Wissenswertes

Die Kreisstadt des Kreises Herzogtum Lauenburg blickt auf eine lange Geschichte zurück: Bereits im 11. Jahrhundert wurde der damals slawische Ort erstmals urkundlich erwähnt, 1154 wurde sie Bischofssitz der nunmehr christlichen Gegend. In dieser Zeit entstand auch der die Altstadt bis heute bestimmende Dom St. Marien und Johannes Evangelistae. Während das Domgebiet Teil des Fürstentums Ratzeburg wurde und offiziell erst 1937 der Stadt angeschlossen wurde, gehörte der Rest der Stadt zum Herzogtum Lauenburg, dessen Kerngebiet mit dem heutigen Landkreis gleichen Namens übereinstimmt. 1693 wurden große Teil der Stadt von der Armee Christians V. von Dänemark zerstört und danach im barock-geometrischen Stil neu aufgebaut. 1865 schloss sich das Herzogtum Lauenburg dem Königreich Preußen an. Die Industrialisierung machte die Stadt zum Kreuzungspunkt zweier Bahnlinien – hier verliefen die „Kaiserbahn“ von Berlin nach Kiel sowie die heute noch existierende Bahnlinie von Lübeck nach Lüneburg. Mit der deutschen Teilung befand sich die Stadt plötzlich in der extremen Peripherie Westdeutschlands – die Kaiserbahn wurde abgebaut, und die unmittelbar am Ratzeburger See verlaufende Grenze schnitt den einstigen Verkehrsknotenpunkt von seinem östlichen Einzugsgebiet ab. Dies änderte sich erst mit der Wiedervereinigung – seitdem ist Ratzeburg auf gut 15.000 Einwohner angewachsen.

Die „Inselstadt“ Ratzeburg zeichnet sich seit jeher durch ihre ungewöhnliche Lage aus – die Altstadt ist auf allen Seiten von Wasser umgeben und nur über Dämme erreichbar. Was heute Tourist*innen gefällt, beeindruckte schon früher viele Besucherinnen und Besucher. Johann Heinrich Campe hielt den Ort für „eins der niedlichsten Städtchen, welche man in Deutschland sehen kann“ #1, und hat in einem Brief an seine Kinder eine besonders hübsche Beschreibung für das städtebauliche Ensemble umgeben von vier Seen gefunden:

Diese Insel ist mit einem ziemlich regelmäßig angelegten Städtchen bebaut, welches, von fern gesehn, seiner rothen Ziegeldächer wegen, erst seit gestern fertig geworden zu seyn scheint. Denke dir, du sähest eine glattpolierte Schüssel, mit rothen Krebsen angefüllt, den Rand mit grüner Petersilie belegt: und was du siehst, ist Razeburg.

Johann Heinrich Campe: Sammlung interessanter und durchgängig zwekmäßig abgefaßter Reisebeschreibungen für die Jugend. Erster Theil. Reutlingen: Grözinger 1796, S. 228.

Auch wenn das Stadtgebiet mittlerweile über die Altstadtinsel hinausgeht, stellt diese weiterhin die größte touristische Attraktion dar. Nicht nur kann man hier hervorragend schwimmen, Boot fahren oder spazieren, sondern auch die kulturellen Attraktionen der Stadt befinden sich auf der Insel: Neben dem Dom selbst befindet sich im Domhof das imposante Kreismuseum mit seinen Ausstellungen zur Geschichte der Stadt, kulturgeschichtlichen Exponaten wie einer Schuhmacherwerkstatt oder einer historischen Apotheke sowie einer Sammlung von Kunstwerken mit Bezug zum Kreis. Direkt nebenan liegt das ganz dem satirischen Grafiker gewidmete A. Paul Weber-Museum. Direkt im Zentrum der Altstadt befindet sich das seit 2020 völlig neugestaltete Ernst Barlach Museum, das sich einem der berühmtesten Künstler mit Verbindung zur Stadt multimedial und interaktiv nähert und dabei auch besonders auf den manchmal im Schatten des Bildhauers stehenden Schriftsteller Barlach eingeht. Über weitere Sehenswürdigkeiten der Innenstadt informiert die Tourist-Information im Rathaus (Unter den Linden 1).

Doch auch außerhalb der Insel gibt es viel zu entdecken: Ratzeburg liegt inmitten des Naturparks Lauenburgische Seen, der 1960 eingerichtet wurde und damit der älteste Naturpark Schleswig-Holsteins ist. In dem weitläufigen Gebiet, das vom Stadtrand Lübecks bis hinunter nach Büchen reicht, gibt es rund 20 gekennzeichnete Rad- und Wanderwege durch tiefe Wälder und entlang von zahlreichen Gewässern. Die überregionalen Radwege „Alte Salzstraße“, „Via Scandinavica“ und „Hamburg-Rügen“ führen durch den Naturpark unmittelbar an Ratzeburg vorbei.

Literarisches

Wie bereits erwähnt, ist Ernst Barlach der wohl bekannteste Autor aus Ratzeburg. Er wurde nicht hier, sondern in Wedel geboren, zog aber als Kind nach einer Station im mecklenburgischen Schönberg hierher. Barlach scheint schon als Kind einen Blick für die Schönheit der Stadt gehabt zu haben. In seinen Erinnerungen Ein selbsterzähltes Leben heißt es: „[A]ls später mein [...] Vater zu mir sagte: ‚Wir ziehen nun bald nach Ratzeburg‘, da fragte ich hellhörig zurück: ‚Ist das da, wo das schöne Wasser war?‘ – Das war es.“ #2 Seine Familie lebte zunächst in einem Haus in der Seestr. 6 und zog bald darauf in das Gebäude des heutigen Museums in der Barlachstr. 3. Dieses Haus wird von Barlach als abgründiger Ort voller „Winkel und Verschläge, Böden und Finsterräume, allzu erwünscht für ein Gemüt voll Ahnen und Grausen“ beschrieben. #3 1884 kehrte Barlach nach Schönberg zurück. Nach Barlachs Tod im Jahr 1938 wurde er auf dem Friedhof an der Seedorfer Str. in Ratzeburg begraben. Das Grab ist mit seiner Skulptur Der Sänger von 1931 geschmückt. Ein Nachguss einer weiteren Plastik des Künstlers, Der Bettler, befindet sich im Domhof. Beide Werke waren für die Katharinenkirche in Lübeck geplant, konnten dort aber auf Druck der Nazis nicht aufgestellt werden.

Selbstverständlich gibt es auch vor Barlach eine Literaturgeschichte Ratzeburgs. Der Theaterdichter Johann Friedrich Schink lebte hier zu Beginn des 19. Jahrhunderts für einige Jahre. 1835 ließ sich der Historiker und Schriftsteller Peter von Kobbe hier nieder – er ist vor allem durch mehrere Werke zur Geschichte Lauenburgs und Schleswig-Holsteins bekannt. Der niederdeutsche Autor Joachim Voß lebte von 1870 bis 1877 in der Stadt, der Romanautor und Ethnologe Traugott Tamm von 1908 bis zu seinem Tod im Jahr 1938.

Das gegenwärtige Ratzeburg vertritt im Literaturland Schleswig-Holstein der 1974 in Schwerin geborene Hartmut Haker, der als Autor von Erzählungen und Theaterstücken in Erscheinung getreten ist.

In der Umgebung

Ratzeburg liegt am äußersten östlichen Rand Schleswig-Holsteins – die Landesgrenze nach Mecklenburg-Vorpommern ist schnell erreicht, und man gelangt beispielsweise ins 25 km entfernte Schönberg, der ehemaligen Hauptstadt des Fürstentums Ratzeburg. Ähnlich nah ist die Hansestadt Lübeck im Norden. Direkt westlich liegt in nur 10 km Entfernung Behlendorf, wo Günter Grass von 1987 bis zu seinem Tod wohnte. Trittau, der Ort, von dem aus Johann Heinrich Campe seinerzeit nach Ratzeburg reiste, ist im Südwesten gut 35 km entfernt, ebenso weit wie Bad Oldesloe im Nordwesten.

7.5.2021 Jan Behrs

ANMERKUNGEN

1 Johann Heinrich Campe: Sammlung interessanter und durchgängig zwekmäßig abgefaßter Reisebeschreibungen für die Jugend. Erster Theil. Reutlingen: Grözinger 1796, S. 227.

2 Ernst Barlach: Ein selbsterzähltes Leben. Hrsg. v. Ulrich Bubrowski. 2. Auflage, Hamburg: Ernst Barlach Gesellschaft 2006, S. 22.

3 Ebd., S. 25.