Feld« buchstäblich öffentlich zerriss, thematisierte Rühmkorf dies Verhalten von Marcel Reich-Ranicki und Hellmuth Karasek ebenso öffentlich (Ich habe Lust, im weiten Feld…, Göttingen 1996). Der Dichter forderte nichts Geringeres als die Einhaltung zivilen Benehmens, auch von Literaturkritikern. Er ging für einen Freund ins mediale Risiko, denn im Herbst 1995 sollte Rühmkorfs erster Tagebuchband, TABU I, erscheinen.

Auf den Äckern Schleswig-Holsteins trieb sich der Sammler Rühmkorf herum – der vormalige Chef des Archäologischen Landesmuseums, Kurt Schietzel, lobte Rühmkorfs Sammlungen steinzeitlicher Axtköpfe, Pfeil- und Messerspitzen, und billigte ihnen einen fast schon professionellen Status zu.
Der Dichter war häufig und gern zu Gast in Schleswig-Holstein – ob an der Kieler Universität oder im Rahmen der inzwischen schon sagenhaften Lesungen des Kieler Buchhändlers Eckart Cordes oder in Salzau zur ›JazzBaltica‹; er trat dort mit seinen Musikerfreunden Michael Naura und Wolfgang Schlüter auf, mit denen er seit 1966 ein neues Format im Rahmen von ›Jazz und Lyrik‹ entwickelt hatte, welches die drei auf bejubelte Tourneen im ganzen deutschsprachigen Raum führte.
Oft war er in den 1990ern im RendsburgerNordkolleg (wo eine erste posthume Rühmkorf-Tagung 2009 stattfand) – ob als Gastdozent bei den Sommerseminaren für hochbegabten schriftstellerischen Nachwuchs oder auf Literatur-Tagungen vieler Art. Immer wieder zu Gast war er auch im LübeckerGünter Grass-Haus.
Schleswig-Holstein war für Rühmkorf ein Nah-Raum jeder Art; der Wahl-Hamburger seit 1951 war auch im ›richtigen Norden‹ zu Haus.

Seinen Nachlass betreut die Arno Schmidt Stiftung/Bargfeld bei Celle. An der Christian Albrechts Universität zu Kiel, Institut für Neuere deutsche Literatur und Medien, fördert sie eine Forschungsstelle Peter Rühmkorf – dort entsteht eine textkritische Gesamtausgabe, die auf 21 Bände angelegt ist; die ersten Bände werden 2022 erscheinen.

Peter Rühmkorf ist einer der bedeutendsten deutschsprachigen Lyriker. Er fand zwischen Kunst- und Alltagssprache, zwischen Tradition und Gegenwart einen vollkommen eigenen Ton. Er war ein großer Meister – gereimter wie ungereimter frei rhythmischer Gedichte. Mit ›Jazz und Lyrik‹ gelang es ihm, ein breites Publikum für Gedichte zu begeistern.

Früher, als wir die großen Ströme noch (1992)

Früher, als wir die großen Ströme noch mit eigenen Armen teilten,
Ob, Lena, Jennissei, Missouri,
Mississipi, Elbe, Oste,
und mit Gesang den Hang raufzogen
und mit Gesang auch wieder herab,
immer den Augen hinterher und Hyperions leuchtenden Töchtern,
des Tages Anbruchs Röte
und des Mondes Aufzugs Beginn –
Heute: drei Telefongespräche und der Tag ist gelaufen.

Ja, man steht noch in Korrespondenz, das wohl ...
Paar Gedankenstriche zu einer Ästhetik des Flickworts,
eine Hoffnung.
Etwas Zuspruch aus zahnlosen Mäulern,
ein Gewinn.
Dies nervöse Verflackern der fleißigen alten Kerle
kurz vorm Abschiednehmen,
ohne daß nochmal jemand richtig Reisig nachwirft –
Aber es ist immerhin nicht das erste Mal, daß du seufzt
und hoffentlich nicht das letzte,
irgendsoeine blindgeborene Mickymaus wird sich schon noch finden,
die deine Anlagen würdigt.

Wenn man bedenkt, wie vielen trotzigen kleinen
Tante-Emma-Läden
du bis zum letzten Hirsekorn die Treue gehalten hast,
und sind ausnahmslos untergegangen ...
Und dann kommt ja auch bald der Moment,
daß du selbst die Regale räumen mußt,
nur weil von hinten unentwegt die neue Ware nachdrückt:
Vom Dreck ergriffen steht die Menge da.
Nicht zur Hilfe eilen die Mitmenschen,
sondern zu niederen Schauzwecken.
Du aber sitzest angestrengt auf deinem Scherbenhügel,
einen abgerißnen Fluch im Hals –

Alles Quack, wer der Welt zu tief ins Auge gesehn hat,
um noch an ihr leiden zu wollen,
wird den Mangel an Service hier nicht so persönlich nehmen.
Lieber als daß ich einiger abgesoffener Salatblätter wegen
gleich nach dem Chef des Hauses verlang,
laß ich mir doch das restliche Abendlicht auf der Netzhaut zergehn.
Ein paar dampfende Dachpfannen nach dem Regen.
Eine nasse Hecke, hingestreckt über tausend Meter,
eine viertel Stunde lang.
Ja, und am Ende sehnst du dich dann nach den Tagen,
die du jetzt so lieblos verabschiedest.

 

(2008)

Es ist ein Schnitter, der heißt Tod.
Man denkt, er käme im Abendrot.
Der Ritter sprach ein eisernes Nein:
Ich schau lieber gleich nach dem Frühstück rein.

 

24.06.2021 Stephan Opitz