Wissenswertes

Sylt ist die größte der nordfriesische Inseln. Die an der östlichen Seite ans Wattenmeer grenzende Insel umfasst knapp 100 Quadratkilometer und zählt gut 18.000 Einwohner*innen. Sylt ist zugleich die nördlichste Insel Deutschlands, ihre nördliche Hälfte liegt geographisch auf Höhe Dänemarks. Oftmals wird sie auch als „beliebteste Insel der Deutschen“ betitelt – die Kurorte Westerland, Kampen und Wenningstedt sowie der 40 Kilometer lange Weststrand machen die Insel zu einem populären Urlaubsort.

Die von Dünen-, Strand- und Heidelandschaften dominierte Insel wurde erstmals im 12. Jahrhundert urkundlich erwähnt. Besiedlungsspuren gehen aber schon auf die Jungsteinzeit zurück. Mit der Zweiten Marcellusflut 1362 wurde Sylt vollends zur Insel. Seit 1927 aber ist sie über den 11 Kilometer langen Hindenburgdamm über Schienen wieder ständig mit dem Festland verbunden. Die Zugverbindung bringt sowohl Personen als auch Fahrzeuge auf die Insel. Etwa die Hälfte der Insulaner*innen wohnt in Westerland, dem Hauptort der Insel, der auch die finale Destination der Zugverbindung ist. Zudem verbinden Schiffsverbindungen Sylt mit Amrum und Föhr, und vom Hafen im nördlichen List verkehren regelmäßig Fähren nach Rømø in Dänemark.

Die rege geteilte Geschichte mit dem Nachbarland zeigt sich auch in den Sprachen, die auf Sylt neben dem Hochdeutschen präsent sind. Sölring, die Sylter Variante des Nordfriesischen, zeichnet sich im Vergleich zu anderen nordfriesischen Mundarten durch eine höhere Dichte an dänischen Lehnwörtern aus. Dabei beherrschen Sylter*innen deutlich seltener ihren nordfriesischen Dialekt als die Bewohner*innen der Nachbarinseln die Amringer und Ferringer Mundarten. Sölring kommt dementsprechend im Alltagsleben auf der Insel kaum eine Bedeutung mehr zu. Die dänische Sprache und Kultur hingegen werden von der dänischen Minderheit vor allem im Sylter Norden in Schulen und Vereinen und mithilfe von Bibliotheksangeboten lebendig gehalten.

Wie in weiten Teilen Schleswig-Holsteins war die deutsch-dänische Geschichte auf Sylt von vielen Wechseln und Strömungen geprägt. 1866 wurde Sylt schließlich in die Provinz Schleswig-Holstein eingegliedert. Zu dieser Zeit verbrachten immer häufiger angesehene Künstler*innen Aufenthalte auf der Insel und kurbelten so den bald alles bestimmenden Fremdenverkehr an. Vorher, im 17. und 18. Jahrhundert, war Sylt geprägt von einem Wohlstandsgefälle: Walfang, Seefahrt, Austernzucht und Vogelkojen verhalfen einem Teil der Insulaner*innen zu moderatem Reichtum, während der landwirtschaftlich tätige Teil der Bevölkerung ob der kargen Böden verarmte. 1855 wurde Westerland schließlich zum Seebad und wie auf den umliegenden Nordseeinseln nahm der Tourismus eine immer zentralere Bedeutung ein. Heute ist die Wirtschaft der Insel in solch einem Maße vom Fremdenverkehr bestimmt, dass ihre Wirtschaftskraft auf das angrenzende Festland ausstrahlt. Etwa 4.500 Pendler*innen kommen während der Hauptsaison täglich mit der Marschbahn zur Arbeit auf die Insel.

Mit dem wachsenden Tourismus begann ein anhaltender Wandel Sylts, der sich sowohl architektonisch als auch demographisch manifestierte. Nach einer Urlauberpause während des Zweiten Weltkriegs, als Sylt als Sperrgebiet klassifiziert wurde, kamen ab den 1950er Jahren wieder mehr Touristen auf die Insel. Zudem fanden viele Vertriebene aus den ehemaligen Ostgebieten Deutschlands eine Bleibe und Arbeit im Fremdenverkehr auf Sylt, sodass die Bevölkerungszahl der Insel sich zeitweise verdoppelte. Beide Faktoren führten dazu, dass sich das Erscheinungsbild Westerlands mit zahlreichen mehrgeschossigen Appartementhäusern nachhaltig änderte. Mit dem Tourismus ging außerdem eine anhaltende Gentrifizierung einher, die dazu führt, dass Immobilien- und Lebenshaltungspreise fortwährend steigen. Immer mehr Sylter*innen, vor allem junge Familien, verlassen die Insel; immer mehr Zweitwohnbesitzer*innen leben zeitweise auf ihr.

Auch geographisch unterliegt Sylt starken Veränderungen. Wegen ihrer exponierten Lage in der Nordsee und der immer höher reichenden Wellenenergie als Folge des Klimawandels hat die Insel kontinuierlich mit Landverlust und Versandung zu kämpfen. Kostspielige und nicht unumstrittene Sandvorspülungen an der Westküste der Insel haben sich bislang als einzig effektives Mittel erwiesen, um die Erosion zu verlangsamen.

Dennoch erfreut sich Sylt ungebrochener Beliebtheit unter den Reisewilligen und hat ihnen einiges zu bieten: Dünen- und Heidelandschaften, viele davon unter Naturschutz, laden zu ausgiebigen Spaziergängen ein, die Brandung an der Westseite der Insel lockt Wassersportler*innen, das Wattemeer im Osten junge und ältere Entdecker*innen. Dazu bietet Sylt interessante und informative Bauwerke: traditionelle Häuser, fünf Leuchttürme, die Museen Altfriesisches Haus und das Heimatmuseum Sylt Museum in Keitum sowie das Erlebniszentrum Naturgewalten in List und das Sylt Aquarium in Westerland. Das Morsum-Kliff begeistert geologisch Interessierte, diverse Relikte und Spuren aus der Bronze-, Stein-, Eisen- und Wikingerzeit die Hobby-Archäologen.

Weiterhin ist Sylt für seine ungewöhnliche Dichte an preisgekrönten Restaurants bekannt und bietet kulturell und künstlerisch Interessierten eine Fülle an hochkarätig besetzten Veranstaltungen und Ausstellungen; im Bereich der Literatur zu nennen sind etwa der Literatur- und Kultursommer in Kampen und das lange Literaturwochenende Sylt in verschiedenen Hotels. Zudem hat Sylt mit dem Sylter Inselschreiber einen Literaturpreis für deutschsprachige Autor*innen, der ein Literaturstipendium mit achtwöchigem Aufenthalt in Rantum beinhaltet.

Literarisches

Der Beginn der Sylter Literaturtradition wird oft in der nordfriesischen Literatur im 19. Jahrhundert verortet. Entsprechend der Parallelität der nordfriesischen Mundarten breiteten sich die nordfriesischen Literaturen nur selten über das Sprachgebiet eines Dialektes hinaus aus. Die Sölringer Literatur und ihre Autor*innen gelten als Vorreiter in der nordfriesischen Literaturtradition, was oft darauf zurückgeführt wird, dass der rege Fremdenverkehr zu einem verstärkten Bestreben des Erhalts der eigenen Sprache und Kultur führte. Sylt brachte in der Zeit nach 1800 gleich drei außergewöhnliche und einflussreiche nordfriesisch schreibende Autoren hervor.

Der Seeman und Küster Jap Peter Hansen (1767–1855) schrieb die Komödie Di Gidtshals, of die Söl’ring Pidersdei, die 1809 als erstes nordfriesisches literarisches Buch gedruckt wurde. „Jap Köster“, wie Hansen oft genannt wurde, verfasste auch den ersten 50 Seiten starken Roman in nordfriesischer Sprache (Di lekkelk Stjüürman, 1833), was bis heute eine Seltenheit in der friesischen Literaturtradition ist.

Jap Peter Hansens Sohn, der in Westerland geborene Lehrer und Küster Christian Peter Hansen (1803–1879), ist noch heute als „Chronist von Sylt“ bekannt. C.P. Hansen veröffentlichte Sagen, Erzählungen und Volksmärchen der Insel sowie eigene Gedichte. Er schrieb sowohl hochdeutsche als auch friesische Texte, mit denen er das Leben, die Kultur und die Sprache des alten Sylts bewahren wollte. Dass auch seine Dokumentation von alten Sylter Volksgeschichten oft einen erheblichen Teil an Eigendichtung beinhaltete #1, zeigt das Beispiel der Sage von Pidder Lüng. Die Geschichte des friesischen Fischers, der, seinem Gerechtigkeits- und Freiheitssinn folgend, den dänischen Steuereintreiber kurzerhand in einem Topf heißem Grünkohl ertränkte, wurde von C.P. Hansen Mitte des 19. Jahrhunderts aufgeschrieben und Ende des Jahrhunderts von Detlev von Liliencron zur bekannten Ballade gemacht, deren jede Strophe mit dem stolzen Ausspruch „Lewwer duad üs Slaav!“ endet. Auch in Wilhelm Lobsiens Erzählungen hielt Pidder Lyng Einzug. Doch Die Zeit weiß zu berichten: „Christian Peter Hansen erfand die Figur des mit Grütze tötenden Pidder Lüng, um zu zeigen, wie sich die Sylter schon immer gegen die "Fremdherrschaft" der Dänen aufgelehnt hatten.” #2 Dennoch ist C.P. Hansens Werk in seiner Bedeutung vergleichslos. Sein Bestreben, das alte Sylt lebendig zu halten, wird seit 1960 mit dem C.-P.-Hansen-Preis fortgeführt, der für die Bewahrung Sylter Brauchtums verliehen wird. Die C.-P.-Hansen-Allee in Keitum und eine Ausstellung im Altfriesischen Haus, das C.P. Hansen bewohnte, erinnern an den wichtigen literarischen Sohn der Insel.

Der Keitumer Bauer Jens Emil Mungard (1885-1940) gilt „als bedeutendster Dichter in nordfriesischer Sprache“ #3, dessen Schaffensphase in die Blütezeit der nordfriesischen Literatur um die Wende des 19. zum 20. Jahrhundert fällt. Beinahe 800 Gedichte umfasst das Werk des oft aneckenden und unangepassten Friesen, der sich zeitlebens lautstark für die Eigenständigkeit und auch für eine stärkere Einheitlichkeit des Friesischen einsetzte. Im Nationalsozialismus erhielt Mungard Schreibverbot, wurde 1939 ins Konzentrationslager Sachsenhausen eingeliefert und starb dort schließlich ein Jahr später.

Neben der nordfriesischen Literatur entwickelte sich auch eine Tradition der hochdeutschen Literatur von und über Sylt. Manfred Wedemeyer meint zum Verhältnis der beiden:

Die Erschließung der Insel für den Fremdenverkehr hat einerseits den Niedergang der inselfriesischen Sprache und Literatur begründet, andererseits hat sie gleichzeitig die Vielfalt und den Reichtum der hochdeutschen Inselliteratur hervorgerufen, eine antagonistische Entwicklung, die in der Sylter Literaturgeschichte [...] zu den Besonderheiten zählt.

Manfred Wedemeyer: Sylter Literaturgeschichte in einer Stunde, Sylter Beiträge 4, Münsterdorf 1971, S. 61.

Besonders ab Mitte des 19. Jahrhunderts kamen immer mehr Literaten auf die Insel und entdeckten diese für ihr Schreiben:

Manche berühmte Literaten reisten wie die Zugvögel in jedem Jahr nach Sylt und hielten Erinnerungen an die Besuche mit Schilderungen der Inselnatur in ihren Büchern wach. Deshalb ist über kaum einen eng begrenzten deutschen Landschaftsraum eine so reichhaltige und umfangreiche Literatur wie über Sylt vorhanden.

Manfred Wedemeyer: Sylter Literaturgeschichte in einer Stunde, Sylter Beiträge 4, Münsterdorf 1971, S. 7.

Neben Romanen und Gedichten entstanden zunehmend auch Tagebucheinträge und Reiseliteratur von literarischem Charakter. Beispiele für prägende Veröffentlichungen des Beginns dieser hochdeutschen Sylt-Literatur sind Bernhardine Schulze-Smidts Verkaufsschlager, die Sylt-Novelle Inge von Rantum (1881), Wilhelm Raabes Deutscher Mondschein (1873) oder auch Hans Bethges Tagebuch Mein Sylt (1900). #4 Auch Schleswig-Holsteiner Dichter wie Klaus Groth, der zwischen 1891 und 1895 mehrfach Sylt besuchte, verewigten ihre Eindrücke von der Insel:

Ade, ade, de Summer geiht,
Ade bet tokumm Jahr!
De See, de brust; de Storm, de weiht –
Nu ward dat Hart mi swar.
Ich heff wul sungn en schöne Tied
Den ganzen Summer hin.
Nu reis ick fort, nur reis ick mit
Na’n Süden, na de Sünn.

Klaus Groth: Zum Abschied (Die Wanderlerche singt). Sylt, den 19.9.1892, zitiert nach Manfred Wedemeyer: Sylter Literaturgeschichte in einer Stunde, Sylter Beiträge 4, Münsterdorf 1971, S. 31.

Besonders Kampen, das sich übrigens anders als die meisten Orte auf der Insel nicht früh dem Nationalsozialismus hingab, galt zu Beginn des 20. Jahrhundert mit seinen liberal-intellektuellen Gästen als eine Art Künstlerkolonie. Hans Peter Johannsen weiß in seinem Buch Parkplätze der Literatur über diese Zeit unter anderem zu berichten, dass Thomas Mann bei einem Aufenthalt in Kliffende 1927 eine „Art von erfrischender Melancholie“ #5 erlebte, Gerhart Hauptmann auf der Insel 1915 auf Inspiration für eine Figur in seinem Drama Vor Sonnenaufgang traf und Carl Zuckmayer in seinem Stehgreif-Gedicht zur Jahreswende 1932/33 in Kampen die „bittere Wahrheit“ vorhersagte:

Das alte Jahr zu Ende geht,
Das neue vor der Türe steht.
Das mag ein gut Jahr werden!!
Der Nebel in der Heide stockt.
Der Leuchtturm hinterm Nebel hockt
Und hält die Wacht auf Erden.

Es ruht das Meer, es schläft das Watt.
Die Wildgans schläft, von Muscheln satt.
Das Wachs tropft von den Lichtern.
Wir trinken unseren Portwein still.
Mag kommen, was da will!
Der Himmel helf den Dichtern!

Carl Zuckmayer: Silvesterspruch 1933. Hier zitiert nach: Unter diesem Himmel. Erlebte Nordsee, ausgew. von Horst Kutzer, Hildesheim 1996, S. 115.

Die Gästeliste Sylts um diese Zeit liest sich auch über diese gewichtigen Namen hinaus wie ein Who-is-Who der Literaturszene: Die Verleger Ferdinand Avenarius und Peter Suhrkamp reisten regelmäßig auf die Insel. Theodor Storm verfasste nach einem Aufenthalt im August 1887 die durch seinen Tod unvollendet gebliebene Sylter Novelle. Alfred Kerrs Gefallen an der Insel findet sich in seinem Werk Die Welt im Licht (1920) wieder. Seiner Beschreibung Sylts attestiert Kay Dohnke eine „visionär-dissoziativ[en]“ Charakter. #6 Christian Morgenstern bereiste Sylt um 1895/1896 herum:

 Weil ich nur dieses Donnern wieder höre,
dies Mahlen einer ungeheuren Mühle,
weil ich nur diesen Flugsand wieder fühle
und dieser Möwen Ruhe wieder störe!

Du abendliche Klarheit dort im Westen,
sei mir ein Bild von naher Tage Glück.
Stille leg ich mich ins Dünengras zurück.
Nicht wie i c h  will, -- wie E s  will ist’s am besten.

Christian Morgenstern: Sylt-Rantum. Hier zitiert nach: Schleswig-Holstein im Gedicht, hrsg. v. Horst Kutzer, Husum 1993, S. 54.

Auch Helene Voigt-Diederichs, deren vielgelesene Bücher meist die Menschen auf der Halbinsel Schwansen ins Auge nahmen, reiste nach Sylt und hielt ihre Eindrücke in Gedichten fest. #7

Was Voigt-Diederichs für ihre Heimatregion in Thumby ist, ist Margarete Ida Boie (1880-1964) für Sylt. Die in Berlin geborene Dichterin lebte mit ihrer Lebensgefährtin ab 1919 für zehn Jahre auf der Insel. Ihr literarisches Schaffen aber zentriert sich um Sylt, die Geschichte, Landschaft und Leute der Insel, und wird von Wedemeyer als ein „[dichterisch gestaltetes] Bild der kulturgeschichtlichen Entwicklung der Landschaft“ gepriesen. Zu ihren bekanntesten Romanen, deren historische Grundlagen sich nicht selten auf C.P. Hansens Aufzeichnungen stützen, zählen Schwestern. Der Jahreslauf einer Insel (1921), Moiken Peter Ohm (1926), Die letzten Sylter Riesen (1930) und Der Dammbau. Sylter Roman aus der Gegenwart (1930):

Wer gut sitzt, lasse das Rücken! Das ist alte Sylter Weisheit. Wir saßen immer gut hier in Morsum, ohne den Damm. Wenn man sich verändert – man weiß, was man hat; weiß nicht, was man dafür wiederbekommt. Solange wir für uns bleiben, haben wir vor allem – Ruhe! Wir können uns untereinander einigen. Wir können uns selbst unsere Preise setzen, die wir für Westerland und die anderen Badeorte machen wollen. Wir Sylter selbst sind die einzigen, die den Badegästen frische Produkte liefern können. Ein Hof mit zwei Kühen kann fast nur auf diese Art überhaupt bestehen. Wird der Damm gebaut, kommt die Milch von Klanxbüll morgen schneller nach Westerland, als heute unsere Milch von Morsum, sind die Eier, die auf dem Festland in der Morgenfrühe gelegt wurden, zum Frühstück bei den Badegästen.

Margarete Ida Boie: Der Dammbau, 1930. Zitiert nach: Sylt. Literarische Reisewege, hrsg. v. Winfried Hörning, Frankfurt a.M./Leipzig, 1999, S. 139.

Auch Rosa Luxemburg, Hans Fallada, Robert Musil, Gottfried Benn, Stefan Zweig, Ernst Rowohlt und Max Frisch bereisten Sylt nachweislich. Letzterer verbrachte 1949 der Luft wegen eine Zeit als Kurgast in Kampen. Seine Gedanken und Impressionen sind ausführlich in seinen Tagebüchern festgehalten und zeigen einmal mehr, wie die landschaftlichen Extreme der Insel die Literaten zum Schreiben motivierten:

Wie ich in der Nacht nach Hause gehe, traue ich meinen Augen nicht. Das Haus steht auf dem Hügelchen wie sonst, aber das ganze flache Vorland ist verschwunden. Der Weg, den ich vor Stunden noch gegangen bin, ist nicht mehr; die Lattenzäune stehen in nächtlichen Wellen, die der Mond beglänzt, ebenso die Heuhaufen. Es werde, sagen die Nachbarn, schon nicht weiter steigen. Immerhin – ein bißchen Sintflut ist es schon... (...) Wanderung nach Keitum. Die ersten Bäume seit Wochen; was wir Landschaft nennen: das grüne Vergessen, daß wir auf einem Gestirn wohnen. Draußen auf den Dünen vergißt man es keinen Augenblick.

Frisch, Max: Meine Unterhaltung sind Ebbe und Flut, in: Unter diesem Himmel. Erlebte Nordsee, hrsg. v. Horst Kutzer, Hildesheim, 1996, S. 31; dort zitiert nach: Max Frisch: Tagebuch 1946-1949, Frankfurt a.M., 1950.

Nach seiner Entlassung aus der amerikanischen Internierung nach Ende des Zweiten Weltkriegs zog der Schriftsteller und Nationalrevolutionär Ernst von Salomon nach Kampen. Zwar hat die Insel keine großen Spuren in seinem Werk hinterlassen, aber er schrieb hier seinen großen Erfolg Der Fragebogen, in dem er die Entnazifizierungsbemühungen der Alliierten in betont ironischer Weise thematisierte. Auch in seiner Landesgeschichte Deutschland, Deine Schleswig-Holsteiner (1971) wird der zeitweilige Sylter Lebensmittelpunkt des in Kiel geborenen Autors herausgestellt, wenngleich er zu diesem Zeitpunkt schon längst nach Niedersachsen weitergezogen war.

Auch in der jüngeren Vergangenheit veranlasste Sylt vielzählige Gegenwartschriftsteller*innen, die Insel als literarischen Schauplatz, als Ort für periodische Aufenthalte, oder als längeren Lebensort oder als Ort für die letzte Ruhe zu wählen.

Die in Stuttgart geborene Sina Beerwald (*1977) etwa gehört zu jenen Autor*innen, deren Liebe für die nordfriesischen Inseln sie dazu bewegte, nach Sylt zu ziehen. Sie lebt dort seither als freie Autorin und veröffentlicht in kurzen Abständen sehr beliebte Erlebnisführer über Sylt und auch Föhr sowie belletristische Bücher, die gern als Urlaubs-Lektüre vermarktet werden. Zu ihrem lokal verorteten belletristischen Werken zählen historische Romane, wie etwa die bislang dreiteilige „Sylt-Saga“, und Sylt-Krimis.

Einen etwas anderen Weg ging eine der wohl meistgelesenen Sylter Autorinnen: Dora Heldt (*10.11.1961), die 1961 als Bärbel Schmidt in List geboren wurde und ihre Bücher von Beginn an unter dem Namen ihrer Großmutter veröffentlicht, zog von der Insel weg. In ihren stets klar lokalisierten und geographisch genau recherchierten Büchern kommt sie aber oft auf die Insel zurück. Ihre Romane schaffen es regelmäßig auf Platz eins der Bestsellerlisten, werden als Hörbücher vertont und, oft ebenfalls auf der Nordseeinsel, verfilmt. Neben den heiteren Romanen hat die beliebte Autorin ihr Repertoire in jüngeren Jahren um Kriminalromane, Kolumnenbände und etwas weniger heitere Romane erweitert.

Ein weiterer auflagenstarker Sylter Autor war Hinrich Matthiesen (1928-2009). Matthiesen wurde in Westerland geboren, verbrachte seine Schulzeit und des Studiums in verschiedenen anderen Städten Schleswig-Holsteins und im Ausland. Nach einigen Jahren im Auslandsschuldienst kehrte Matthiessen Mitte der 1970er Jahre nach Sylt zurück, wo er fortan als freier Schriftsteller in Morsum lebte und im Alter von 81 Jahren starb. Die Sylter Rundschau nannte Matthiessen in seinem Nachruf den „Titan der Thriller“#8, seine Kriminalromane wurden in fast allen großen Verlagen veröffentlicht. Seine Bücher, neben Krimis auch einige andere Romane, wie z.B. Eine Liebe auf Sylt (2002), werden gerade wegen seiner lokalen Verortung und genauen Recherche geschätzt.

Wie Matthiesen zog auch der auf Keitum geborene Bildhauer und Schriftsteller Boy J. Lornsen (07.08.1922 - 26.07.1995) für seine Ausbildung von der Insel und kehrte 1980 dorthin zurück. Zuvor war er als Steinbildhauer in Brunsbüttel tätig. 1967 schrieb er dort das erste Kinderbuch, das zum großen Erfolg wurde: Robbi, Tobbi und das Fiewatüüt (1967). Sein international beachtetes und ausgezeichnetes Werk umfasst hauptsächlich Kinder- und Jugendliteratur, oft mit einem historischen Bezug und einer Verortung im Norden. Er schrieb jedoch auch einige Erzählungen sowie drei niederdeutsche Bücher für Erwachsene. Ein Großteil seines literarischen Werks entstand im „Hüs Krekenskit“ – Haus Krähenschiet, das er mit seiner Familie seit seiner Rückkehr nach Sylt bewohnte. Boy Lornsen liegt in Keitum begraben. 2002 wurde ihm zu Ehren die dortige Grundschule als Boy-Lornsen-Grundschule benannt, seit ihrer Schließung trägt die Grundschule in der Nachbargemeinde Tinnum diesen Namen. Ein 1982 veröffentlichtes Gedicht zeigt Boy Lornsen als zeitkritischen Beobachter seiner Heimat:

Ein Sylter Mann, der heimgekehrt
nach Sylt, sitzt ziemlich ungestört
bei Blidsel weit nach Mitternacht.
Die Luft ist lau. Der Vollmond wacht.
Von links her blinzelt Lister Licht.
Nach rechts hin hat er miese Sicht,
jedoch er weiß, dort achtet Springer
in seiner Burg auf Mensch und Dinger.
Hoch ist der Himmel – hoch und her.
Getreulich glänzt das Wattemeer,
und wie er sieht, noch unbebaut?
(Was er sich kaum zu glauben traut)
In Keitum trotzt ein Glockenturm
noch siegreich dem Renditewurm.
Was bringt die Luft? Fäulnisgeruch?
Verloren Land... Des Geldes Fluch...
Zuviel, zuviel, was sich ihm zeigt.
Es sinkt sein Kopf. Der Alptraum steigt:
[...]

Kein Wunder, daß der Mensch erschreckt,
wird er von einem Geist geweckt,
der ihn nun ziemlich barsch anspricht:
„Was suchst du hier, du Menschenwicht?“
„Mein Sylt“, sagt jener Schläfer dann.
„Verdammt, ich auch!“ der Wassermann.
[...]

„Hör mir gut zu, du Plastikfriese!
Ihr habt mich um den Schlaf gebracht,
mich aufgestört und wildgemacht.
So bin ich denn der See entstiegen,
nur um Euch Sylter wachzukriegen.
Einst wart Ihr Friesen, stolz und frei,
und jetzt seid Ihr nur noch dabei
Euch als Esaus (soll’s so bleiben?)
in die Geschichte einzuschreiben.
Für Linsen gebt ihr Land und Glück,
und später wünscht Ihr es zurück.
[...]

Der Mond sieht rot. Der Nachtwind greint.
Lacht der Meeresgeist? Nein, er weint.
Dann steht er auf, sprich: „Es ist spät.
Ich muß zurück. Das Wasser geht.
Wir sind in einem lecken Boot.
Üs Söl’ring Lön...
Das Lied, ist’s tot... ?“

Boy J. Lornsen: Heimgekehrt, zitiert nach: Schleswig-Holstein im Gedicht, hrsg. v. Horst Kutzer, Husum 1993, S. 50 ff.

Eine weitere Autorin, die die Entwicklungen ihrer Heimatinsel in ihrem Schreiben kritisch diskutiert, ist Susanne Matthiessen (*1963). Die in Westerland geborene Journalistin kehrt in ihrem 2020 erschienen autobiographischen Debütroman auf das Sylt ihrer Kindheit zurück – genauer gesagt in das Westerland der 1970er Jahre, wo ihre Familie ein Pelzgeschäft führte. Der von saisonal unterschiedlicher Arbeitslast geprägte Familienalltag und Prominentenanekdoten prägen den Roman.

Am besten beschreibt man den Sylter Sommer allerdings mit „ultimativer Kontrollverlust“. Es ist kein einziges Bett mehr frei, und die Sylter ziehen mit ihren Familien auf den Dachboden oder schicken ihre Kinder im Garten zelten. Ganz Sylt ist durchgehend geöffnet. Menschenmassen ziehen durch die Friedrichstraße Richtung Strand. Und unser Familienleben findet in diesen Monaten ausschließlich im Geschäft statt.

Susanne Matthiessen: Ozelot und Friesennerz. Roman einer Sylter Kindheit. Berlin 2020, S. 78.

Allgegenwärtig ist auch der mit dem wachsenden Tourismus einhergehende Wandel der Insel. Für diesen findet Matthiessen, die heute in Berlin lebt, immer wieder scharfe Worte der Kritik, die sie sowohl an die Investoren als auch die Insulaner*innen selbst richtet:

Dass hier direkt am Strand nicht noch mehr von diesen tristen, anonymen Wohnklötzen stehen oder gar ein hundert Meter hoher Wolkenkratzer mit sagenhaften fünfundzwanzig Stockwerken, wie es bereits beschlossene Sache war, das haben nicht die Sylter, das hat allein die Schleswig-Holsteinische Landesregierung verhindert. Westerlands Stadtvertreter hatten sich längst einverstanden erklärt mit weiteren gigantischen Bauprojekten, der Errichtung von „Atlantis“, einer Art New York am schönsten Strand von Deutschland.

Susanne Matthiessen: Ozelot und Friesennerz. Roman einer Sylter Kindheit. Berlin 2020, S. 183 f.

In der Umgebung

In unmittelbarer südöstlicher Nachbarschaft zu Sylt in der Nordsee vor Nordfriesland liegen in südöstlicher Richtung die Inseln Amrum und Föhr. Nördlich liegt die dänische Insel Rømø. Bis nach Husum ist es eine gut einstündige Zugfahrt; nach Flensburg dauert es knapp zwei Stunden.

12.7.2021 Lisa Heyse

ANMERKUNGEN

1 Das Nordfriisk Instituut warnt in seinem Online-Lexikon: „Viele seiner Geschichten und Erzählungen sind deshalb mit Vorsicht aufzunehmen, was ihren Wahrheitsgehalt betrifft“. https://www.nordfriiskfutuur.eu/de/nordfrieslandlexikon/begriff/hansen-christian-peter/ (letzter Aufruf 12.7.2021)

2 Dirk Thomsen: Auf Sylt wird mit Grütze gemordet, in: Die Zeit/Michael Müller Verlag, online verfügbar: https://www.zeit.de/reisen/2012-03/dirk-thomsen-sylt-2 (letzter Aufruf 6.7.2021)

3 Eintrag „Friesische Literatur“ im Nordfrieslandlexikon des Nordfriisk Institut, online verfügbar: https://www.nordfriiskfutuur.eu/nordfrieslandlexikon/begriff/friesische-literatur/ (letzter Aufruf 5.7.2021)

4 Näheres zu diesen und weiteren Veröffentlichungen bei Kay Dohnke: Schleswig-Holstein literarisch. Orte und Landschaften in der Literatur, Heide i.H., 1996, S. 41 ff. und bei Manfred Wedemeyer, Manfred: Sylter Literaturgeschichte in einer Stunde, Sylter Beiträge 4, Münsterdorf, 1971.

5 Hans Peter Johannsen: Parkplätze der Literatur. Literarische Autoreise von Hamburg nach Kopenhagen. Feld und Welt gesehen mit den Augen norddeutscher und dänischer Dichter. Flensburg 1969, S. 36.

6 Kay Dohnke: Schleswig-Holstein literarisch. Orte und Landschaften in der Literatur, Heide i.H. 1996, S. 47.

7 Nähere Ausführungen und Textbeispiele bei Manfred Wedemeyer: Sylter Literaturgeschichte in einer Stunde. Sylter Beiträge 4, Münsterdorf 1971, S. 37 ff.

8 Frank Deppe: Zum Tode von Hinrich Matthiessen, in: Sylter Rundschau, 20.7.2009, online: https://www.shz.de/lokales/sylter-rundschau/zum-tode-von-hinrich-matthiesen-id629361.html (letzter Aufruf 6.7.2021)