WISSENSWERTES

Es gibt Orte, die haben eine echte Schokoladenseite. Kappeln ist so ein Ort. Nähert man sich mit dem Auto aus Richtung Eckernförde (B 203) der beschaulichen Kleinstadt an der Schlei, präsentiert sie sich als romantische Schönheit. Mit dem gebotenen, durch die Schlei vorgegebenen Abstand, breitet sich das Panorama des 8500-Seelen-Städtchens mit dem kleinen Hafen und den ehemaligen Speichern, den Ausflugsdampfern und der Promenade aus. Zwischen Restaurants und Geschäften lugt der wuchtige Backsteinbau der Barockkirche St.Nikolai, links daneben ragen die Schlote einer Aalräucherei in den Himmel.
Bevor man in den Stadtkern vordringt, muss man die Schleibrücke überqueren. Für Fußgänger lohnt sich ein Blick ins Wasser, wo ein seltsames Geflecht aus hölzernen Zäunen ins Auge sticht. Kappelns Heringszaun, eine Art sehr großer Reuse, ist eine echte Sehenswürdigkeit. Erst Anfang der 2020er Jahre restauriert, datiert er ursprünglich aus dem 15. Jahrhundert und legt Zeugnis einer frühen, in Europa weit verbreiteten Fischfangmethode ab.
Denn über Jahrhunderte war Kappeln – wie das nahe gelegene Maasholm - ein Fischerdorf. Mühsam erwehrten sich hier die Einwohner sich der von den Herren von Gut Roest beanspruchten Leibherrschaft. Erstmals urkundlich erwähnt wurde Kappeln 1357. Ihr Name ist etymologisch von Kapelle abgeleitet - auf dem hohen Schleiufer stand bereits im 14. Jahrhundert eine Kapelle. Der Ort wurde zunächst dem Domkapitel Schleswig und 1533 dem Adelsgut Roest zugeschlagen – und war damit im Unterschied zu den freien Bauern im übrigen Angeln einem Gutsherrn unterworfen. Kappeln entwickelte sich dennoch zum wohlhabenden Handelsplatz und als 1666 der Gutsherr Detlef von Rumohr die Einwohner zu Leibeigenen machen wollte, verließen 64 Familien – und damit die Mehrzahl der Einwohner – den Ort und gründeten ein Stück weiter südlich auf einer Insel an der Schlei den „Flecken“ Arnis. Mit seinen rund 300 Einwohnern gilt Arnis bis heute als die kleinste Stadt Deutschlands.
Es dauerte über 100 Jahre, bis Kappelns Einwohner aus der Leibeigenschaft entlassen wurden. Nach dem Deutsch-Dänischen Krieg und der Annexion Schleswig-Holsteins durch Preußen erhielt der Ort 1870 Stadtrecht und ist bis heute Sitz eines Amtsgerichts.
Profitierte der Kappeln seit Ende der 1950er Jahre zu einem Großteil von dem damals errichteten Marinestützpunkt Olpenitz und den damit verbundenen Einrichtungen der Deutschen Marine, hat die Stadt mit ihren schmalen Straßen und engen Gassen heute vor allem touristische Bedeutung. Wie schon seit Ende des 19. Jahrhunderts ist sie ein Zentrum der östlichen Schleiregion – und wirklich einen Besuch wert.

Sehenswürdigkeiten:
Das Schleimuseum präsentiert eine Sammlung mit Gemälden und Bildern von Gebäuden und Landschaften der Region sowie diverse Schiffs-, Halb- und Panoramamodelle. Prunkstück der Sammlung ist die maritime Abteilung, in der unter anderem ein mittelalterlicher Einbaum, ein Schlei-Fischerkahn, Gallionsfiguren, Navigationsinstrumente sowie Gerätschaften der Seefahrt und Fischerei zu bestaunen sind.

Die alte Holländermühle „Amanda“
32 Meter hoch, ist die größte Windmühle Schleswig-Holsteins neben den Schornsteinen der Aal Aalräucherei Föh und der Klappbrücke das dritte Wahrzeichen Kappelns. Nachdem ihr Vorgängerbau im 17. Jahrhundert durch ein Feuer völlig zerstört worden war, wurde ein Neubau im Jahre 1888 für 80.000 Goldmark errichtet. Bis 1964 noch im regulären Mahlbetrieb, befindet sich das Gebäude seit 1977 in städtischem Besitz und steht unter Denkmalschutz. Im Jahr 1990 erhielt sie den Status eines Kulturdenkmals.
Neben der Touristinformation im ersten Obergeschoss bietet „Amanda“ auf ihrer Galerie einen wundervollen Ausblick über die Stadt. Unmittelbar an die Mühle angeschlossen ist ein historisches Sägewerk, in dem handgefertigte Holzmöbel hergestellt und zum Kauf angeboten werden.
Beliebt ist „Amanda“ auch bei heiratswilligen Paaren. Vor allem in den Sommermonaten finden nahezu wöchentlich Trauungen im romantischen Trauzimmer des Gebäudes statt. #1

Niederdeutscher Literaturpreis:
Seit 1991 vergibt die Stadt jährlich in Zusammenarbeit mit dem Schleswig-Holsteinischen Heimatbund den mit 2500 Euro dotierten Niederdeutschen Literaturpreis für herausragende Leistungen im Bereich der niederdeutschen Sprache. Zu den Preisträgern gehören neben Persönlichkeiten wie Ina Müller (2001 als Teil des Kabarettduos „Queen Bee“), Peter Heinrich Brix und Jan Fedder (2010) sowie Dörte Hansen (2019) auch Institutionen wie die Niederdeutsche Bühne Neumünster (1997), das Ohnsorg Theater Hamburg (2015) der Schleswig-Holsteinische Zeitungsverlag(2009) und der Quickborn-Verlag (2020).

 

LITERARISCHES

Hermann Heiberg sicherte der Stadt mit seinem 1885 erschienenen Roman „Apotheker Heinrich“ einen Platz in der deutschen Literaturgeschichte. Denn die Handlung der tragischen Geschichte siedelte der in Schleswig geborene Schriftsteller in Kappeln an. Unter anderem Theodor Fontane lobte das Werk um die unglückliche Ehe eines Apothekers, der seine blutjunge Frau misshandelt und sein Glück in der Politik sucht, als "vorzügliches Buch", das einem "deutschen Musterroman" sehr nahekomme.
„In einer ausführlichen Kritik in der "Vossischen Zeitung" schreibt Fontane weiter: "Ein prächtiger, beinahe absolut unsere Sympathien in Anspruch nehmender Realismus erfüllt, durchdringt und belebt das Buch von Anfang bis Ende. Dieser Realismus ist pessimistisch gefärbt, aber nur dadurch ist er echt." Was Heiberg geschaffen habe, sei "ein Kunstwerk, eine Glanzleistung der Charakteristik mit einer Fülle von glänzend entworfenen Porträtskizzen", zumal dort, "wo die ganze Kappelner Honoratiorenschaft hintereinanderweg eingeschlachtet" werde. Fontane: "Der Dichter will eine wahre Geschichte geben, und er tut es. Ob es auch eine wirkliche ist, ist gleichgültig; wenn sie sich nicht tatsächlich zugetragen hat, so könnte sie sich doch in hundert kleinen Orten genauso zugetragen haben." #2

In der Umgebung

Je nachdem, für welches Ufer der Schlei man sich entscheidet, kann man von Kappeln aus verschiedene Literaturorte ansteuern: Auf der nördlichen Angelner Seite gelangt man im Landesinneren nach Mittelangeln und entlang der Schlei nach Schleswig, der Heimatstadt Hermann Heibergs und vieler anderer Autor*Innen. Auf der Schwansener Seite im Süden grenzt Kappeln direkt an die große Gemeinde Thumby mit dem Ortsteil Sieseby - hier liegt Jurek Becker begraben. Und etwa 25 km südlich von Kappeln liegt mit Eckernförde ein weiterer bedeutender Literaturort, in dem etwa Wilhelm Lehmann den Großteil seines Lebens verbrachte.

19.06.2021 Sabine Tholund

ANMERKUNGEN

1 Infos online unter http//www.ostseefjordschlei.de

2 Bernd Philippsen im Schleiboten vom 16.2.2010