Husum

Wissenswertes

Mit 23.500 Einwohnern ist Husum die größte Stadt an der schleswig-holsteinischen Westküste. Sie verfügt über die höchste Kaufkraft in der Region und gilt als Mekka der Mode. Daneben ist der Tourismus ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Die Saison beginnt im Frühjahr mit der Krokusblüte, wenn über vier Millionen Krokusse den Schlosspark in ein lilafarbenes Naturschauspiel verwandeln.

Vor der Flut von 1362 (der ersten großen ,Mandränke‘, die weite Teile der nordfriesischen Marschen vernichtete) bestand Husum aus den Dörfern Westerhusum und Osterhusum. Nach der Flut fraß sich der Südheverstrom bis in die Mündung der Husumer Mühlenau hinein. Dort befindet sich heute der Binnenhafen, der durch ein Sperrwerk vom nördlich gelegenen Außenbereich getrennt ist, so dass bei Flut nur kontrolliert Wasser ins Stadtgebiet fließen kann. Der Außenbereich ist zusätzlich abgesichert durch den 1848 geschaffenen Dockkoog, der die Grenze darstellt zum Nationalpark Wattenmeer.

Noch heute zeigt sich die Altstadt mit ihren Häusern in norddeutscher Backsteingotik und den typischen Treppengiebeln architektonisch geprägt von der frühen Blütezeit Husums im 15. und 16. Jahrhundert. Einen weiteren wirtschaftlichen Aufschwung verdankt die Stadt dem Eiderstedter Staller Caspar Hoyer (1540–1594), der als Dienstmann des Herzogs durchsetzte, dass auch auswärtige Kaufleute in Husum handeln durften.

Die um 1510 im Herzen der Altstadt errichtete Marienkirche bestimmte mit ihrem schlanken, 95 Meter hohen Turm ursprünglich das Husumer Stadtbild, bis das Gotteshaus 1807/08 wegen Baufälligkeit abgerissen wurde. An seine Stelle trat ein klassizistischer Neubau mit einem nur reichlich 30 Meter hohen, stumpfen Turm, der an ein Leuchtfeuer erinnert. Bis heute kursiert das plattdeutsche Spottwort: ,Der Tönninger Torn is hoch un spitz; die Husumer Herrn hemm Verstand in de Mütz.‘

Im Jahr 1527 gründete der Reformator Hermann Tast (um 1490–1551) die Gelehrtenschule, lange Zeit das einzige Gymnasium Nordfrieslands. 1914 in Hermann-Tast-Schule umbenannt, befindet sich das Schulgebäude seit 1974 nicht mehr im Stadtzentrum, sondern östlich hinter dem Bahnhof.  Keine fünf Gehminuten Richtung Norden, getrennt nur durch die Husumer Mühlenau, liegt Husums zweites Gymnasium, die Theodor-Storm-Schule, die aus einer 1866 von Sophie Jacobsen (1829–1917) gegründeten privaten Töchterschule hervorgegangen ist. Auch eine andere weiterführende Schule wurde nach einem bedeutenden Husumer Autor benannt: die Gemeinschaftsschule Ferdinand-Tönnies-Schule.

In den Jahren 1577 bis 1582 ließ der Gottorfer Herzog Adolf das Schloss vor Husum im niederländischen Renaissance-Stil erbauen. Die Bezeichnung ,Schloss vor Husum‘ geht darauf zurück, dass die Schloss-Anlage ursprünglich außerhalb des ,Weichbildes‘ – bzw. seit 1603, als Husum das Stadtrecht verliehen wurde – der Stadt Husum lag. Das einzige an der Westküste Schleswig-Holsteins noch erhaltene Schloss beherbergt zwei der zahlreichen Museen der Stadt: das Poppenspäler-Museum und das Schlossmuseum, sowie mit dem Rittersaal einen stilvollen Veranstaltungsort.

Weitere Museen der Stadt sind das Stadthaus der Herzogin Augusta, das Nordfriesland Museum Nissenhaus, das Ostenfelder Bauernhaus, das Schifffahrtsmuseum, das Weihnachtshaus und das Storm-Haus.

Literarisches

Husum ist auf besondere Weise ein literarischer Ort. Zahlreiche Schreibende empfingen hier geistige Impulse, so wie umgekehrt die Literatur vielfach prägend auf die kleine Hafenstadt an der Nordsee zurückwirkt, sinnfällig geworden bereits an dem Beinamen ,graue Stadt am Meer‘, den sie ihrem berühmtesten Sohn, dem Dichter Theodor Storm (1817–1888), verdankt. Nach der Niederschlagung der schleswig-holsteinischen Erhebung verfasste der damals 34-jährige Dichter eine Liebeserklärung an den Ort seiner Herkunft, ein Gedicht in 15 jambischen Versen zu drei Strophen, zu dem Peter Sloterdijk zuletzt bemerkt hat, es zeichne sich „durch die Merkwürdigkeit aus, daß es ihm gelingt, aus der Unfarbigkeit des Orts, um nicht von Ödnis zu sprechen, ein inniges Kompliment zu machen“. #1 Die letzte Strophe lautet:

Doch hängt mein ganzes Herz an dir,
Du graue Stadt am Meer;
Der Jugend Zauber für und für
Ruht lächelnd doch auf dir, auf dir,
Du graue Stadt am Meer.

Theodor Storm: Die Stadt (1852). In: ders.: Sämtliche Werke. Hg. v. Karl Ernst Laage u. Dieter Lohmeier. 4 Bde. Frankfurt/M. 1987f., Bd. 1, S. 14 (im Folgenden abgekürzt: LL, Band- und Seitenangabe).

Das Gedicht Die Stadt ist weit über den deutschen Sprachraum hinaus als ein Heimwehgedicht bekannt geworden. Während eines Staatsbesuchs von Bundeskanzler Willy Brandt in Ägypten ließen die arabischen Gastgeber beim Empfang der deutschen Delegation Storms Verse aufsagen, um – so die das Gedicht rezitierende Ägypterin – der hierin enthaltenen Sehnsucht nach der Heimat Ausdruck zu verleihen. #2 Schriftsteller wie Jochen Missfeldt (geb. 1941), der 2010 mit dem Theodor-Storm-Preis der Stadt Husum ausgezeichnet wurde, oder Thusnelda Kühl (1872–1935), die ,Dichterin der Marschen‘, haben diesen mit Husum verbundenen Sehnsucht-Klang zitierend adaptiert: „Du graue Stadt am Meer“ überschreibt Missfeldt seine Storm-Biografie (2013), #3 „Am grauen Strand, am grauen Meer“ (1899) nennt Kühl ihren ersten Roman, der ab der zweiten Auflage (1907) „Das Pfarrhaus von Herbersfleth“ heißt (im Jahr zuvor erschien Thusnelda Kühls belletristische Biografie über den in Ibenshof bei Wobbenbüll, nahe Husum, geborenen Revolutionsdichter Harro Harring).

Literarisch lässt sich Husum heute gleichsam von Storms Arbeitszimmer – dem von Ferdinand Tönnies (1855–1936) später so bezeichneten (und noch original erhaltenen) „Poetenstübchen“ #4 – erschließen, angefangen mit Haus und Garten in der Wasserreihe 31, dem Schauplatz der autobiografischen Familien- und Ehenovelle Viola tricolor (1874). Wendet man sich gen Norden, trifft man keine zehn Gehminuten vom Storm-Haus entfernt auf das Schloss vor Husum:

Schwerfällig das Schloss
unter hohen Bäumen,
seine Flügel selbst
drücken es zu Boden.

Therese Chromik: Franziska zu Reventlow im Schloss vor Husum. In: dies.: Ich will glauben es sei Sommer. Gedichte. Weilerswist 2010, S. 30.

Im Südflügel des Schlosses lagen nicht nur die Amtsräume des Richters Theodor Storm, sondern im Schlossgebäude residierte bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein auch der Landrat mit seiner Familie. Zu Storms Zeiten war dies Ludwig Graf zu Reventlow. Dessen Frau galt Storms humoristisches Gedicht Mit einer Handlaterne: „Kleine freundliche Latern, / […] Sei noch oft der Lichtgenoß / Zwischen Wasserreih’ und Schloß“. #5 Den Hintergrund erläutert Storms Tochter Lisbeth in einem Brief an ihren Bruder Karl:

Die Gräfin und Vater wollen sich nämlich gegenseitig Laternen zu Weihnachten schenken, weil es ein wirklich halsbrechender Weg ist des Abends nach dem Schloß zu kommen und auch umgekehrt.

Lisbeth Storm an Karl Storm, 22.12.1874 (Storm-Nachlass). Zit. nach LL 1, S. 897.

Die am 18. Mai 1871 als fünftes von sechs Kindern im Schloss geborene Tochter der Reventlows, Fanny Gräfin zu Reventlow, gehört später zu den schillerndsten Figuren des Fin de Siècle und lockt illustre Persönlichkeiten wie Ludwig Klages (1872–1956) nach Husum. Der Tod ihres älteren Bruders Theodor am 22. Mai 1878, der mit 16 Jahren im Husumer Schloss an einer Gelenk- und Herzentzündung stirbt, ist 1878 Anlass für Storms Gedicht Geh nicht hinein, einer eindringlichen Auseinandersetzung mit dem unerträglichen Anblick des sterbenden Jungen. Die Schriftstellerin Ingrid Bachér, Urenkelin Theodor Storms, vermerkt hierzu:

in keinem seiner Gedichte findet sich dieselbe Härte der Genauigkeit, mit der er hier die letzten Augenblicke eines Sterbenden protokolliert. Er geht damit näher an das heran, was zu fürchten ist, und weist so überraschend aus dem neunzehnten Jahrhundert in unseres.

Ingrid Bachér: Beschwörung des Todes. Theodor Storm: Geh nicht hinein. In: Frankfurter Anthologie. Hg. v. Marcel Reich-Ranicki. Bd. 31. Frankfurt 2007, S. 77–81, S. 79f.

Wenn Fanny Reventlow später den Anblick ihres toten Vaters schildert, greift sie erkennbar auf Storms Verse zurück: „Auf dem Bett im kahlen Krankenzimmer lag etwas Kaltes, Lebloses, Schreckliches, und das war mein Vater gewesen.“ #6 Fanny Reventlows Beziehung zu ihrer Heimatstadt bleibt zerrissen zwischen Sehnsucht („ich vergehe zuweilen fast vor Heimweh; wenn ich von Husum höre“) #7 und Flucht aus den beengten, familiär schwierigen Verhältnissen. Diese Ambivalenz bringt auch ihr autobiografisch angelegter Roman Ellen Olestjerne (1903) zum Ausdruck.

Dem Schloss gegenüber liegt das Kavaliershaus, in dem Ferdinand Tönnies groß wurde (er entstammte einer Bauernfamilie aus Oldenswort, wo auch Thusnelda Kühl den größten Teil ihres Lebens verbringt). Fanny Reventlow erinnert sich in einem Brief gegenüber ihrem Lübecker Jugendfreund Emanuel Fehling, wie sie bei ihren „Morgenspaziergängen“ den Ossian gelesen habe „und mich gelegentlich über den Wall mit Ferdinand Tönnies unterhielt“. #8

Wendet man sich vom Schloss wieder gen Süden und wandert zurück, trifft man auf halbem Weg „[z]wischen Schloß und Wasserreih’“ #9 auf die Langenharmstraße, die ihren Namen Hermann Hoyer (1477–1541) verdankt, der den Beinamen ,Langer Harm‘ trug. Er war ein Schwiegersohn Herzog Friedrichs, der 1523 als Friedrich I. den dänischen Thron bestieg. Die 1584 in Koldenbüttel geborene Dichterin Anna Ovena Hoyers wurde später mit dem Enkelsohn des ,Langen Harm‘, der ebenfalls Hermann Hoyer hieß (Sohn des oben erwähnten Eiderstedter Stallers Caspar Hoyer), verheiratet und gebar ihm neun Kinder, ehe sie nach dem Tod ihres Mannes verarmte, nach Schweden emigrierte und sich von dort aus mit eigenwilligen Schriften selbstbewusst in die religiösen und gesellschaftlichen Debatten ihres Heimatlandes einmischte.

Den kurzen Weg von der Hohlen Gasse, wo sein Elternhaus lag, zur Langenharmstraße 111 (heute Nr. 9) beschreibt Storm 1870 in seiner autobiografischen Prosa-Skizze Lena Wies. Als Junge besuchte er hier die 20 Jahre ältere Lena Wies (1797–1868), um sich von ihr Geschichten erzählen zu lassen:

Und dann – ja, dann erzählte Lena Wies; und wie erzählte sie! – Plattdeutsch, in gedämpftem Ton, mit einer andachtsvollen Feierlichkeit.

Theodor Storm: Lena Wies. In: LL 4, S. 175–185, S. 179.

Noch Husums dieser Tage bedeutendste Autorin, Dörte Hansen (geb. 1964), spricht zu Hause mit ihrem Mann und den Kindern nur plattdeutsch. Bei der Verfilmung ihres zweiten, 2018 erschienenen Romans Mittagsstunde wirkte sie darauf hin, dass eine weitere Fassung gedreht wurde, bei der sämtliche Dialoge in Plattdeutsch gesprochen werden.

In der Lena Wies gewidmeten Prosa-Skizze bekennt Storm, dass er von ihr „nicht nur die Kunst des Erzählens“, sondern „auch die Achtung vor ernster bürgerlicher Sitte“ gelernt habe. #10 Das Porträt, das der Dichter hier von der zeit ihres Lebens unverheiratet gebliebenen „Scheherezade“ #11 seiner Jugend entwirft, deren Gesicht durch die Blattern entstellt war, führt später die Husumer Schriftstellerin Margarete Böhme (1867–1939) weiter aus, als sie 1916 ein Lebensbild ihrer Mutter Tina Daul zeichnet. Böhmes Mutter war 1847 als 15-jährige in den Haushalt von Lena Wies gekommen, um die Tante zweiten Grades in der Bäckerei und der Milchwirtschaft zu unterstützen. Margarete Böhme beschreibt ihre Großtante als ,selten kluge‘, ,über ihren Stand gebildete‘ Frau:

Sie war eine prächtige, durch und durch rechtschaffende Frau mit einem warmen Herzen für fremdes Leid, aber ihrem reinen Charakter war gleichzeitig eine gewisse Strenge und Härte eigen.

Aus einem Manuskript Margarete Böhmes, verfasst am 20.11.1916. Erstmals abgedruckt in den „Husumer Nachrichten“ am 12.12.1987.

So wurde die begnadete Erzählerin Lena Wies mit ihrem „spröden Herzen“ #12 (Böhme) und den „schönen braunen Augen“ #13 (Storm) nicht nur für den Dichter zu einer prägenden Figur. Ihre Stimme lebte ebenso weiter in Tina Daul. Deren sprachbegabte Tochter Margarete, die in der Langenharmstraße 9 groß wurde, erzielte zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit ihrem Roman Tagebuch einer Verlorenen (1905) eine Auflage von 1,2 Millionen. Dreimal wurde das Buch verfilmt, zuletzt 1929 von G.W. Pabst (1885–1967).

Seit 2020 verleiht der Kreis Nordfriesland den Margarete-Böhme-Jugendkulturpreis. Jüngste Preisträgerin ist die in Ostenfeld bei Husum aufgewachsene Poetry-Slam-Künstlerin Alina Jacobs (geb. 2001), die viele Jahre Schülermuseumsführerin im Storm-Haus gewesen ist. Ihre Dankesrede bei der Preisverleihung am 23.10.2022 trug sie im Poetry-Slam-Duktus vor. So führen die Wege gleichsam wieder zurück in die Wasserreihe. „Und während ich die Kopfsteinpflastergasse / geh, finde ich die Spur / der Dichtung“, heißt es in Therese Chromiks (geb. 1943) Gedicht Husum. #14 Hier, mit Blick auf Storms Garten, arbeitet heute Dörte Hansen, die 1984 an der Theodor-Storm-Schule ihr Abitur absolvierte, wo wiederum zwei Jahrzehnte später Therese Chromik ihre berufliche Laufbahn als Schulleiterin beschloss.

Auch der Hochschullehrer Heinrich Detering (geb. 1959) übernachtete gerne in der Wasserreihe mit Blick auf Storms Garten, als er zwischen 2003 und 2015 der Theodor-Storm-Gesellschaft als Präsident vorstand, die seit 2006 ihre Arbeits- und Verwaltungsgebäude samt Gäste-Apartment neben dem Storm-Haus hat. Sein Gedicht Husum, kurz vor sieben beschreibt den frühen Gang des vielbeschäftigten Literaturwissenschaftlers von der Wasserreihe in Richtung Bahnhof:

drängende Pläne der Blick
zur Uhr drüben am Hafen

Husum kurz vor sieben die Zeit setzt aus
das Ohr wird taub die Augen schweifen ab

draußen die Kutter die Segelboote
gehoben von der einlaufenden Flut
ein Fußgänger von rechts nach links eilig

als der Regen einsetzt

gleich sieben

Heinrich Detering: Husum, kurz vor sieben. In: ders.: Wrist. Gedichte. 2. Aufl. Göttingen 2009, S. 31.

Die Theodor-Storm-Gesellschaft und ihre Präsidenten haben ihrerseits die Phantasie der Literaten angeregt. So wird in Wimmer Wilkenlohs Kriminalroman Hätschelkind. Der erste Fall von Jan Swensen (2005) der Präsident der Storm-Gesellschaft ermordet. Der Kieler Schriftsteller Christopher Ecker (geb. 1967) schickt in dem 2021 erschienenen Roman Herr Oluf in Hunsum seinen Protagonisten, den Geisteswissenschaftler Professor Sattler, auf eine Fachtagung in das fiktive Hunsum.

Es war auch Heinrich Detering, der zusammen mit seinem Schüler Kai Sina dem ,Fall Gustav Frenssen‘ (Arno Schmidt) 2018 eine eingehende Studie widmete. #15 Geschätzt von Autoren wie Selma Lagerlöf (1858–1940) und Rainer Maria Rilke (1875–1926), brachte Frenssen sich zugleich durch sein offenes Bekenntnis zum Nationalsozialismus in Verruf. In Barlt als Sohn eines Tischlers geboren, kam er 1884 als Primaner nach Husum, um für eineinhalb Jahre die Husumer Gelehrtenschule zu besuchen (die bereits Storm, wie später seine Söhne sowie Ferdinand Tönnies, besucht und wo Tycho Mommsen, Bruder von Theodor Mommsen, von 1849 bis 1850 als junger Lehrer gewirkt hatte). Während dieser Zeit mietete Frenssen ein Zimmer in der Wasserreihe, bewohnt dort im ersten Stock eines großzügigen Bürgerhauses einen „dunkelgetäfelten, ernsten und schönen Raum“, wie er sich später erinnert. #16 Es handelt sich um das „Poetenstübchen“ Theodor Storms (der wenige Jahre zuvor das Haus verkauft hatte und nach Hademarschen gezogen war). In seinem erfolgreichen Roman Jörn Uhl (1901) lässt Frenssen Storm später in einer Nebenrolle auftreten.

Zum Spezialisten in Sachen Mord und Totschlag macht der Frankfurter Kulturjournalist und Autor Tilman Spreckelsen (geb. 1967) seit 2015 den Dichteranwalt Theodor Storm und dessen Schreiber Peter Söt. Reizvoll an diesen unterhaltsamen Bestsellern ist nicht zuletzt, dass man mit ihnen auf den akribisch recherchierten historischen Spuren des Dichters und seiner Werke in Husum und Nordfriesland wandern kann. 

Der 2001 erschienene Roman Hauke Haiens Tod des heutigen Vizekanzlers Robert Habeck (geb. 1969) und seiner Frau Andrea Paluch (geb. 1970) greift Storms bekannteste Erzählung auf, verlegt die Handlung in die Gegenwart und erzählt sie im Stile eines literarisch ambitionierten Regionalkrimis fort. 13 Jahre später war Habeck als Landesminister für Umwelt, Energiewende, Landwirtschaft und Ländliche Räume (und somit auch Küstenschutz) selbst verantwortlich für den Deichbau in Schleswig-Holstein. Aus Anlass der Verfilmung unter der Regie von Andreas Prochaska (mit Detlev Buck als Hauke Haien) wurde der Roman im Februar 2023 als Taschenbuch neu aufgelegt.

Auch Jochen Missfeldts Gedicht Der Deichgraf kommt lehnt sich spielerisch an Storms berühmten Helden an:

Die Deiche haben es gut.
Das Meer ist verschwunden.
Der Himmel ist blau.
Vom Wind keine Spur.
Der Deichgraf kommt und schreibt alles auf.

Noch unveröffentlicht. Am 29.1.23 per Mail mitgeteilt.

Mit dem Meer spricht Missfeldt jenen Landschaftsraum an, mit dem die Anziehungskraft Husums zuallererst zusammenhängt. „Das Meer erregt in mir ein entsetzliches Heimweh nach Husum, nach der Nordsee und den Deichen“, schreibt die in Lübeck weilende Fanny Reventlow. Auch Theodor Fontane (1819–1898) möchte „[i]n einem Boot wenigstens die nächstgelegene der friesischen Inseln […] besuchen“, #17 als er seinen Besuch im Spätsommer 1864 bei Storm ankündigt. In Husum eingetroffen, wandert er dann gemeinsam mit seinem Dichterkollegen am Dockkoog auf dem Deich zu den Austernbecken. #18 Dasselbe Husum-Programm absolviert drei Jahre später Wilhelm Raabe (1831–1910):

Um 3 Uhr Nachm. Karte beim Landvogt Theodor Storm abgegeben. – Auf dem Deiche gegen das Meer zu, – die Ebbe. Bei Buchh. Delff, Hansens Schleswig’sche Inseln gekauft. Mit B‹ertha›. u Gr‹etchen› auf dem Deich und durch die Stadt. […] Austernbassin und Störche.

Die Autorin Marion Poschmann (geb. 1969), erste Inhaberin des seit 2019 vergebenen Storm-Schreiber-Stipendiums, widmete dem Dockkoog während ihres Stipendiats in Husum eine Gedicht-Miniatur:

Sandfäden, -knäule
auf spitzen Kegeln im Schlick.
Wattwürmer, Ebbe.
Tröstlich zu wissen, daß das
Wasser immer zurückkehrt.

Das bekannteste Gedicht über diesen besonderen Naturraum ist Storms Meeresstrand (1856), das in der Erstfassung „Am Deich“ hieß. „Du wunderst Dich, wie ich Heimweh haben könne – ich will es Dir sagen“, heißt es in einem Brief an den Vater vom 6.–10. Juni 1854. #19 Es folgen die ersten drei Strophen des Gedichts, denen Storm später noch eine vierte Strophe hinzufügt:

Noch einmal schauert leise
Und schweiget dann der Wind;
Vernehmlich werden die Stimmen,
Die über der Tiefe sind.

Theodor Storm: Meeresstrand. In: LL 1, S. 14f.

Husums zweite Storm-Schreiberin, die Berliner Autorin Christiane Neudecker (geb. 1974), deren Roman Sommernovelle (2015) zwei 15-jährigen Schülerinnen auf eine Vogelstation nach Sylt folgt, erlebt die Stadt nach dem ersten durch die Corona-Pandemie geprägten Winter im Frühling 2021:

Die Stadt selbst wirkt auf mich so offen. Sie ist nicht grau […]. Nur selten laufe ich zur Dockkoogspitze, beobachte fröstelnd die Schwimmer in der frühlingskühlen Flut. Es zieht mich mehr zum Binnenhafen, zu den Menschen, die in den Cafés sitzen, zu dem wieder zu fließen beginnenden Leben. […] Mit einem gebeugten, alten Herren betrachte ich den entrümpelten Sperrmüll, der an einer Straßenbiegung auf Abholung wartet. Vorm Speicher helfe ich einer jungen Mutter beim Aufklauben ihrer davonspringenden Münzen. Trinkende Jugendliche laden mich am Dock auf eine Flasche Bier ein. Bei Loof bemerkt der Verkäufer noch vor mir selbst meinen blutenden Daumen und schenkt mir ein Pflaster. Fast ungläubig nehme ich all das wahr, ich tappe in den ersten Tagen über die Südermarsch, grüße Spaziergänger, beginne auf einem Feldweg zu tanzen.

So zeigt Husum sich zu Beginn der 2020er Jahre als gleicherweise beglückende wie begeisterte kleine Literaturmetropole im hohen Norden. Hatte Fanny Reventlow einst während ihrer Schwangerschaft jeden Tag ein Gedicht von Rilke erhalten, #20 so postet heute der in Husum aufgewachsene Sänger und Autor Max Richard Leßmann (geb. 1991) jeden Tag ein Gedicht auf Instagram, wo ihm 114.000 Abonnenten folgen. Eine Auswahl dieser Gedichte publizierte Leßmann 2022 unter dem Titel Liebe in Zeiten der Follower. Therese Chromik sendet wöchentlich den Podcast Jeden Sonntag ein Gedicht. Im selben Intervall präsentieren der Pastor der Husumer Marienkirche, Friedemann Magaard, und die Publizistin Susanne Garsoffky seit 2020 ihren Lyrik-Podcast Seelenfutter, bei dem sie jeweils zwei Gedichte und zwei Bibeltexte assoziativ miteinander ins Gespräch bringen.

Fanny Reventlow wäre vermutlich vitalisiert von der pulsierenden literarischen Gegenwart ihrer Heimatstadt, dem Nebeneinander von anspruchsvollen Literaturabenden und populären Formaten, Plattdeutsch und Poetry Slam, von einer Stadt, in der sich renommierte Storm-Schreiberinnen und erfolgreiche Social-Media-Poeten unerkannt über den Weg laufen:

Husum schwebt mir jetzt fast nur noch wie ein Traumbild vor und verklärt sich immer mehr zu etwas unerreichbar Schönem.

Fanny Reventlow an Emanuel Fehling, 15.9.1890. Zit. nach Hans Eggert Schröder: Aus den Jugendjahren der Franziska Gräfin zu Reventlow in Husum und Lübeck. Zur Ausstellung „Franziska Gräfin zu Reventlow. Schwabing um die Jahrhundertwende“ in Husum. In: Die Heimat. Zeitschrift für Natur- und Landeskunde von Schleswig-Holstein und Hamburg 85 (1978). Heft 9, S. 217–226, S. 221.

In der Umgebung

Von Husum lässt sich das Umland literarisch in alle Himmelsrichtungen erschließen – mit dem Fahrrad, dem Auto, mit Bus und Bahn oder mit dem Schiff. Manch eine Hallig erreicht man bei Ebbe auch mit der Pferdekutsche oder mit der Lore (einer Mini-Eisenbahn).

Im Hinterland südöstlich von Husum findet man in Rantrum, Schwabstedt, Ostenfeld und dem zwischen Ostenfeld und Schwabstedt gelegenen Wilden Moor Handlungsorte von Storms Novellen Draußen im Heidedorf (1872), Renate (1878) und Zur Wald- und Wasserfreude (1879). Auch der Roman Die Wildnis (1910) des in Rantrum geborenen Journalisten Albert Johannsen (1850–1909) spielt in dieser Heide- und Moorlandschaft.

Die reizvoll an der Treene gelegene Ortschaft Schwabstedt lässt sich mit Spreckelsens erstem Storm-Krimi Das Nordseegrab (2015) erkunden. Folgt man der Treene Richtung Westen, landet man bald in Friedrichstadt. Hier spielen Teile von Storms Novelle Auf dem Staatshof (1859). Der historische Staatshof befindet sich an der Bundestraße 202 nahe Koldenbüttel. Wenige Autominuten weiter gen Norden steht zwischen Witzwort und Simonsberg der Rote Haubarg, ein beliebtes Ausflugsziel mit Restaurant und einem Haubargs-Museum. Auch das südwestlich vom Roten Haubarg gelegene Herrenhaus Hoyerswort – im 16. Jahrhundert erbaut von Caspar Hoyer – wartet heute sowohl mit kulinarischem Angebot als auch mit einem Kultur-Programm auf. Friede H. Krazes (1870–1936) Roman Die Frauen von Volderwiek (1926) spielt im Herrenhaus Hoyerswort. Wer die Landschaft zwischen Friedrichstadt, Koldenbüttel, Tönning und Garding literarisch entdecken möchte, findet in Spreckelsens fünftem Storm-Krimi Das Nordseekind (2023) das richtige Buch. Der Roman Millionensegen (1920) der Schriftstellerin Meta Schoepps (1868–1939) schildert den Niedergang der Tönninger Werft. Die Geschichte wurde 1922 unter dem Titel „Das Testament des Ive Sievers“ mit Hans Albers in der Hauptrolle verfilmt.

Nordwestlich von Husum stößt man bei Arlewatt auf den Arlewatthof, Schauplatz von Storms Erzählung Zur Chronik von Grieshuus (1884). Im benachbarten Drelsdorf finden sich in der Kirche eindrückliche Spuren der Novelle Aquis submersus (1876). In Breklum spielt Spreckelsens dritter Storm-Krimi Der Nordseeschwur (2017). Wendet man sich von hier aus wieder gen Süden und durchfährt die Hattstedter Marsch, so befindet man sich im ,Schimmelreiterland‘. Der frühere, auf einer Warft gelegene Deichgrafenhof Lundenberg ist Vorbild für den Deichgrafenhof in Storms Novelle, etwas weiter südlich steht am Deich bei Sterdebüll der Schimmelreiter-Krug, unschwer zu identifizieren als Schauplatz der Rahmenhandlung von Storms bekanntester Erzählung.

Die Halbinsel Nordstrand ist über den 1934 erbauten Nordstrander Damm mit dem Festland verbunden. Auf Nordstrand spielt Spreckelsens zweiter Storm-Krimi Der Nordseespuk (2016).  Im Süden von Nordstrand liegt der Süderhafen, wo der Landvogt Storm seinerzeit mit dem Dampfboot ankam, wenn ihn seine Amtsgeschäfte auf die Halbinsel führten. Der heutige Hafen Strucklahnungshörn liegt im Nordwesten. Von dort gehen Schiffe nach Pellworm und nach der Hallig Süderoog, Handlungsort von Storms Novelle Eine Halligfahrt (1872). Pellworm und Nordstrand wurden bei der großen Flut von 1362 auseinandergerissen. Auf halbem Wege zwischen Süderoog und Nordstrand befindet sich die Hallig Südfall, in deren Nähe das untergegangene, sagenumwobene Rungholt gelegen hat. Die in der ersten großen ,Mandränke‘ versunkene Marschensiedlung, die zur mythenumrankten reichen Stadt wurde, wird nicht nur in Storms Halligfahrt erwähnt. Bereits Hans Christian Andersen (1805–1875) erinnert in seinem Roman Die zwei Baronessen (1848) an sie. Detlev von Liliencrons (1844–1909) Ballade Trutz, blanke Hans (1882/83) machte die Rungholt-Sage dann populär, mit der sich später auch Jan Christophersens (geb. 1974) Protagonist in Schneetage (2009) auseinandersetzt und die Kari Köster-Lösche (geb. 1946) in Die letzten Tage von Rungholt (1997) wieder lebendig werden lässt.

17.2.2023 Christian Demandt

ANMERKUNGEN

1 Peter Sloterdijk: Wer noch kein Grau gedacht hat. Eine Farbenlehre. Frankfurt 2022, S. 200.

2 Überliefert bei Ingeborg Kuke: „Die Stadt“. 22 Übertragungen des Gedichtes von Theodor Storm in 10 verschiedene Sprachen. Hg. v. ders. Husum 1974, Vorwort.

3 Jochen Missfeldt: Du graue Stadt am Meer. Der Dichter Theodor Storm in seinem Jahrhundert. München 2013.

4 Ferdinand Tönnies: Theodor Storm. Zum 14.9.1917. Gedenkblätter. Berlin 1917, S. 57.

5 Theodor Storm: Mit einer Handlaterne.  In: ders.: Sämtliche Werke. Hg. v. Karl Ernst Laage u. Dieter Lohmeier. 4 Bde. Frankfurt/M. 1987f., Bd. 1, S. 130 (im Folgenden abgekürzt: LL, Band- und Seitenangabe).

6 Franziska Gräfin zu Reventlow: Vater. In: Gesammelte Werke in einem Bande. Hg. u. eingel. v. Else Reventlow. München 1925, S. 995–999, S. 998.

7 An Emanuel Fehling, März 1890. Zit. nach Hans Eggert Schröder: Aus den Jugendjahren der Franziska Gräfin zu Reventlow in Husum und Lübeck. Zur Ausstellung „Franziska Gräfin zu Reventlow. Schwabing um die Jahrhundertwende“ in Husum. In: Die Heimat. Zeitschrift für Natur- und Landeskunde von Schleswig-Holstein und Hamburg 85 (1978). Heft 9, S. 217–226, S. 220.

8 An Emanuel Fehling, 15.5.1890. Zit. nach Schröder 1978, S. 224.

9  LL 1, S. 130.

10 LL 4, S. 180.

11 LL 4, S. 175.

12 Aus einem Manuskript Margarete Böhmes, verfasst am 20.11.1916. Erstmals abgedruckt in den „Husumer Nachrichten“ am 12.12.1987.

13 LL 4, S. 177.

14 Therese Chromik: Husum. In: Beiträge zur Husumer Stadtgeschichte 8 (2002). Hg. von der Gesellschaft für Husumer Stadtgeschichte, S. 128.

15 Kein Nobelpreis für Gustav Frenssen. Eine Fallstudie zu Moderne und Antimoderne. Hg. v. Heinrich Detering u. Kai Sina. Heide 2018.

16 Gustav Frenssen: Als Primaner in Husum (1919). Zit. nach Karl Ernst Laage: Gustav Frenssen und Theodor Storm. In: Dithmarschen. Heft 1. März 2006, S. 7–9, S. 8.

17 Theodor Fontane an Theodor Storm, 25.9.1864 (Theodor Storm – Theodor Fontane: Briefwechsel. Hg. v. Gabriele Radecke. Berlin 2011.)

18 Vgl. Missfeldt 2013 (wie Anm. 3), S. 271.

19 Zit. nach Christian Demandt: Meeresstrand (Storms Lyrik. Eine Einführung. Teil 2). In: Mitteilungen aus dem Storm-Haus 35 (2022), S. 16–20, S. 16. Link: https://www.storm-gesellschaft.de/fileadmin/user_upload/Mitteilungsblaetter/flipbooks/2022/index.html#p=16.

20 Vgl. Ulf von Hielmcrone: Husum. Führer durch die Stormstadt. 3. überarb. u. erw. Aufl. Husum 2001, S. 6.