Wissenswertes

Wer heute die Rendsburger Hochbrücke, ein in der Tat beeindruckend hoch aufragendes Bauwerk aus dem frühen 20. Jahrhundert, überquert, bekommt bereits eine Ahnung: Die Stadt Rendsburg liegt genau an der Grenze zweier Räume – nicht nur die zwei Ufer des heutigen Nord-Ostsee-Kanals, sondern auch die beiden Herzogtümer Schleswig und Holstein treffen hier aufeinander. Das hat den Ort seit Jahrhunderten maßgeblich geprägt, denn das Verhältnis der beiden heutigen Landesteile war nicht immer so friedlich wie jetzt. Im 9. Jahrhundert verlief hier die Grenze zwischen fränkischem und dänischem Reich, und um 1100 wurde auf einer Insel in der Eider eine erste dänische Festung angelegt. Um diese „Reinholdsburg“ herum entstand dann die Siedlung Rendsburg. Schon im 13. Jahrhundert erhielt der Ort das Stadtrecht. Auch in späterer Zeit blieb Rendsburg ein bedeutsamer Grenzort: Im 17. Jahrhundert wurde erneut eine dänische Festung gebaut, die nach Kopenhagen die zweitgrößte Dänemarks war. Sie trug die unmissverständliche Inschrift „Eidora Romani Terminus Impery“ – Die Eider ist die Grenze des römischen Reichs [deutscher Nation]. Durch die gewaltige Festung änderte sich der Charakter der Stadt – Rendsburg wurde zu einem militärisch geprägten Ort, insbesondere im neu angelegten Stadtteil Neuwerk.

Im Revolutionsjahr 1848 wurde die dänische Garnison in Rendsburg von den deutschen Aufständischen überrumpelt, und die Stadt wurde für einige Zeit Sitz der Provisorischen Regierung Schleswig-Holsteins. Nach dem Scheitern der Erhebung traf sich 1851 eine deutsch-dänische Kommission in der Stadt, um den genauen Grenzverlauf zwischen dem deutschen Holstein und dem dänischen Schleswig zu bestimmen.

Nachdem Schleswig-Holstein 1867 preußische Provinz wurde, verlor die Grenze zwischen den Landesteilen an Bedeutung. Stattdessen wurde Rendsburg nun für etwas Verbindendes bekannt: Nachdem der Eiderkanal schon im 18. Jahrhundert eine erste Wasserverbindung zwischen Nord- und Ostsee geschaffen hatte, wurde 1895 der wesentlich leistungsfähigere Kaiser-Wilhelm-Kanal (heute Nord-Ostsee-Kanal) eröffnet. 1913 erhielt Rendsburg mit der Hochbrücke sein neues Wahrzeichen. Das stählerne Ungetüm, das sich wegen des großen Höhenunterschied über eine gewaltige Schleife zum Bahnhof Rendsburg herabwindet, war für beinahe hundert Jahre die längste Eisenbahnbrücke Deutschlands, ehe dieser Titel 2012 an die Unstruttalbrücke und dann 2013 an die Saale-Elster-Talbrücke (beide in Sachsen-Anhalt) ging. Der in Schleswig aufgewachsene Autor Joachim Meyerhoff schildert im ersten Band seines Romanzyklus Alle Toten fliegen hoch anschaulich Segen und Fluch des Bauwerks:

Von dieser Brücke aus hat man ganz unvermittelt einen herrlichen Blick über das weite Land. Man sieht den Möwen auf den Rücken und, wenn man Glück hat, eines der mächtigen Schiffe, die auf diesem künstlichen Fluss vollkommen deplatziert wirken. Kaum ein norddeutscher Kalender verzichtet auf die optische Merkwürdigkeit, einen Ozeanriesen durch die Rapsfelder fahren zu lassen. […] Ich beugte mich ein wenig vor und hatte einen guten Blick auf die direkt unter der Brücke gelegenen, aus der Vogelperspektive hübsch aufgereihten Rendsburger Backsteinhäuschen. Die Bewohner dieser Häuschen hatten jahre-, wenn nicht sogar jahrzehntelang einen erbitterten Kampf gegen die Deutsche Bahn geführt, da die Fäkalien der Bahnreisenden in ihre Vorgärten fielen. […] Die über Jahre gedemütigten Rendsburger […] waren durch diese widerliche Heimsuchung zu einer eingeschworenen Leidensgemeinschaft zusammengeschweißt worden.

Joachim Meyerhoff: Alle Toten fliegen hoch: Amerika. Köln: Kiepenheuer & Witsch 2011, S. 16f.

Diese unangenehme Erfahrung gehört mittlerweile der Vergangenheit an, was das Verhältnis der Rendsburger*Innen zum Wahrzeichen ihrer Stadt unkomplizierter gemacht haben dürfte.

Während der Nazizeit wurde die in der Vergangenheit nicht unbedeutende jüdische Gemeinde Rendsburgs komplett ausgelöscht. Im ehemaligen Gemeindezentrum in der Prinzessinnenstr. 7-8 befindet sich heute das Jüdische Museum Rendsburg – eines von nur wenigen jüdischen Museen im Norden und dazu das zweitälteste in Deutschland. Neben Ausstellungen zum vergangenen und gegenwärtigen jüdischen Leben in Schleswig-Holstein gibt es hier auch Kunst zu sehen.

Im ehemaligen Zeughaus am Paradeplatz (Arsenalstr. 2-10) haben die Museen im Kulturzentrum seit 1989 ihren Sitz. Das Druckmuseum verfügt nicht nur über eine beeindruckende Sammlung von historischen Drucken, sondern auch über eine Reihe von funktionsfähigen Buchdruckmaschinen. Das Historische Museum Rendsburg widmet sich der Stadt- und Garnisonsgeschichte sowie der Rendsburger Fayence- und Eisenindustrie und hat darüber hinaus einen eigenen Raum zur Geschichte des Nord-Ostsee-Kanals.

Das Elektro-Museum Rendsburg bietet in der Stormstr. 1 in der Nähe des Bahnhofs eine Ausstellung zur Geschichte des elektrischen Stroms.

Informationen über die Museen und weitere Sehenswürdigkeiten Rendsburgs erhält man in der Tourist-Information, die stilvoll im Alten Rathaus in der Mühlenstr. 32 untergebracht ist.

In einer idyllischen, zum Lernen anregenden Atmosphäre zwischen Eider und Kanal liegt das Nordkolleg Rendsburg - ein Ort der Weiter- und Erwachsenenbildung, aber auch ein weit über die Grenzen der Stadt hinauswirkender kultureller Akteur.

Literarisches

Bereits im 17. Jahrhundert erscheint Rendsburg auf der literarischen Landkarte: 1633 wurde hier Christian von Stökken als Sohn eines Ratsherren geboren. Er ging in der Stadt zur Schule und machte anschließend Karriere als Geistlicher, promovierte an der neugegründeten Universität in Kiel und kehrte 1678 als Superintendent in seine Heimatstadt zurück. Stökken ist bekannt als Verfasser von Kirchenliedern und veröffentlichte 1680 ein Kleines holsteinisches Gesangbuch, das in Rendsburg gedruckt wurde und wegen seiner Umschreibungen alter Kirchenlieder kontrovers war.

Der u.a. mit Friedrich Hebbel und Amalie Schoppe befreundete Schriftsteller Christoph Marquardt Ed wurde 1809 in Rendsburg geboren. Seine Tochter Ida Boy-Ed sollte später zur Grande Dame der Lübecker Literatur werden.

Der Dichter und Revolutionär Harro Harring gab nach der gescheiterten Revolution von 1848 in Rendsburg die republikanische Zeitschrift Das Volk heraus. In derselben Zeit war auch der spätere Nobelpreisträger Theodor Mommsen in der Stadt als Journalist tätig. Die „Dichterin der Marschen“ Thusnelda Kühl, die 1935 in Rendsburg verstarb, verfasste 1906 eine Biografie von Harring.

Der Lyriker und im literarischen Feld der Nachkriegszeit einflussreiche Kritiker Hans Egon Holthusen wurde 1913 in Rendsburg geboren, von wo aus die Familie aber bald nach Hildesheim zog.

Der Lehrer und Schriftsteller Paul Henricks (eigentlich Edward Hoop) wurde 1925 im nahegelegenen Büdelsdorf geboren und verstarb 2008 in Rendsburg.

Der Lehrerberuf ist es auch, der Rudolf Stibill in die Stadt bringt: 1955 zieht der Österreicher hierher; er wird 33 Jahre lang Deutsch, Latein und Kunstgeschichte unterrichten und auch nach seiner Pensionierung in Rendsburg bzw. im nahegelegenen Ostenfeld leben. Stibill starb 1995; in Rendsburg kümmert sich die Rudolf Stibill Gesellschaft um sein Andenken.

Der 1939 in Hessen geborene Autor Henning Boëtius wuchs in Rendsburg (und auf Föhr) auf. Obwohl seit langem in Berlin lebend, ist seine Literatur doch eng mit Schleswig-Holstein verbunden. Neben Romanen verfasst Boëtius auch Sachbücher, darunter eine Geschichte der Elektrizität (2006) – hier besteht also eine wohl zufällige Verbindung zum Elektro-Museum in Rendsburg, das sich demselben Thema widmet.

In der Umgebung

Fans von Joachim Meyerhoff oder einfach Eisenbahnfreund*Innen sollten es dem jugendlichen Erzähler von Alle Toten fliegen hoch nachtun und von Rendsburg aus mit der Bahn über die Hochbrücke nach Süden fahren, etwa nach Neumünster oder weiter nach Elmshorn. In Richtung Norden fährt die Regionalbahn nach Schleswig (von wo Meyerhoffs Erzähler aufgebrochen war) und Flensburg. In unmittelbarer Nähe von Rendsburg liegt Emkendorf, das „Weimar des Nordens“, wo sich im 18. Jahrhundert der „Emkendorfer Kreis“ traf. Der Ort und das gleichnamige Gut sind gut 20 km von Rendsburg entfernt. Ebenfalls etwa 20 km entfernt liegt im Nordosten Eckernförde, die nach Rendsburg zweitgrößte Stadt im Landkreis. Literarisch ist sie unter anderem durch Wilhelm Lehmann ein Begriff, da dieser hier für Jahrzehnte lebte und als Lehrer tätig war.

29.9.2021 Jan Behrs