WISSENSWERTES

Neustadt in Holstein entstand fast zeitgleich mit Kiel als planmäßige Stadtgründung im Rahmen des mittelalterlichen Landesausbaues im vormals slawischen Wagrien. Kiel erhielt 1242, Neustadt erhielt 1244 das Lübische Stadtrecht. Beide Neugründungen waren an die östliche Reichsgrenze vorgeschobene Hafen- und Handelsstädte. Die planmäßige Anlage ist im Grundriss Neustadts gut zu erkennen: von einem annähernd rechteckigen Marktplatz, an dem die Stadtkirche und das Rathaus liegen, gehen rechtwinklig die Hauptstraßen ab. Das Straßennetz ist regulär, so dass die Orientierung leicht fällt. Die Stadtmauer, die die kleine mittelalterliche Stadt umschloss, ist nicht mehr erhalten. Ihr Verlauf wird durch die heutigen Straßen Schiffbrücke, Am Binnenwasser, Haakengraben, Grabenstraße und Waschgrabenallee markiert. Von den ursprünglich drei Stadttoren ist nur das Kremper Tor am Haakengraben erhalten, eins der ältesten mittelalterlichen Stadttore Schleswig-Holsteins (heute Stadtmuseum "Zeittor"). Auf die beiden anderen Tore weisen die Straßennamen „Vor dem Brücktor“ an der Schiffbrücke und „Hochtorstraße“ hin. Knapp vor der Schiffbrücke, also außerhalb der Stadtmauer, wie es im Mittelalter aus Gründen des Infektionsschutzes üblich war, entstand im 14. Jahrhundert das „Hospital zum Heiligen Geist“. Es diente zunächst als Unterkunft für mittellose oder kranke Pilger, die auf Wallfahrt zum Kloster Cismar und dessen wundertätigen Reliquien waren. Später wurde es Kranken- und Armenhaus. Noch heute bietet die Anlage, die besichtigt werden kann, Wohnraum für bedürftige Neustädter Bürger. Für Besucher der Stadt, die von Westen her über die L 309 (Eutiner Straße) nach Neustadt kommen, ist die kurz vor der Schiffbrücke rechts gelegene Anlage allerdings nicht auffällig sichtbar. Weit mehr ins Auge fällt der sogenannte „Pagodenspeicher“ links, der auf der Neustädte Seite direkt am Binnenwasser steht. Das große Gebäude mit seinem auffälligen, vielfach gestuften, durch Dachlukenreihen gegliederten und mit roten Ziegeln gedeckten Walmdach wurde 1830 als Getreidespeicher erbaut. In dieser Zeit war Neustadt ein wichtiger Umschlagplatz für den Getreidehandel.

Die maritime Geschichte Neustadts prägt auch gegenwärtig das Stadtbild. Der Neustädter Hafen ist heute vor heute allem Segel- und Freizeithafen mit einer großen Marina. In moderner Zeit ist es schwer vorstellbar, dass Neustadt vor 300 Jahren nicht nur ein Handelshafen war, sondern auch ein bedeutender Schiffbaustandort. Im 17. Jahrhundert wurden auf der Werft von Berns und Marselis sogar große, dreimastige Kriegsschiffe für die dänische Flotte gebaut. Den enormen Holzbedarf für den Schiffbau deckten die ausgedehnten Wälder des Hinterlandes mit ihren mächtigen Eichen und Buchen. Später, vor allem im 19. Jahrhundert, sorgte der blühende Kornhandel für Wohlstand. Auch der Fischfang war lukrativ: Dorsch und Ostseekrabben wurden in großen Mengen nach Lübeck verschifft, seit Eröffnung des Eisenbahnanschlusses 1866 auch direkt nach Hamburg. Mit dem aufkommenden Tourismus bekam Neustadt eine „See-Bade-Anstalt“, die schon 1830 erholungssuchende Badegäste anlockte.

Eine ins historische Gedächtnis eingebrannte Katastrophe ereignete sich kurz vor Kriegsende am 3. Mai 1945, als vor Neustadt die „Cap Arcona“ und die „Thielbeck“, voll besetzt mit Häftlingen aus dem KZ Neuengamme, von britischen Flugzeugen angegriffen und versenkt wurden. Rund 7.400 Häftlinge kamen ums Leben. Die ausgebrannten Schiffe lagen noch jahrelang vor Neustadt, und noch in den 1960er Jahren fanden Spaziergänger am Strand menschliche Knochen. #1

LITERARISCHES

In Neustadt wurde 1924 der Schriftsteller Kay Hoff geboren, dessen Werk sich insbesondere der Schuldfrage von Mitläufern in der NS-Zeit widmet. Hoffs literarischer Nachlass liegt in der Neustädter Stadtbücherei und wird wissenschaftlich bearbeitet. Zwanzig Jahre später, 1944, wurde in Neustadt als Spross einer alten holsteinischen Adelsfamilie Elisabeth Gräfin von Plessen geboren, eine der wichtigsten aus Holstein stammenden Schriftstellerinnen. Sie wuchs auf dem elterlichen Gut Sierhagen auf, ging als junge Frau zum Studium nach Berlin und legte ihren Adelstitel ab. In mehreren Büchern setzte sie sich kritisch mit ihrer Herkunft, mit der Geschichte und dem Selbstbild des holsteinischen Adels auseinander. Ihr erstes Buch Mitteilung an den Adel wurde 1976 insbesondere in Holstein von Teilen der Leserschaft als skandalös empfunden.

IN DER UMGEBUNG

Knapp 20 km nordöstlich von Neustadt liegt Kloster Cismar, eine im 13. Jahrhundert von Lübeck nach Cismar verlegte Benediktinerabtei. Das backsteingotische Kloster bewahrte wertvolle Reliquien auf, darunter einen Blutstropfen Christi und einen Dorn aus der Dornenkrone. Auf dem Klostergelände entsprang zudem eine heiligen Quelle. Alles zusammen machte das St. Johannis-Kloster zu einem wichtigen Wallfahrtsort, was der Abtei wiederum hohe Einnahmen bescherte. Nach der Reformation wurde das Kloster aufgegeben; Gebäude und Ländereien gingen in fürstlichen Besitz über. Seit 1987 ist das ehemalige Kloster Cismar eine Dependance der Schleswig-Holsteinischen Landesmuseen und ein Kulturzentrum, wo Kunstausstellungen, Konzerte, Lesungen u.a. stattfinden. Im „Weißen Haus“ in Cismar lebt die Lyrikerin Doris Runge, die sich auch mit der Organisation von literarischen Veranstaltungen um die Literaturförderung verdient macht.

Wenige Kilometer nordöstlich von Neustadt liegt Gut Sierhagen, seit dem Mittelalter Sitz holsteinischer Adelsfamilien, heute im Besitz der Adelsfamilie Scheel-Plessen. Hier wuchs die Schriftstellerin Elisabeth Plessen auf, die sich in drei Romanen kritisch mit ihrer Herkunft und mit der Rolle das Adels auseinandersetzte. Das Herrenhaus ist der Öffentlichkeit nicht zugänglich, aber in ehemaligen Nebengebäuden ist die Alte Gutsgärtnerei Sierhagen angesiedelt mit einem reichen Angebot an Pflanzen und Gartenartikeln, Freizeitangeboten und einem Café in der alten Orangerie, wo man unter blühenden Orangenbäumchen sitzen kann.

Neustadt ist eine wichtige Station auf dem Radfernwanderweg „Mönchsweg“, der alte christliche Stätten von Bremen bis nach Puttgarden miteinander verbindet (in Schleswig-Holstein von Glückstadt an der Elbe bis Puttgarden auf Fehmarn: 342 km).

11.6.2021Susanne Luber