Anne Müller

Müller, Anne; Pseudonym: Anne Blum

Romanautorin mit Herzensheimat in Angeln

Geboren in Flensburg am 5. Oktober 1963

Lebt in Berlin

Anne Müller wuchs als drittes von fünf Kindern in Süderbrarup auf, einem mittelgroßen Dorf in Angeln, das man zwangsläufig durchquert, wenn man mit dem Auto auf direktem Weg von Schleswig nach Kappeln fährt. Die Familie zieht um ins nahe gelegene Kappeln, wo die Kinder das Gymnasium besuchten. Nach dem Abitur hält es Anne Müller nicht lange in der schleswig-holsteinischen Provinz. In Erlangen, München und Bologna studiert sie Theaterwissenschaften, Literatur und Pädagogik. Damit nicht genug absolviert sie eine einjährige Drehbuchklasse an der Internationalen Filmschule in Köln. Bevor sie sich dem Schreiben von Drehbüchern zuwendet, arbeitet sie als freie Radiojournalistin für öffentlich-rechtliche Hörfunksender sowie als Dozentin für Kreatives Schreiben in München.

Beides hat sich für sie ausgezahlt. 2003/2004 wird sie mit dem Förderpreis für das Drehbuch Lilly und der Silbermond ausgezeichnet. Bei ARD und ZDF schätzt man sie als Drehbuchautorin für Komödien.

So weit Anne Müllers Wahlheimat Berlin von Angeln entfernt sein mag, so zuverlässig kehrt sie als Romanautorin dahin zurück. Ihr Debüt erscheint noch unter dem Pseudonym Anne Blum. Hasen feiern keine Weihnachten (2016) erzählt von Weihnachtsfans und Weihnachtshassern und schlägt einen gewagten regionalen Bogen von den Stränden Thailands zur windigen Ostseeküste nach Kappeln. Protagonistin Tessa verbringt seit Jahren ihrem Freund zuliebe das Weihnachtsfest am Indischen Ozean. Als ihre Beziehung kurz vor Heiligabend zerbricht, besucht sie – quasi aus Notwehr – für die Feiertage ihre weihnachtsverrückten Familie in Norddeutschland. Zwischen Weihnachtslieder singenden Gartenzwergen, jeder Menge Lametta und Bratäpfeln am Kachelofen erfreut der Clan die abtrünnige Weihnachtsrückkehrerin mit einer großen Portion Trost und Familienwärme.

Komplett in Angeln spielt Sommer in Super 8, ein Roman, in dem Anne Müller eine Zeitreise in die Jahre ihrer Jugend und Kindheit unternimmt und der 2018 unter ihrem richtigen Namen erscheint.

Die Geschichte trägt sich in den 70er Jahren zu. Clara König wächst als drittes von fünf Kindern eines Landarztes auf – in einem Kaff mit dem fiktiven Namen Schallerup, das Ortskundige unschwer als das Süderbrarup der 70er erkennen dürften. Aus der Erinnerung schildert Clara das Leben in dem vermeintlichen Dorfidyll, wo mittwochs der Fischmann vorfährt, wo der einzige Friseur am Platz nur drei Arten von Haarschnitten beherrscht und der Bürgermeister den Frauen nachsteigt. Das Leben ist so wie überall auf dem Land. Die Frauen tragen Kittelschürzen und identische Dauerwellen, und für die irgendwann 14-jährige Protagonistin und ihre Freundinnen wird die Dorfstraße, die heute wie damals einmal quer durch vom Marktplatz bis zum Bahnhof führt, zum Catwalk.

Alles scheint gut bei Familie König. Die Mutter hält sich aus der allgemeinen Klatsch- und Tratschkultur heraus und sticht mit ihrer eleganten Kleidung hervor. Der Vater, der bei seinen Patienten beliebt ist und nach Hausbesuchen den angebotenen Schnaps für den Heimweg nicht ablehnt, hält die Höhepunkte des Familienlebens, darunter Kindergeburtstage und sommerliche Sonntagsausflüge an den nahegelegenen Ostseestrand, mit der Super-8-Kamera fest. Die Heimkinopremieren dieser „Dokumentationen“ sind ein Highlight für die gesamte Sippe.

Das klingt nach einer heilen, unbeschwerten Geschichte, doch Sommer auf Super 8 ist kein Heile-Welt-Roman. Eine latente Traurigkeit durchzieht die Claras Erinnerungen an eine Kindheit und Jugend, die in einer familiären Katastrophe endet.

Zwei Wochen im Juni (2020) heißt Anne Müllers zweiter Roman unter eigenem Namen. Auch er spielt an der Ostseeküste, ist dem "wunderbaren Fleckchen Erde da oben" sogar gewidmet. Die Handlung ist fiktiv und könnte sich in jeder Familie zutragen. Erzählt wird die Geschichte zweier Schwestern, die nach dem Tod der Mutter das Haus ihrer Kindheit ausräumen. Dabei steigen Erinnerungen an die Vergangenheit hoch – und mit dem einen oder anderen Fundstück entdecken die ungleichen Schwestern unverhoffte Seiten im Leben ihrer Mutter. Nachdenklich und atmosphärisch erzählt, ist der Roman wie sein Vorgänger getaucht in das Lokalkolorit von Angeln, ein Landstrich, in dem Anne Müller einmal zuhause war. Kappeln, die Schleilandschaft und die Ostseeküste sind für die Autorin nicht nur ein Ort der Regeneration und Inspiration, sondern Herzensheimat und Humorheimat.

17.5.2021 Sabine Tholund