Wissenswertes

Die nur knapp 400 Einwohner*Innen zählende, aber fast 3.000 Hektar fassende Gemeinde Thumby im Kreis Rendsburg-Eckernförde erstreckt sich nahezu über die gesamte Halbinsel Schwansen zwischen Eckernförder Bucht und Schlei. Zu den Gütern und Ortschaften der Gemeinde gehören unter anderem Sieseby, Thumby und die Güter Bienebeck, Marienhof und Grünholz – letzteres ist Sitz des Prinzen Christoph zu Schleswig-Holstein-Sonderburg-Glücksburg, in dessen Besitz sich der Großteil des Gemeindegebietes befindet.

Der größte Ort der Gemeinde ist das 100-Seelen-Dorf Sieseby, dessen Existenz schon 1267 belegt wurde. Direkt an der Schlei gelegen und mit eigenem Fähranleger und Slipanlage ist Sieseby ein beliebter Bootsort. Das malerische Dorf ist ferner überregional bekannt für seine restaurierten reetgedeckten Häuser. 2000 wurde Sieseby als erster Ort in Schleswig-Holstein als Flächendenkmal ausgewiesen.

Literarisches

Mit Helene Theodora Voigt-Diederichs (1875–1961) hat die Gemeinde Thumby eine in vielerlei Hinsicht für ihre Zeit ungewöhnliche Schriftstellerin hervorgebracht, deren literarisches Werk auch nach Umzügen nach Leipzig, Jena, Weimar und Braunschweig bis auf wenige Ausnahmen weiter Land und Leute ihrer Geburtsregion aufgriff. Voigt-Diederichs wuchs auf dem Gut Marienhof bei Sieseby auf, wo sie früh mit Literatur, Kunst und Musik in Berührung kam. Mit etwa 15 Jahren begann sie zu schreiben, zunächst Gedichte und später Geschichten. 1989, mit 22 Jahren, veröffentlichte sie ihr erstes Buch, einen Erzählband mit dem Titel Schleswig-Holsteiner Landleute, über den Kay Dohnke exemplarisch für ihr Werk festhält:  

Hinsichtlich der Topographie, der äußeren Gestalt von Landschaft und Ansiedlungen sind die Texte wenig ertragreich – die Autorin konzentrierte sich weit stärker auf die angestammte Lebensweise der Menschen in Sievershagen und Boholm, Langmaas und Kattlund; traditionelle Arbeitsweise, überlieferte Riten, ländliche Ordnungskonzepte stehen im Blickpunkt und verdeutlichen den Charakter der ‚Sammlung Schleswig-Holsteiner Landleute‘ (1926) als konventionelle Provinzliteratur der zwanziger Jahre.

Kay Dohnke: Schleswig-Holstein literarisch. Orte und Landschaften in der Literatur. Heide i.H. 1996, S. 27 ff.

Etliche Erzählungen und Romane zu den ländlichen Lebenswelten von Bauernfamilien und vor allem Frauen folgten. Helene Voigt-Diederichs Zuneigung zu diesem Ort und dem Leben auf dem Gut tritt in ihren literarischen Beschreibungen offen zutage:

Wintertags schnurrten die Räder in der Spinnstube. Es war überaus heimlich dort in diesem Duft von Heede, gescheuerten roten Mauersteinen, Schmalzbrot, Kaffee und Rauch. Kamen in der Mittagsstunde, nach Feierabend oder schnell auch einmal zwischen der Arbeit laut und lustig die Knechte herein, um Buckel oder Stiefel zu trocknen oder Feuer für die Pfeife zu holen, so standen öfters die Räder still, manchmal mit einem Ruck, und es gab zerrissene Fäden. Offenbar mußte das Unheil groß sein, denn die Mädchen schrien und sprangen hoch. Aber die Knechte erschraken kein bißchen, rückten nur näher, ja, der kurze, stämmige Klaus setzte sich freundschaftlich auf Grotannas Schoß. Den Kindern war es untersagt, sich in die Spinnstube einzuschmuggeln, was niemals recht zu begreifen war. Denn es war schön und unterhaltsam dort und von Schafen oder Gefahr nichts zu bemerken.

Helene Voigt-Diederichs: Auf Marienhoff. Vom Leben und von der Wärme einer Mutter. Jena 1926, S. 83-85, hier zitiert nach: Dietmar Albrecht:Literaturreisen Schleswig-Holstein. Stuttgart 1983, S. 200.

Voigt-Diederichs Stil vergleicht Dietmar Albrecht mit jenem „der holländischen Kleinmaler“ und veranschaulicht dies weiter: Sie „schildert eine Natur voller Melodie und Sinnlichkeit, zeichnet plastisch und klar das Leben vor allem der kleinen Leute, die sich unter ihre Strohdächer drängen und ihre Arbeitskraft auf den Gütern verdingen. Sie reden plattdeutsch, und ihre Zeit läuft jahraus jahrein in gleichem Rhythmus, der Liebe und Leid umspinnt“ #1.

In diesem Sinne kann Voigt-Diederichs als Heimatdichterin des Gutes Marienhof und seiner direkten Umgebung verstanden werden. Obwohl es Helene Voigt-Diederichs in ihrer Literatur und zu Lebzeiten ihrer Mutter auch physisch immer wieder nach Sieseby zog, wählte sie als ihre letzte Ruhestätte einen Friedhof in Jena. Dem Dorfkirchhof von Sieseby aber erschuf sie mit ihrem Gedicht „Sommerglück“ ein Zeugnis:

Ein Dorfkirchhof im Herbst. Zwar sonnenlos,
Doch seltsam überhellt vom Schwefelschimmer
Der Linden, die vergilbt und sommermüd
Den flechtengrauen Backsteinturm umschmiegen.

Helene Voigt-Diederichs: „Sommerglück“. Aus der Sammlung Unterstrom; hier zitiert nach: Dietmar Albrecht: Literaturreisen Schleswig-Holstein. Stuttgart 1983, S. 202.

Eben jenen Friedhof wählte Siesebys andere literarische Persönlichkeit als letzte Ruhestätte. Der in Łódź (Polen) geborene jüdische Schriftsteller und Drehbuchautor Jurek Becker (1937–1997) entschied sich für den Friedhof der evangelisch-lutherischen Kirche aufgrund seiner Nähe zum Meer. Für Becker waren Sieseby und die Umgebung Thumbys nicht Gegenstand seiner Literatur, sondern vielmehr „Ort des Schreibens und gleichzeitig Ruheort". #2 Hierhin, in ein Landhaus in Sieseby, zog es Becker bald nach der Wende aus dem unruhigen wiedervereinten Berlin. Während seiner Zeit in Sieseby schrieb Jurek Becker vor allem zahlreiche Drehbücher für Fernsehserien (u.a. „Liebling Kreuzberg“) und Fernseh- und Kinofilme, veröffentlichte einen späten Roman sowie eine Aufsatz- und Vortragssammlung.

Die in Tielenhemme lebende Lyrikerin Sarah Kirsch, die es wie Becker aus der DDR nach Schleswig-Holstein verschlagen hatte, berichtet in ihrem Tagebuchband Märzveilchen von einem Besuch in Sieseby:

[W]ir fuhren allerbester Laune auf Walzerstraßen über Rieseby nach Krieseby bis Sieseby, dem hübschen Nest an der Schlei. Gruben auf dem Friedhof wo wir die einzigen Figuren über der Erde waren, dem Jurek ein paar Blümelein ein, sonnten uns und gingen in den Schleikrug einen Happen essen.

Sarah Kirsch: Märzveilchen. München 2012, S. 237.

In der Umgebung

Die spärlich besiedelte Gemeinde Thumby erstreckt sich über den Großteil des Gebietes der Halbinsel Schwansen und grenzt direkt an die Städte Schleswig, Eckernförde und Kappeln.

28.6.2021 Lisa Heyse

ANMERKUNGEN

1 Christine Becker, Jurek Beckers zweite Frau und Herausgeberin seines Werkes, im Interview: „Das war mäßig lustig“ in der Wochenzeitung der Freitag, Ausgabe 29/2018, online verfügbar: https://www.freitag.de/autoren/jan-c-behmann/das-war-maessig-lustig  (letzter Aufruf 17. Juni 2021)