Wissenswertes

Die kleine Stadt Garding liegt mitten auf der Nordseehalbinsel Eiderstedt im Kreis Nordfriesland. Bleibt ihre Bedeutung in touristischer und wirtschaftlicher Sicht oft hinter jener der größeren Nachbarstädte St. Peter-Ording und Tönning zurück, so weiß Garding in literarischer Sicht klar zu punkten: Sie ist Geburtsstadt des ersten deutschen Literaturnobelpreisträgers Theodor Mommsen und trägt seit 2002 den Titel „Mommsen-Stadt-Garding“.

Die heute knapp 3.000 Einwohner*innen zählende Garding wurde 1187 erstmals urkundlich erwähnt. 1509 erhielt Garding das Stadtrecht. Etwas älter ist die zentrale St.-Christians-Kirche, die zu Beginn des 12. Jahrhunderts erbaut wurde und auf die die Infrastruktur der Altstadt sternförmig ausgerichtet ist. Der Kirchturm bildet den höchsten Punkt Eiderstedts. Direkt am Kirchplatz (Am Markt 6) befindet sich das älteste Haus Gardings, das alte Diakonat, in dem Theodor Mommsen geboren wurde. Im Nachbarhaus am Norderring 15 befindet sich heute das Theodor-Mommsen-Gedächtnis mit einer kleinen Ausstellung zu ihm.

Kulturell ist Garding auch für seine musikalischen Angebote bekannt. Im Sommer bietet die Stadt traditionell eine Musikantenbörse an und im Rahmen der Konzertreihe „Musik in den Kirchen Eiderstedts“ bringen auswärtige Musiker*Innen klassische Musik und Jazz in die Stadt.

Literarisches

Gardings Titel „Mommsen-Stadt“ zeigt, wie stark die Identifikation mit Theodor Mommsen (1817-1903) ist. Der Historiker und Professor für Rechtswissenschaften, der 1902 als erster Deutscher den Literaturnobelpreis für sein klassisches Werk zur Römischen Geschichte erhielt, wurde 1817 in der kleinen Stadt als Sohn eines Pfarrers geboren. Er lebte dort allerdings nur drei Jahre, bevor seine Familie nach Oldesloe zog.

Dennoch ist Mommsen in Garding vielerorts gegenwärtig. Sein Geburtshaus, das alte Diakonat, ziert seit 1903 eine Gedenktafel. Im Stadtpark Gardings stand zudem seit 1911 eine vom Berliner Bildhauer Heinrich Splieth gefertigte Bronzebüste, die jedoch im Jahr 2000 gestohlen wurde und seitdem als vermisst gilt. Mittlerweile erinnert eine neue Büste, ein Abguss einer Mommsen-Büste von Karl Pracht, an den berühmten Sohn der Stadt. Dieser erhielt im Übrigen schon 1895 die Ehrenbürgerwürde Gardings.

Mommsen, der vor allem als Historiker hochgeschätzt war, veröffentlichte 1843 gemeinsam mit seinem Bruder Tycho Mommsen und Theodor Storm den Gedichtband Liederbuch dreier Freunde. Teile daraus wurden einmal von dem Liedermacher, Jazzmusiker und Produzent Knut Kiesewetter (1941-2016) überarbeitet und vertont (Knut Kiesewetter singt Theodor Mommsen, 1990). Kiesewetter ist eine weitere literarischer Persönlichkeit Gardings.

Knut Kiesewetter wurde 1941 in Stettin geboren und kam 1945, sechs Wochen vor Kriegsende, mit seiner Mutter und seinen Geschwistern als Flüchtling nach Garding, wo ihm zunächst eine wenig willkommene Atmosphäre entgegenschlug: „Die Nordfriesen, die schon in den 20er-Jahren in großer Mehrheit die NSDAP gewählt hatten und während der berühmten 1000 Jahre die strammsten Nazis waren, nahmen ihre Volksgenossen nicht gern auf. Wer gibt schon gern ab? Und das Wort „Flüchtling“ entwickelte sich bald zu einem Schimpfwort“. #1

Die Familie Kiesewetter bezog ein Zimmer im Haus Am Markt 1, das für den Liedermacher Heimat seiner Kindheit wurde. Der Abriss des 1750 im Renaissance-Stil erbauten Hauses in den 1950er Jahren beschäftige den Liedermacher lange: „Dann merke ich, wie sehr mich der Verlust eines alten Hauses in der Seele treffen konnte.“ #2

In Garding ging Kiesewetter zur Schule, sammelte dort erste Bühnenerfahrungen und weiß in seiner Autobiographie manch eine Anekdote zu seinen Mitmenschen zu erzählen. Während er die grundlegende Mentalität der regierenden „strammen CDU-Mehrheit“ #3 sarkastisch kritisiert, wird in den meisten Beschreibungen deutlich, dass Garding und die Gardinger*innen ihn eine grundlegend fröhliche Kindheit erleben ließen:

Trotzdem war ich außerhalb des Hauses, in dem ich ja nur Angst hatte, ein fröhliches Kind, wodurch ich den Gardinger Bürgern sehr oft auf die Nerven gefallen sein muss. Den Tarzan-Ruf hatte ich mir beigebracht und rannte, diese edlen Geräusche von mir gebend, durch die Straßen. Auch das Pfeifen auf vier Fingern hatte ich eingeübt, und die Gardinger mussten es ertragen.

Knut Kiesewetter: Fresenhof. Ein Stück von mir. Husum 2016, S. 26.

Die Familie zog Mitte der 50er Jahre weiter nach St. Peter-Ording, doch Kurt Kiesewetter vermisste Garding und kehrte schließlich in den 90er Jahren dorthin zurück. Vorher bewohnte er fast dreißig Jahre den wenige Kilometer nördlich in Bohmstedt gelegenen Fresenhof, wo unter anderem sein meistverkauftes Album entstand. Zeitlebens aber litt Kiesewetter an einer Augenkrankheit und entschloss sich schließlich bei kaum mehr funktionsfähiger Sicht zum Rückzug in seine Kindheitsstadt. Dort, so die Überlegung des Ehepaars Kiesewetter, ließ sich das Leben besser fußläufig organisieren. Im Dezember 2016 starb Kurt Kiesewetter in seinem Gardinger Haus. Das kulturelle Leben der Stadt hat er nachhaltig geprägt, etwa durch die Mitbegründung der Musikantenbörse 1998. Auch spendete er die Gage eines TV-Auftritts für den Ersatz der entwendeten Theodor-Mommsen-Büste.

In der Umgebung

Ebenfalls auf der Halbinsel Eiderstedt gelegen ist die Strandstadt St. Peter-Ording (10 km westlich von Garding). Friedrichstadt liegt 25 Kilometer östlich von Garding und Husum befindet sich eine halbe Autostunde (30 km nordöstlich) entfernt.

30.6.2021 Lisa Heyse

ANMERKUNGEN

1 Knut Kiesewetter: Fresenhof. Ein Stück von mir, Husum 2016, S. 14.

2 Ebd., S. 17.

3 Ebd.