Christopher Ecker

Ecker, Christopher Oliver


Präziser Schilderer grotesker Alltagswelten


Geboren in Saarbrücken am 28. Oktober 1967

Die Kieler Woche endet mit einem Feuerwerk. Und danach blasen alle auf der Förde liegenden Schiffe ihre Sirenen, was klingt, als würde ein Orchester die Instrumente für eine Sinfonie stimmen, die nie aufgeführt wird. Denn ist der Klang der letzten Sirene verhallt, hört man nur noch die Schreie der in ihrer Nachtruhe gestörten Möwen und Raben – und dann ist es still.

Christopher Ecker: Der Bahnhof von Plön. Halle (Saale) 2016, S. 156f.

Christopher Oliver Ecker wurde 1967 in Saarbrücken geboren und lebt seit 2002 in Kiel. Tatsächlich kennt er die Landeshauptstadt erheblich länger, da er seit seinem 17. Lebensjahr eng mit dem Lyriker Arne Rautenberg befreundet ist, der zwei seiner Werke illustriert hat. Eckers Kinderbuch Käpten Eichhörnchen und die Zaubertür (2014) wurde hingegen von Jens Rassmus bebildert, der ebenfalls in Kiel lebt. Der Umzug Eckers in den Norden hatte allerdings in erster Linie pragmatische Gründe, ging es doch darum, seinen 1994 in Saarbrücken erzielten Magister Artium durch ein Staatsexamen zu ergänzen. Seit 2006 unterrichtet Ecker – mittlerweile als Oberstudienrat – Deutsch und Philosophie am Heinrich-Heine-Gymnasium Heikendorf.

Eckers Literatur lebt davon, klassisches Erzählen zeitgenössisch auszugestalten und die Wirklichkeit durch präzise Beschreibungen irreal werden zu lassen; oft hat dies den Effekt, dass die aus der Realität übernommene Elemente fiktiver wirken als jene Motive, die tatsächlich frei erfunden sind. Hierdurch wird auch jenes Tor in die Phantastik geöffnet, die in vielen von Eckers Texten eine Rolle spielt. Er selbst schreibt dazu:

Letztlich ist jede Literatur phantastisch, aber nur derjenigen, die in ihrer Offenheit ehrlich phantastisch ist und sich bewusst dem sogenannten Realismus entgegenstellt, kann es bisweilen glücken, den Schleier zu lüften, der unser Dasein umgibt, den Vorhang, der verbirgt, worüber man nicht klar sprechen kann, weil dazu Sprache nicht ausreicht, da sie ein Bestandteil ebendieser Welt ist, über die sie sprechen will. […] Es gibt keine Antworten in der Welt. Doch die vielerorts als ‚phantastisch‘ geschmähte Literatur versucht wenigstens zu antworten.

Christopher Ecker: Dankesrede zur Verleihung des Hebbelpreises. Unpubl. Ms.

Mit dem Schreiben von Lyrik und Prosa hat Christopher Ecker bereits zu Schulzeiten begonnen, die frühen Resultate aber weitgehend in der Schublade belassen. Seine ersten veröffentlichten Bücher – Das verlorene O (1994), Die leuchtende Reuse (1997) und Madonna (2007) – finden „vor dem Erfahrungshintergrund seiner saarländischen Herkunft“ statt, wie es die Jury formulierte, die Ecker 2018 den Kunstpreis des Saarlandes zuerkannte. Doch schon mit dem umfangreichen Roman Fahlmann (2012) kamen norddeutsche Verhältnisse in Reichweite, etwa in Gestalt des aus Kiel stammenden Entomologen Carl Richard Bahlow, der eine zentrale Rolle in dem Buch spielt:

Bahlow sprach von Kiel, der Förde, den Kamillefeldern an der Steilküste von Dänisch Nienhof. Oh, wie klar er wieder denken konnte! Oh, wie flink die Gedankenschiffe den Hafen verließen! Vorbei war die Zeit der Kalmen, wo sie reglos in der Mundhöhle dümpelten, das Ösgatt voller Wasser, der Steuermann betäubt am Rad.

Christopher Ecker: Fahlmann. Halle (Saale) 2012, S. 384.

Für Fahlmann hat Christopher Ecker 2015 den Hebbelpreis erhalten.

Noch stärker Norddeutschland verhaftet sind jedoch zwei andere Romane. In Der Bahnhof von Plön (2016), einem wagemutigen Genremix, der – neben New York und Paris – in Kiel, Plön und Krusendorf spielt, erhält der Ich-Erzähler einen grenzwertigen Auftrag, bei dessen Abarbeitung sich nach und nach seine wahre Identität herausstellt. Zum Schluss des Buchs erreicht die Figur tatsächlich die schleswig-holsteinische Kreisstadt Plön:

Der Bahnhof von Plön fasziniert mich weniger als Bauwerk denn aufgrund seiner den Verstand überfordernden Lage am Nordufer des Sees. Das Gebäude stammt aus dem 19. Jahrhundert, ist funktional und durchaus formschön. Sein architektonisch bedeutendstes Merkmal ist ein prachtvolles, sich blasiert in die Höhe schwingendes Bahnsteigdach, das, wie wenige wissen, früher Teil des so genannten ‚Prinzenbahnhofs‘ war, wo bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Hohenzollern-Prinzen den Zug verließen. Ich hingegen stieg am Bahnhof von Plön aus, lehnte mich an eine der Holzsäulen, die das mit Schnitzereien geschmückte Dach tragen, und wartete, bis der Zug weiter Richtung Lübeck gefahren war, ein Paravent, der mir die Sicht auf die ausgedehnte, vom Wind leicht gekräuselte Fläche des Sees mit den zahlreichen bewaldeten Inseln versperrt hatte, darunter eine, die man heute Olsborg nennt.

Christopher Ecker: Der Bahnhof von Plön. Halle (Saale) 2016, S. 389f.

Dass der Buchtitel auch als Anspielung auf die berühmte Erzählung Tlön, Uqbar, Orbis Tertius von Jorge Luis Borges gedacht war, braucht man bei dieser stimmigen regionalen Schilderung keineswegs zu wissen.

Ein ähnliches Buchstabenspiel findet sich bereits im Titel Herr Oluf in Hunsum (2021), dem zweiten Buch Eckers mit starkem Norddeutschlandbezug. Hauptfigur ist Professor Oluf Sattler, der sich trotz einiger privater Schwierigkeiten nach Schleswig-Holstein zu einer Tagung aufgemacht hat. Schon auf der Hinfahrt echauffiert er sich:

Bekloppterweise findet der Kongress in Hunsum statt. In Hunsum! Nicht in Husum, der – wie Götzloff sicher gewusst und in dröhnendem Pathos verkündet hätte – grauen Stadt am Meer, sondern in Hunsum. In Hunsum! Liegt auch an der Nordsee wie Husum. Was für ein Blödsinn!, denkst du. Und was zu Hause los ist, weiß kein Mensch.

Christopher Ecker: Herr Oluf in Hunsum. Halle (Saale) 2021.

In der Folge wird Sattler in jede Menge grotesker Ereignisse verwickelt, in deren Mittelpunkt seine – wie es zunächst scheint – komplett misslungene Rede steht. Später wird er sogar noch in einen Kriminalfall hineingezogen, doch da hat er die Stadt in Norddeutschland bereits hinter sich gelassen. Sein Eindruck:

Hunsum ist wie Husum, beziehungsweise exakt so, wie du dir Husum vorstellst: pittoresk, doch zugleich elend kleinstädtisch. Im Binnenhafen liegen einige malerische Kutter zu, argwöhnst du, Dekorationszwecken, Möwen, Lastkräne als Kulissen, Möwen, die Tische der Restaurants sind vollbesetzt, aus den Fenstern der Küchen strömen zwieblige Butterdünste hinein in die gepflasterten, ärgerlich steilen Seitenstraßen, Möwen, die Speichergebäude prahlen mit Treppengiebeln, zwischen zwei Pflastersteinen klemmt ein geschälter Krabbenschwanz, groß wie der kleine Finger eines Babys, wohl vom Brötchen gefallen, eine Möwe schnappt ihn sich, die ganze Innenstadt ist voller Touristen (‚Touris‘ denkst du und schämst dich vor dir selbst) und Möwen, ganz Hunsum ist voller Möwen: Sie hocken auf den Bänken, den Dächern, den Ampeln, du magst sie nicht, die Möwen, weil sie alles verlachen und von oben jeden, der nicht damit rechnet, mit ihrer ätzenden Kacke bombardieren.

Christopher Ecker: Herr Oluf in Hunsum. Halle (Saale) 2021.

Ähnlich leicht und luftig hat Ecker sonst (fast) nur Lyrik geschrieben, etwa sein Gedicht anatomie der melancholie aus „schach“ dem vollmond (2018), in dem es heißt:

der himmel ein halbrund
über das wolken gezogen werden

Und weiter:

da ertönt von der förde her das
tiefe tuten eines auslaufenden

schiffes und nun franst die kleine
wolke aus und wird zu einem

flüchtigen gespinst vor dem regen
der jetzt aus der großen wolke

niedergeht

Christopher Ecker: „schach“ dem vollmond. Halle (Saale) 2018, S. 164.

Auffällig ist, dass die Städte und Landschaften, die Ecker vom täglichen Erleben oder von Recherchereisen her kennt, stets die scharf umrissenen Kulissen seiner Literatur abgeben. Und so wird etwa die Kieler Förde auch im Erzählungsband Andere Häfen (2017) zur Kulisse:

Am Ufer gegenüber das Kraftwerk, ankernde Frachtschiffe, zwei blaue Kräne und – beleuchtet von der Frühabendsonne – ein absurd hoher Berg aus rostigem Alteisen. Um ein wenig zu verschnaufen, blieb er am Seehundbecken stehen, dessen Glasscheiben wie verkratztes Plastik aussahen.

Christopher Ecker: Das Ende der Geschichte. In: Ders., Andere Häfen, Halle (Saale) 2017, S. 157.

Besagter Raum, eigentlich mehr eine Kammer, befand sich – schräg versetzt – drei Stockwerke über seiner bedauerlicherweise balkonlosen Wohnung. Stieß man an Sommertagen die Dachluke auf (und sandte somit einen weißen Blitz über die Stadt), sah man in der Ferne das im Sonnenlicht bedeutungsvoll dräuende Wasser der Kieler Förde.

Christopher Ecker: Raum und Werk. In: Ders., Andere Häfen. Halle (Saale) 2017, S. 231f.

Hervorzuheben ist schließlich noch Eckers Freundschaft mit dem US-amerikanischen Lyriker Thomas M. „Tom“ Disch (1940–2008), dessen „letzte Gedichte“ er 2018 unter dem Titel Endzone herausgegeben, übersetzt und kommentiert hat.

25.3.2021Kai U. Jürgens