Wissenswertes

Der kleine Ort Cismar liegt in Ostholstein in der Gemeinde Grömitz, nur fünf Kilometer von der gleichnamigen Stadt und der Ostsee entfernt. Trotz der Nähe und Zugehörigkeit zum touristisch geschäftigem Grömitz ist Cismar ein angenehm ruhiger Lebensort, dessen Eigenbezeichnungen von „Klosterdorf“ über „Künstlerdorf“ zu „kultureller Perle des Ostseeheilbades Grömitz“ reichen. Zentraler Bestandteil dieser Identifizierung ist das Kloster Cismar, ein ehemaliges frühgotisches Benediktinerkloster, das 1245 von Lübeck nach Cismar verlegt wurde.

Nachdem das Kloster 1561 aufgelöst wurde, wurde es mitsamt seinen umliegenden Gebäuden unter anderem als Landratsamt und Jugenderholungsheim genutzt, bevor es ab 1970 zu einer Kulturstätte wurde. Seit 1999 gehört das Kloster zur Stiftung Schleswig-Holsteinische Landesmuseen Schloss Gottorf. Es ist Veranstaltungsort für Kunstausstellungen, Konzerte sowie einen Kunsthandwerkermarkt und als solches überregional bekannt. Die Nebengebäude des Klosters beherbergen zudem Landesstipendiaten verschiedener künstlerischer Gattungen.

Auch jenseits des direkten Klostergeländes ist die Kultur in Cismar fest verankert. Künstlerische Keramik- und Skulpturwerkstätten laden gleichermaßen zum Betrachten und Erleben ein wie das klassizistische „Weiße Haus“ neben dem Kloster, in dem regelmäßig Literaturveranstaltungen stattfinden.

Literarisches

Literatur in Cismar wird weithin in Verbindung gebracht mit Doris Runge (geboren am 15.7.1943), die der Literaturwissenschaftler und Schriftsteller Heinrich Detering als eine der „wichtigsten Lyrikerinnen der deutschen Gegenwartsliteratur“ #1 bezeichnet. Runge, die in Mecklenburg-Vorpommern geboren wurde, übersiedelte mit zehn Jahren nach Schleswig-Holstein, wo sie seither den Großteil ihres Lebens verbrachte. 1975 zog sie mit ihrem ersten Mann nach Cismar ins Weiße Haus:

„Da kann man was draus machen“, erinnert sich Doris Runge an ihren Gedanken bei der ersten Begegnung mit dem Haus, das ihr nun schon seit über 40 Jahren Heimat und Inspiration ist. „Allerdings brauchte es damals“, wie sie rückblickend feststellt, „schon sehr viel Fantasie, um unter dem Bauschutt, in den kleinen Räumen mit zerbrochenen Fensterscheiben, inmitten kaputter Kinderklos und -waschbecken das Potenzial des Hauses zu erkennen."

Louis Gäbler: Das „Weiße Haus“ in Cismar: Wo Autorin Doris Runge lebt. Lübecker Nachrichten, 22.3.2019. Link, letzter Aufruf 4.7.2021.

Über die Jahre renovierte das Paar das 1830 für den Amtsschreiber des dänischen Königs erbaute Gebäude und machte die untere Etage zu einem ansprechenden Ort der Literatur. Dort veranstaltet seit 1993 der von Ruge gegründete Verein „Literatur im Weißen Haus“ Lesungen mit renommierten Gegenwartsautor*innen. Doris Ruge hat damit das Weiße Haus in Cismar, gerne auch „Haus der Wörter“ genannt, auf der literarischen Landkarte Schleswig-Holsteins manifestiert.

Als Lyrikerin wurde Doris Runge vor allem ab Mitte der 1980er Jahre aktiv. Immer wieder thematisiert sie in ihren Gedichten reale Orte und Landschaften aus dem Norden Deutschlands. Auch Cismar, das Kloster und seine Mönche sind in ihrer Dichtung gegenwärtig, manchmal sogar klar im Titel benannt, wie bei die mönche von c und klosterkirche in c:

der für immer
zwischen
himmel und erde
zerrissene
aus seiner gottheit
unerlöste
hoch über uns
im gewölbe
hoch über ihm
über uns
gelassen
ziehen
vögel
ihre schleifen
 

Doris Runge, Doris: klosterkirche in c. Ursprünglich erschienen in: grund genug. Gedichte, Stuttgart: DVA 1995; hier zitiert nach der Digitalausgabe von: Doris Runge: zwischen tür und engel. Gesammelte Gedichte, München: DVA 2013.

Natürlich beginnt die Literaturgeschichte Cismars nicht erst mit Doris Runge: Historisch gesehen schuf der erste evangelische Pastor des Klosters, Johannes Stricker, das älteste heute bekannte literarische Werk mit Cismar-Bezug. Stricker prangerte in seinem Schauspiel De Düdesche Schlömer – weithin als niederdeutscher „Jedermann“ bekannt – die sittliche Verwahrlosung der Gutsherren an, die Grundstück und Gebäude nach der Auflösung des Klosters übernommen hatten. Stricker verließ Cismar 1572 und ging zunächst nach Grube, bevor er aufgrund des Skandals um sein Stück nach Lübeck fliehen musste. Eine Bronzeplastik erinnert an der Bäderstraße aber weiterhin an sein Stück, das zudem in unregelmäßigen Abständen in der Klosterkirche aufgeführt wird.

Rensen heißt der fiktive Ort in Peter Christophs Roman Herr Yamashiro bevorzugt Kartoffeln (2014), der sich als Cismar entschlüsseln lässt. In dem Roman erzählt Christoph, wie ein japanischer Ofensetzer nach Ostholstein reist, um dort einen traditionellen Anagama-Ofen zum Brennen von Keramik zu bauen. Blaupause für diese Geschichte ist jene von Jan Kollwitz, Sohn von Käthe Kollwitz, der im alten Pastorat in Cismar (Bäderstraße 23) lebt und arbeitet. Er stellt traditionelle japanische Keramik her und ließ sich dafür vom japanischen Ofensetzer Tatsuo Watanabe 1988 einen Anagama-Ofen in Cismar installieren.

Auch Kinder können in Büchern nach Cismar reisen und in der vierbändigen Reihe Die Detektive von Cismar (2001-2007) von der Hamburger Autorin Simone Klages spannende Fälle verfolgen.

Eine Themenseite zu Kinder- und Jugendliteratur des Literaturlands SH ist in Planung.

In der Umgebung

Cismar liegt in etwa auf halber Strecke zwischen der Hansestadt Lübeck mit ihrer reichen literarischen Tradition (55 km im Südwesten) und der Insel Fehmarn, wo beispielsweise die ungemein produktive Autorin Amalie Schoppe geboren wurde (45 km im Nordosten). Zum Seebad Grömitz sind es von Cismar lediglich fünf Kilometer Fahrt in südwestlicher Richtung auf der B 501, die Cismar als Bäderstraße durchquert.

4.7.2021 Lisa Heyse

ANMERKUNGEN

1 Heinrich Detering im Nachwort zu: Doris Runge: zwischen tür und engel. Gesammelte Gedichte. München: DVA 2013.