Jurek Becker

Becker, Jurek. Geboren als Jerzy Becker, später Georg Becker, Pseudonym Georg Nikolaus

Geboren in Lodz am 30. September 1937
Gestorben in Sieseby am 14. März 1997

Jurek Becker bedarf auch heute kaum der Vorstellung. Auch wenn der Höhepunkt des Ruhms für den 1997 in Sieseby (Kreis Rendsburg-Eckernförde) verstorbenen Schriftsteller vielleicht überschritten ist, ist er immer noch in vielfacher Weise präsent: Als Verfasser kanonischer Romane wie Jakob der Lügner (1969), Der Boxer (1976) oder Amanda herzlos (1992), aber auch als Drehbuchautor für die immens populäre Fernsehserie Liebling Kreuzberg und in jüngerer Zeit auch als charmanter und produktiver Brief- und vor allem Postkartenschreiber.

Becker wurde als Jerzy Bekker an einem unbekannten Datum, möglicherweise am 30. September 1937 in Łódź (Polen) geboren. Nachdem er und sein Vater die Konzentrationslager der Nazis überlebt hatten, seine Mutter und zahlreiche andere Familienmitglieder aber ermordet wurden, ließen sich die beiden in Berlin nieder und nahmen neue Identitäten an: Aus Jerzy Bekker wurde Georg Becker, und statt polnisch wurde zwischen Vater und Sohn nur noch deutsch gesprochen. Als aus Georg bereits der erfolgreiche Schriftsteller Jurek geworden war, hat er über den Effekt gesprochen, den das für seine spätere Karriere hatte:

Der Umstand, daß ich erst mit acht Jahren Deutsch zu lernen anfing, könnte verantwortlich dafür sein, daß mein Verhältnis zu dieser Sprache ein ziemlich exaltiertes wurde. So wie andere Kinder meines Alters sich für Maikäfer oder Rennautos interessierten und sie von allen Seiten betrachteten, so drehte und wendete ich Wörter und Sätze.

Jurek Becker: Mein Judentum. In: Ende des Größenwahns. Aufsätze, Vorträge. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1996, S. 12.

Zurückhaltend äußert sich Becker hingegen zu der Frage, ob seine eigenen Erlebnisse – als Kind im Ghetto und KZ und als Erwachsener in der DDR – direkt in seine Bücher eingegangen seien. In einem Interview mit Heinz Ludwig Arnold hat er sichtlich Freude daran, die Erwartungen seines Gesprächspartners zu unterlaufen und den biografischen Bezug seiner Werke zu minimieren:

Das meiste, was ich erlebe, ist nicht gut genug, um es aufzuschreiben. Ich nehme mir davon, was ich brauche. […] Aber es ist zu einfach zu sagen, daß das, was ich schreibe, auf Erlebnissen basiert. Ich erfinde mir eine Geschichte zusammen, mache mir eine Geschichte zurecht, und nur insofern von mir Erlebtes für diese Geschichte von Belang ist, taucht es darin partiell auf.

Heinz Ludwig Arnold: Gespräch mit Jurek Becker. In: Text + Kritik 116: Jurek Becker. München: Text + Kritik 1992, S. 4.

Ähnlich vorsichtig und distanziert beschreibt Becker auch sein Verhältnis zum Judentum – vorschnelle Vereinnahmungen und Zuschreiben, die aus ihm einen Experten für jüdisches Leben in Deutschland machen, lehnt der Atheist deutlich ab.

Nach dem Abbruch seines Studiums verdient Becker sein Geld zunächst mit dem Schreiben für das Kabarett sowie für Film und Fernsehen, startet seine Karriere also nicht als entrückter Dichter, sondern als Brotschreiber, dem das Handwerkliche und das Unterhaltsame nicht fremd sind. Auch sein Erstlingsroman Jakob der Lügner entsteht aus einem Filmprojekt mit dem Regisseur Frank Beyer, das allerdings nicht zustande kommt (später wird Beyer dann aber den fertigen Roman verfilmen). Dieser ist aus dem Stand ein großer Erfolg, wird mit diversen Preisen ausgezeichnet (darunter 1971 den nach Heinrich Mann benannten Preis der Akademie der Künste der DDR) und etabliert Becker als bedeutenden zeitgenössischen Dichter, der auch in Westdeutschland viel gelesen wird. Wenngleich seine folgenden Arbeiten wie Irreführung der Behörden (1973) oder Der Boxer (1976) nie vollständig aus dem Schatten von Jakob der Lügner herauskommen, werden auch sie intensiv wahrgenommen, und Becker erweist sich darüber hinaus als kritischer, meinungsstarker Intellektueller. Fortan bewegt er sich souverän auf dem literarisch-politischen Parkett zwischen Ost und West, und obwohl er nach der Ausbürgerung von Wolf Biermann 1976 die Politik der DDR deutlich genug kritisiert, gelingt es ihm, eine komfortable Regelung mit der Staatsmacht zu treffen: Er möchte die DDR verlassen, ohne aber deswegen dauerhaft seine Beziehungen zur Heimat abbrechen zu müssen, und die SED-Führung, die einen Eklat vermeiden will, gibt ihm 1977 ein zunächst für 10 Jahre ausgestelltes Dauervisum, mit dem er bei Bedarf einreisen kann. In den folgenden Jahren lebt Becker zunächst in den USA und dann meist in West-Berlin. Dort spielt auch sein größter Fernseh-Erfolg Liebling Kreuzberg (mit Beckers engem Freund Manfred Krug in der Hauptrolle) – von 1986 bis zu seinem Tod 1997 wird Becker 45 Drehbücher für die Serie verfassen. Die Schwierigkeiten, die mit dem Schreiben von Drehbüchern anstatt von Romanen einhergehen, bemerkt er durchaus: Die Arbeit „befriedigt mich ungefähr so wie ein Sturz aus einem Fenster im – sagen wir – zweiten Stock, läßt mich andererseits aber so viel Geld verdienen, daß mir das Romane-Schreiben plötzlich wie eine rührende Freizeitbeschäftigung vorkommt.“#1

Das mit Liebling Kreuzberg verdiente Geld ermöglicht Becker 1990 den Kauf eines Hauses im Pastoratsweg in Sieseby – fortan wird er zwischen dem Nest an der Schlei und seiner alten Wirkungsstätte Berlin hin- und herpendeln. Auf diese Weise entstand sein letzter Roman Amanda herzlos, der einen leichteren, versöhnlicheren Becker zeigt als in den vorangehenden Romanen und noch einmal ein großer Erfolg beim Publikum wurde. Ebenfalls 1990 erhielt Becker den Hans-Fallada-Preis der Stadt Neumünster.

Schleswig-Holstein wird man in Beckers Texten überwiegend vergeblich suchen – Sieseby war für ihn in erster Linie ein Rückzugsort, der Ruhe zum Schreiben bot, aber nicht unbedingt ein poetischer Schauplatz. In einigen posthumen Publikationen erfahren wir dennoch einiges über sein Verhältnis zum Land: Becker war ein großer Brief- und vor allem Postkartenschreiber und konnte der Versuchung nicht widerstehen, den Korrespondenzpartnern sein neues schleswig-holsteinisches Landleben in launiger Weise zu beschreiben. So heißt es in einer Postkarte an Manfred Krug, die auf der Bildseite ein Porträt von Franz von Assisi zeigt:

 

[I]ch bemühe mich hier oben um mehr Nähe zur Natur, deswegen ist mir der Umseitige ein gewisses Vorbild. Doch wie lange ich auch im Garten stehe, wie angewurzelt und mit festgeschraubtem Grinsen – ich höre nur aus der Ferne die Klosettspülung der Nachbarn und unter mir das Furzen der Maulwürfe. Wahrscheinlich geht das nicht so schnell, wie ich es mir eingebildet habe.

Postkarte von Jurek Becker an Manfred Krug vom 14. August 1993. In: Jurek Beckers Neuigkeiten an Manfred Krug & Otti. Hrsg. und kommentiert von Manfred Krug. Düsseldorf: Econ 1997, S. 185

Trotz solcher Schwierigkeiten, deren selbstironische Schilderung die veröffentlichten Postkarten zu einer äußerst unterhaltsamen Lektüre werden lässt, fällt Beckers Gesamturteil über das Leben auf dem Land positiv aus, gerade im Kontrast zu seiner vorherigen kosmopolitischen Existenz. An Ottilie Krug schreibt er 1996:

[S]icher sieht es in Kalifornien anders aus, aber auch unsere kleine norddeutsche Welt hat ihre Vorzüge. Wir liegen nicht unter Palmen, sondern unter umweltfreundlichen Windrädern; unser Bier heißt nicht Michelob oder Schlitz, sondern Hanse Pils und Flensburger, und wenn morgens ein Auto vor der Tür hupt, dann ist es der Bäcker mit frischen Brötchen und nicht das Mordkommando. Ja, wir erleben unsere Abenteuer mehr im Inneren.

Postkarte von Jurek Becker an Ottilie Krug vom 17. Juli 1996. In: Jurek Beckers Neuigkeiten an Manfred Krug & Otti. Hrsg. und kommentiert von Manfred Krug. Düsseldorf: Econ 1997, S. 228.

Sicherlich trägt auch das Familienleben mit dem 1990 geborenen Sohn Johnny dazu bei, dass Becker seine Existenz in Sieseby als ruhig, aber befriedigend wahrnehmen kann. Die Postkarten an Johnny, die er nahezu täglich schreibt, geben ein besonders anrührendes Bild vom Leben in Schleswig-Holstein und von der Werkstatt des Dichters, etwa diese aus dem Februar 1992:

Du lieber alter Gänsebraten,
es ist jetzt furchtbar kalt in Sieseby. Die Schlei ist zugefroren, die Straßen sind schweineglatt, und nirgend sieht man einen Traktor, denn alle Bauern sitzen zu Hause und frieren. Nur in meinem Arbeitszimmer ist es warm – da sitze ich den ganzen Tag an der Schreibmaschine und denke an meinen Johnny.

Postkarte von Jurek Becker an Johnny Becker vom 25. Februar 1993. In: „Am Strand von Bochum ist allerhand los“. Postkarten. Hrsg. von Christine Becker. Berlin: Suhrkamp 2019, S. 208

Jurek Becker starb am 14. März 1997 in Sieseby und wurde auf dem Friedhof des Dorfes begraben.

29.09.2021 Jan Behrs

ANMERKUNGEN

1 Brief von Jurek Becker an Egon Schwarz vom 5. Dezember 1988. In: ‚Ihr Unvergleichlichen‘. Briefe. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2007, S. 235.