Wissenswertes

Die nordfriesische Insel Föhr ist mit ca. 8.250 Einwohnern auf 82,82 km² die bevölkerungsreichste deutsche Insel ohne Landverbindung. Erstmals urkundlich erwähnt wurde Föhr Ende des 12. Jahrhunderts, Besiedelungshinweise gehen auf die Jungsteinzeit zurück. Etwa die Hälfte der Föhrer*Innen lebt heute in der im Südosten gelegenen Stadt Wyk. Von hier verkehren auch die Fähren zur Nachbarinsel Amrum und zum Festland (Dagebüll). 

In der Sprachenvielfalt der Insel machen sich Einflüsse vieler Kulturen bemerkbar: Neben Hochdeutsch, Niederdeutsch und Fering (Föhrer Dialekt der nordfriesischen Sprache) spricht die dänische Minderheit der Insulaner*Innen weiterhin Dänisch.

Das dänische Königshaus verhalf Föhr im 19. Jahrhundert auch zum Status eines beliebten Kurorts. Lange Zeit prägten Landwirtschaft und Fischfang das Leben auf der „grünen Insel“. Das Ende des „goldenen Zeitalters“ des Walfangs im 17. und 18. Jahrhundert hinterließ jedoch ein Vakuum des Wohlstands und Ruhms. 1819 wurde Wyk schließlich zum Seebad erklärt, in dem auch der dänische König seine Sommer verbrachte. Berühmte Besucher des Königshauses, wie etwa Hans Christian Andersen im Sommer 1844, trugen zur Attraktivität der Insel bei. Heute bestimmt der Tourismus weite Teile des Lebens und der Wirtschaft Föhrs. 

Vom abenteuerlichen und ruhmreichen Leben der Walfänger erzählen „sprechende Grabsteine” auf den Friedhöfen dreier mittelalterlicher Kirchen. Archäologische Strukturen wie Hügelgräber und die Lembecksburg zeugen von der Siedlungsgeschichte der Insel. Das Friesenmuseum in Wyk vermittelt friesische Kulturgeschichte und das 2009 eröffnete Museum Kunst der Westküste präsentiert internationale Kunst zum Thema „Meer und Küste” mit einem Fokus auf dem 19.-21. Jahrhundert. Zudem liegt Föhr im Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer, einem UNESCO-Weltnaturerbe mit abwechslungsreicher Tier- und Pflanzenwelt. Während der besucherreichen Sommermonate hat die Insel eine eigene Literaturreihe. Beim „LiteraturSalon Föhr“ (früher „Literatursommer Föhr“) können lokale Autor*innen und berühmte Persönlichkeiten live erlebt werden.

Literarisches

Auch literaturgeschichtlich lässt sich Föhr entlang der Mehrsprachigkeit der Insel einordnen. Von Bedeutung ist zunächst vor allem zu Beginn des 20. Jahrhunderts die rege Schaffensphase der föhringer nordfriesischen Literatur. Die nordfriesische Literatur zeichnet sich durch ein „Nebeneinander von einzeldialektalen Literaturen“ #1 aus. Die Dialekte des Friesischen auf den Inseln Föhr, Amrum, Sylt, Helgoland sowie auf dem Festland nördlich von Husum sind untereinander kaum verständlich und die Reichweite der Literatur der verschiedenen Dialektgebiete blieb folglich gering. So erklärt sich auch, weshalb die nordfriesischen Literaturen lokal eigene Schwerpunkte und Traditionen entwickelten. Ab Beginn des 19. Jahrhunderts setzte die moderne nordfriesische Literatur ein. Wenige nordfriesische Autor*Innen, viele von ihnen dem Bildungsbürgertum zuzuordnen, brachten dabei eine beachtliche Anzahl an Werken hervor. Viele von ihnen waren getrieben von dem Bestreben, den eigenen Dialekt vor dem Verschwinden zu bewahren. In der Föhrer Tradition der nordfriesischen Literatur tat sich vor allem Lorenz Conrad Petersen (1885-1949) hervor, eine „zentrale Persönlichkeit in der friesischen Bewegung (…) [dessen] Werk (...) als Höhepunkt der friesischen Literatur [gilt].“#2 In seiner beliebten Komödie Oome Peetje ütj Amerika („Onkel Peter aus Amerika“) aus dem Jahr 1925 thematisiert er die nicht seltene Auswanderung der Föhrer*innen nach Amerika. Eine jüngere einflussreiche Vertreterin der föhringer Literatur ist Ellin A. Nickelsen (*1956), deren Novelle Jonk Bradlep (Dunkle Hochzeit) beim ersten nordfriesischen Literaturwettbewerb 1989/1990 ausgezeichnet wurde.

Zur friesischsprachigen Literatur ist eine eigene Themenseite des Literaturlands SH in Planung.

Ebenfalls in die Blütezeit des frühen 20. Jahrhunderts fällt die wohl berühmteste Föhrer Dichterin, Stine Andresen (1849-1927). Obgleich sie einige Gedichte in friesischer Sprache verfasste und ihre Lyrik mit „handfestem Lebensbezug“ #3 oft auf ihre Heimatinsel bezogen ist, schrieb sie das Gros ihrer Dichtung auf Hochdeutsch und wird deshalb nicht der nordfriesischen Literaturtradition zugeordnet. Viermal erhielt Andresen in den Jahren 1917-1920 den „Friedrich-Hebbel-Preis“. Im Wyker Stadtteil Boldixum ist eine Straße nach der Dichterin benannt. Die Liebe für ihre Heimat Föhr verewigte Stine Andresen in ihren Gedichten oft durch ihre Naturbeschreibungen und manchmal auch sehr explizit, wie etwa in Des Seemanns Gruß an die Heimat:

Du Friesenvolk so stolz und frei,
O bleib ohn’ Falsch und Heuchelei.
Ihr Friesenmädchen schlank und fein,
Bleibt immerdar so keusch und rein.
Die Sprache weich und wunderbar
Bewahre sie, du kleine Schar;
Dir schlägt mein Herz in Glück und Not,
Mein Friesenland, bis in den Tod!

Stine Andresen: Des Seemanns Gruß an die Heimat. Zitiert nach Jakob Tholund: Vom Schatz der Lieder: Stine Andresen, eine Dichterin auf Föhr. Husum 1991, S. 36.

Auch Schleswig-Holsteins großer Naturdichter Wilhelm Lehmann widmete der grünen Insel ein wohlwollendes dreiteiliges Gedicht, das folgendermaßen beginnt:

Überm Deich

Mit Elfenfüßen überläuft der Wind den Priel,
Mit goldenen Locken
Labkraut den Deich,
Wolken spinnt der himmlische Rocken,
Schafwolle gleich.
Einbein, der Austernfischer, steht am Siel:
„Luft und Wasser und Salz ist, was ich hab.“
Sein Schnabel hütet sie, magischer Stab.

Wilhelm Lehmann: Insel Föhr. In:  Gesammelte Werke in acht Bänden. Band 1: Sämtliche Gedichte. Hrsg. von Hans Dieter Schäfer, Stuttgart 1982, S. 287.

Von den geographischen Vorzügen und Besonderheiten der Insel ließen sich einige berühmte Dichter überzeugen. Als Kurort beherbergte Föhr, zumeist in Wyk, wichtige Persönlichkeiten, die ihre Eindrücke von der Natur und dem Leben auf der Insel oft in Briefen und Tagebüchern festhielten. Hans-Christian Andersen etwa zeichnete während seines Sommeraufenthalts 1844 auf Einladung des dänischen Königs Christian VIII. ein lebhaftes Bild von Wyk:

[D]a erreichten wir Föhr, das nach der anstrengenden Reise ein wahres Feenland zu sein schien. Der Ort Wyck, der größte auf der Insel, wo die Bäder sind, ist ganz auf holländische Weise erbaut, alle Häuser haben nur ein Stockwerk mit Strohdach und dem Giebel nach vorn, das Ganze dementsprechend nur klein und einfach, aber die vielen Fremden hier während der Badezeit, der ganze königliche Hof mit allem, was sich ihm zugesellte, brachten eine Lebendigkeit, eine sonntägliche Festlichkeit mit sich, die vor allem auf der Hauptstraße pulste. [...] [E]s war, als wäre ich mitten in ein Fest hineingekommen.

Zitiert nach: Föhr. Ein Lesebuch, gesammelt und herausgegeben von Horst Kutzer, Husum Verlag, 1999, S. 61.

An Andersens Besuch erinnert eine Tafel in der Großen Straße 16, wo heute die Tageszeitung Der Insel-Bote beheimatet ist. Das originale Gasthaus Andersens fiel allerdings dem Feuer im Jahr 1857 zum Opfer. Andersens Erlebnisse auf der Insel und den benachbarten Halligen glaubt Frank Trende in dessen vier Jahre später vollendeten Roman Die zwei Baroninnen (1848) wiederzuerkennen. #4

Verglichen mit Andersen kam Theodor Fontane während eines Aufenthalts in Wyk im August 1891 zu einem vielschichtigeren Blick auf das Inselleben. In einem Brief an seine Tochter Martha Fontane berichtete er zunächst: „Wyk erinnert außerordentlich an Warnemünde, die Straße an der Warnow entlang; schöne Baumreihen, hier aber Blick aufs Meer. Alles sehr anmuthig, solide, nicht theuer“ #5, um dann wenig später in einem Brief an seine Frau Emilia Fontane ein weniger schmeichelhaftes Fazit zu ziehen: „viel wird er hier nicht finden, da das Ganze, so hübsch ich es finde, sowohl landschaftlich wie gesellschaftlich hinter Helgoland und Sylt erheblich zurück bleibt." #6

Christian Morgenstern dagegen hegte eine ausgesprochene Liebe zur friesischen Insel, die berühmt in seinem Gedicht Zu Niblum will ich begraben sein festgeschrieben ist. In einem Brief an Luise Dernburg im Sommer 1905 beschreibt er seinen Eindruck der Insel, der für ihn stark geprägt ist durch ihre Nähe zu den Halligen:

Diese Landschaft hat gar nichts Äußerliches, Lautes, sie spricht selbst fast nicht, sie singt höchstens leise an stillen sonnigen Abenden, wenn das Meer wie ein Spiegel grünblau mit dem Himmel zusammenzurinnen scheint, wenn auf den westlichen Wänden der Halligwerften ein leuchtender Schein liegt und die weiten Geesten und klaren Marschen mit ihren zerstreut weidenden Pferden, Kühen und Schafen eine beschauliche Wehmut atmen. Die sanfte Großzügigkeit der Menschen ausgenommen. Alles ist lieblich und gut, schlicht ohne ärmlich zu sein, beschränkt ohne der Weite zu entbehren. Die Halligen allein grüßen wie eine immerwährende Mahnung vergänglichen Erdenlebens darüber.

zitiert aus: Frank Trende: Literarische Reisen zwischen Nord- und Ostsee: Auf den Spuren berühmter Dichter unterwegs in Schleswig-Holstein. Heide 2009, S. 123.

Der Stadt Wyk konnte er allerdings wenig abgewinnen: „Aber ich hätte Ihnen lieber von Föhr erzählen sollen als von mir: der Insel, die ich nicht mit dem langweiligen Flecken Wyk zu identifizieren bitte.“ #7

Auch Detlev von Liliencron, Theodor Storm und Wolfram Eicke bereisten die Insel und wussten darüber in Schriften und Briefen zu berichten. In Thomas MannsDer Zauberberg findet Wyk kurze Erwähnung als Luftkurort.

In seinem kleinen Schleswig-Holstein-Buch Schleswig-Holstein literarisch bescheinigt Kay Dohnke Föhr, als Nordseeinsel ein beliebter Schauplatz in der Literatur zu sein. Gelungen und mit expressionistischen Zügen habe etwa Adolf Goetz in seinem 1919 erschienen Roman Im Föhrer Ley die Insel in den Roman gebracht. #8 Auch in jüngeren Jahrzahnten fand die Insel Einzug in Romane, Autobiographien, Theaterstücke und auf Bestsellerlisten.

Föhr ist Schauplatz vielzähliger Kriminalromane, wie z.B. Haß und Liebe sind eines (1909) von Carl Hartmann, Nacht über Föhr (2018) von Volker Streiter, Nordseenebel (2019) von Heike Denzau und Reimer Jürgensens Reihe um Hauptkommissar Ludwig Mommsen.

Auch für historische Romane und vergnügliche Liebesromanreihen dient die Insel als Schauplatz, etwa bei Karla Weigands zweiteiligen Friesenhexen-Reihe (2012/2014) oder bei Gabriella Engelmanns zweiteiligen Insel-Föhr-Liebesroman-Reihe (2014/2019). Janne Mommsen, der eine Weile in Nordfriesland gelebt hat, hat gleich mehrere erfolgreiche Romane und Romanreihen auf der Insel angesiedelt, darunter die neue Reihe Das kleine Friesencafé (2021), die Oma-Imke-Reihe (2010-2019) und Friesensommer (2015).

Der Insulaner heißt der 2017 erschienene autobiographische Roman des 1939 geborenen Schriftstellers Henning Boëtius. Boëtius wuchs auf Föhr und in Rendsburg auf. In Der Insulaner reflektiert er auch seine Jahre auf der Nordseeinsel, in denen er sich stets als Außenseiter fühlte. Dennoch beschreibt er seine Zeit dort als positiv wegweisend: „Meine Zeit auf Föhr hat mich entscheidend geprägt, mehr als die Jahre in Rendsburg. Denn sie hat mich mit Bildern versorgt, mit Wetter, mit Himmeln, mit Wolken, mit der Poesie des Meeres. Ohne diese Zeit wäre ich kein Poet geworden. #9

Auf die Bühne brachte die Insel der 1981 in Wyk geborene, vielfach ausgezeichnete Autor und Theaterregisseur Nis-Momme Stockmann. In seinem 2010 uraufgeführten Stück Kein Schiff wird kommen halten die Besonderheiten des Insellebens ganz konkret Einzug. Die Hauptfigur, ein junger Autor, kehrt für einen Besuch auf die Heimatinsel zurück, um herauszufinden, wie die deutsche Wiedervereinigung in der Isoliertheit von Föhr aufgenommen wurde. Auch in Stockmanns für den Preis der Leipziger Buchmesse nominierten Debütroman Der Fuchs (2017) lassen sich Elemente des Friesischen und des Lebens entlang des Deiches ausmachen.

Der niederdeutsch schreibende Autor Karl-Heinz Groth war vor seiner literarischen Hauptschaffenszeit von 1977 bis 1982 Rektor auf Föhr.

In der Umgebung

Föhr liegt in der nordfriesischen Nordsee in unmittelbarer Nähe zu den Nachbarinseln Amrum und Sylt sowie zu den Halligen. Mit Fährverbindung ans Festland über Dagebüll liegt Föhr eine Schiffstunde und weitere 45 Kilometer von der literarisch wohl bedeutsamsten schleswig-holsteinischen Nordseeküstenstadt Husum entfernt.

4.6.2021 Lisa Heyse

ANMERKUNGEN

1 Ommo Wilts: Die nordfriesische Literatur. In: Horst Haider Munske u.a. (Hrsg.): Handbuch des Friesischen. Tübingen 2001, S. 396.

2 Eintrag "Peters, Lorenz Conrad" im Nordfrieslandlexikon des Nordfriisk Institut: https://www.nordfriiskfutuur.eu/nordfrieslandlexikon/begriff/peters-lorenz-conrad/ (letzter Aufruf 5. Mai 2021)

3 Jakob Tholund: Vom Schatz der Lieder: Stine Andresen, eine Dichterin auf Föhr. Husum 1991, S.13.

4 Frank Trende: Literarische Reisen zwischen Nord- und Ostsee: Auf den Spuren berühmter Dichter unterwegs in Schleswig-Holstein. Heide 2009, S. 47.

5 Zitiert aus: Föhr. Ein Lesebuch. Gesammelt und herausgegeben von Horst Kutzer. Husum 1999, S. 44.

6 Zitiert aus: Föhr. Ein Lesebuch. Gesammelt und herausgegeben von Horst Kutzer, Husum 1999, S. 45.

7 Christian Morgenstern: Brief an Luise Dernburg, 11.7.1905. Zitiert aus: Föhr. Ein Lesebuch, gesammelt und herausgegeben von Horst Kutzer. Husum 1999, S. 29.

8 Vgl. Kay Dohnke: Schleswig-Holstein literarisch. Orte und Landschaften in der Literatur, Heide i.H. 1996, S. 66f.

9 Henning Boëtius: „Bewegtes Leben auf 1000 Seiten“. Interview mit der Zeitung Der Inselbote. Online verfügbar: https://www.shz.de/17844821 (letzter Aufruf 5. Mai 2021).