WISSENSWERTES

Wedel liegt im Süden Schleswig-Holsteins direkt an der Unterelbe und der Landesgrenze zu Hamburg und ist an die Hamburger S-Bahn angeschlossen. Die Stadt, heute mit gut 34.000 Einwohnern die drittgrößte im Kreis Pinneberg, wurde 1212 zuerst erwähnt. Sie war der Endpunkt des Ochsenwegs, einer wichtigen historischen Handelsroute, und deswegen seit jeher ein bedeutender Marktstandort. Seit 1558 wacht eine grimmige Rolandstatue über die Marktgerechtigkeit – sie ist mittlerweile zum Wahrzeichen der Stadt avanciert. 1875 erhielt Wedel das Stadtrecht, und wenig später erfolgte der Anschluss an die Hamburger Eisenbahn, was zu einer raschen Industrialisierung führte – vielleicht ist es dieses schnelle Wachstum, was Dietmar Albrecht meint, wenn er Wedel in seinen Literaturreisen Schleswig-Holstein als den „Emporkömmling unter den Randorten“ Hamburgs bezeichnet. 1909 wurde das bis dahin eigenständige Elbdorf Schulau eingemeindet. 1944 wurde östlich des Stadtzentrums eine Außenstelle des Konzentrationslagers Neuengamme eingerichtet, in der insgesamt 1.000 Häftlinge Zwangsarbeit leisten mussten (Denkmal?).

Am Fährhaus in Schulau liegt eine der größten Touristenattraktionen der Stadt: Im „Willkomm-Höft" werden seit 1952 Schiffe, die den Hamburger Hafen anlaufen oder verlassen, mit Flaggensignalen und dem Abspielen der jeweiligen Nationalhymne begrüßt und verabschiedet. In der Küsterstraße 5 nicht weit vom Markt informiert das Stadtmuseum Wedel über Kultur und Geschichte der Stadt. Direkt am S-Bahnhof liegen die Stadtbücherei und das Rathaus, in dem auch die Touristeninformation untergebracht ist. Am Flussufer in Schulau finden sich mehrere Strände und das Strandbad Wedel; der am Wilkomm-Höft beginnende Elbwanderweg bietet fantastische Aussichten über den hier knapp 2 km breiten Fluss ins Alte Land. Westlich der Stadt erstreckt sich die Wedeler Marsch mit einer vom Naturschutzbund Deutschland betriebenen Vogelstation und weiteren Ausflugszielen; von hier ist es nicht mehr weit bis zum Naturschutzgebiet „Haseldofer Binnenelbe mit Elbvorland“, einem der größten Schleswig-Holsteins. Fahrradbegeisterten und Wanderern bietet die Stadt Anschluss an etliche große Routen: Der Elberadweg, der Nordseeküstenradweg und der norddeutsche Jakobsweg „Via Baltica“ führen durch die Stadt, und auch der für Wedels Geschichte so bedeutsame Ochsenweg ist als Route bis an die dänische Grenze ausgebaut – nicht mehr für Rinder, sondern für Radfahrer*innen.

LITERARISCHES

Die Literaturgeschichte Wedels beginnt mit dem 1607 im nahegelegenen Ottensen (heute ein Stadteil von Hamburg) geborenen Barockdichter Johann Rist, der im Frühjahr 1635 hier zum Pastor berufen wurde. Rist blieb der Stadt bis zu seinem Tod 1667 treu, auch wenn er infolge von Kriegswirren mehrfach vertrieben wurde. Er ist heute vor allem als Autor protestantischer Kirchenlieder bekannt, von denen etliche bis heute im Evangelischen Gesangbuch stehen, und der Titel einer seiner Gedichtsammlungen mag durchaus vom Marktreiben inspiriert sein, das er aus seiner Kirche am Roland beobachten konnte: „Poetischer Schauplatz/ Auff welchem allerhand Waaren Gute und Böse Kleine und Grosse Freude und Leid-zeugende zu finden“. Der 1646 zum „Poeta Laureatus“ erhobene Rist setzte sich in seiner Dichtung intensiv mit dem poetischen „Parnass“ seiner Vorbilder (Opitz, Petrarca, Ronsard, Lope de Vega) auseinander und hat einen solchen symbolischen Ort der Musen auch ganz konkret in der Wedeler Umgebung gefunden. In Schulau am Elbhang befindet sich in der Nähe der heutigen Parnaßstr. ein Hügel, den Rist zum Schauplatz seines Neüen Teütschen Parnass (1652) macht:

Es ist an diesem Ohrte/ woselbst Ich gegenwertiger Zeit Mein Leben zubringe/ ein Berg oder vielmehr ein lustiger Hügel/ bei dem bekanten Haven Schulou […] nahe an dem Elbefluß gelegen/ welchem Ich schon für etlichen Jahren/ scherzweise den Namen Parnass gegeben/ den er auch biß auff diese itzige Stunde hat behalten […]. Dieser Berg nun ist rund ümher mit schönen grossen Eichen/ zwischen welchen auch kleinere/ als wide Oepfelbäume/ Haselstürden/ Erlen und dergleichen Stauden stehen/ gahr fein besetzet/ welche bei heissen Sommertagen einen anmühtigen Schatten machen […].
Wen man nun […] hinauff gehet und Sich an den/ von Mir in der Mitte deß obern Platzes in der Erde außgegrabenen Circul runden Graßtisch oder auff die/ unter den Eichen gemachte Graßbenke setzet/ so hat man für Sich ins Osten den gantzen/ mit Büschen und Bäumen lustig bewächsenen Elbestrich biß an die Weitberühmte Stadt Hamburg: ins Norden/ einen fruchtbahren Akkerbau/ hinter welchen der Flekken Wedel mit seinen kleinen Lustwälderen liget/ Gegen Abend hat man den Haven Schulau/ mit dem dabei gelegenen Dorffe. Recht für Sich aber gegen Mittag siehet man sehr schöne und fruchtbahre Wiesen/ welche von dem edlen Elbefluß werden befeüchtet/ und ist dieser Ohrt nach dem Süden zu der allerlustigste/ dieweil man nicht allein die Elbe/ […] recht vor Sich siehet überlauffen/ sondern auch daß/ auff der anderen Seiten des Flusses gelegene Hertzogthum Bremen/ absonderlich aber das Alte Land (welches seines vortrefflichen und vielfältigsten Obstes halber wol eines der aller fruchtbahrsten in gantz Teütschland sein mag) mit Ihren fürnehmsten Festungen/ den beiden uhralten Städten/ Stade und Boxtehude/ welches alles man von der Höhe des Parnasses so eigendlich kan betrachten.

Auch wenn Rists Hügel mittlerweile bebaut ist, trifft die räumliche Einordnung heute ebenso zu wie vor über 350 Jahren, und auch eine andere Beobachtung verbindet den Dichter mit heutigen Besucher*innen des „Willkomm-Höft“:

Unter anderen Lustbahrkeiten unseres Parnassus halte ich diese für sonderlich groß/ daß allerhand Schiffe/ große und kleine/ Kriegs- und Kauffmans Schiffe/ mit dem ablauffenden Wasser häuffig hinunter nach der See/ andere aber mit dem wachsenden Wasser/ oder der Fluht/ herauff nach Hamburg segelen/ und den Zuseheren manche schöne Lust machen […].

Heute kümmert sich die 2015 gegründete Johann-Rist-Gesellschaft um das Vermächtnis des Dichters. Zudem wurde von der Stadt Wedel ein Rundgang (Johann-Rist-Weg) angelegt, der in fünf Stationen nicht nur die Hauptwirkungsstätten des Dichters erschließt, sondern darüber hinaus auch Informationen zur Stadtgeschichte vermittelt. Weiterhin erinnern der Name einer Straße und des städtischen Gymnasiums an Rist, der ferner der einzige Barockdichter sein dürfte, nach dem ein Basketballteam (der SC Rist Wedel) benannt ist.

Die zweite große literarische Figur Wedels, der Dichter und Bildhauer Ernst Barlach, wurde 1870 in der Mühlenstraße 1 geboren, gleich um die Ecke von Rists Kirche und direkt am Markt. Christian Jenssen vermutet in seiner Literarischen Reise durch Schleswig-Holstein, dass „die ungeschlachte Sandsteingestalt des Rolands […] als sonderliches und rätselhaftes Bildwerk bleibenden Eindruck auf ihn machte“, wenngleich Barlach selbst das in seiner Autobiografie nur indirekt bestätigen kann:

Der Roland auf dem Markt in Wedel an der Unterelbe, wo meine Eltern ihren Haushalt angehen ließen, sieht sich nicht nach kleinen Buben um, seine Hintenübergebogenheit erlaubt ihm das nicht […].  Wenn das Bübchen, ich, aber über den Markt ging, hat es ihn wohl gesehen, aber das Bild war zu schwer für sein Bewußtsein, es ist ihm weggesunken, er hats vergessen.

Das Haus beherbergt heute die Ernst Barlach Gesellschaft Hamburg sowie das von ihr betriebene Ernst Barlach Museum, in dem hochkarätige Ausstellungen zur klassischen Moderne und zur zeitgenössischen Kunst präsentiert werden. Barlach lebte nur zwei Jahre in Wedel, bevor die Familie nach Mecklenburg weiterzog, kehrte aber 1901 zurück in die Stadt – er hat diese Zeit in einem Kapitel seines postum erschienenen autobiografischen Romans Seespeck geschildert. Auch wenn der Ton hier durchaus versöhnlich und der Blick zurück auf die Kindheit von Nostalgie geprägt ist, gelingt es Barlachs Protagonisten doch nicht, sich harmonisch in die Kleinstadt einzufügen, wie sich etwa hier in einer weihnachtlichen Szene zeigt:

Als er aber dann die Straße hinaufschlenderte, an den hellen Fenstern vorbei, die alle irgendeine Bescherung hinter sich bargen, wie ein melancholisches Bewußtsein von einem vorüberhuschenden Glück, da wollte ihm doch das Gefühl, inmitten zu sein, nicht recht glücken.

Ein weiterer mit Wedel verbundener Literat ist der 1920 geborene und 1963 in die Stadt gezogene Hansjörg Martin. Der Verfasser zahlreicher Kriminalromane und Jugendbücher sowie Drehbuchautor etlicher TV-Krimis war, anders als Barlach, fest in die Strukturen der Stadt integriert und engagierte sich viele Jahre in der Kommunalpolitik. Sein 1965 erschienenes Werk Gefährliche Neugier gilt als Gründungstext des „neuen deutschen Kriminalromans“, und Martin erhielt für diese Leistung 1986 das Bundesverdienstkreuz am Bande.

Der Schriftsteller und Verleger Reimer Boy Eilers ist 1948 in Wedel geboren.

IN DER UMGEBUNG

Wie bereits erwähnt, grenzt Wedel direkt an früher zu Holstein gehörende Stadteile Hamburgs an. Darüber hinaus liegt die Stadt in unmittelbarer Nähe zum Herrenhaus Haseldorf, wo der „Dichterprinz aus der Haseldorfer Marsch“, Emil von Schoenaich-Carolath , unter anderem Rainer Maria Rilke empfing. Der 12 km lange Weg dorthin lässt sich, wenn man ihn per Fahrrad zurücklegt, mit einer Erkundung der Wedeler Marsch und des Naturschutzgebiets „Haseldorfer Binnenelbe mit Elbvorland“ verbinden. Pinneberg und Uetersen sind jeweils etwa 15 km von Wedel entfernt.

12.12.2020 Jan Behrs

ANMERKUNGEN

1 Dietmar Albrecht: Literaturreisen Schleswig-Holstein. Stuttgart 1993, S. 29.

2 Neüer Teütscher PArnass, Auff welchem befindlich Ehr und Lehr Schertz und Schmertz Leid und Freuden-Gewächse, Welche zu unterschiedlichen Zeiten gepflantzet/ nunmehr aber […] in die offenbahre Welt außgestreüet/Von Johann Risten. Lüneburg 1652, unpaginierte Vorrede.

3 Ebd.

4 Christian Jenssen: Literarische Reise durch Schleswig-Holstein. Heide in Holstein 1974, S. 20.

5 Ernst Barlach: Ein selbsterzähltes Leben. In: Spiegel des Unendlichen. Auswahl aus dem dichterischen Gesamtwerk. München 1960, S. 8f.

6 Ernst Barlach: Seespeck. In: Spiegel des Unendlichen. Auswahl aus dem dichterischen Gesamtwerk. München 1960, S. 183.