Julius Stinde

Stinde, Julius Ernst Wilhelm; Pseudonym(e): Theophil Ballheim; Dr. Böhm; Wilhelmine Buchholz; Julius Ernst; David Hersch; Homo Monacensis; Julius Neuland; D. Quidam; J.
Steinmann; Dr. Julius Stöhr; Alfred de Valmy; Richard E. Ward.

Vom Chemiker zum Vielschreiber.

Geboren in Kirchnüchel am 28. August 1841
Gestorben in Olsberg am 5. August 1905

Julius Stinde wurde im ostholsteinischen Kirchnüchel geboren, wo der Vater in dieser Zeit Pfarrer war. Drei Jahre später zog die Familie nach Lensahn - Stinde verbrachte hier seine Kindheit und blieb dem Ort zeitlebens verbunden. Auf den Besuch des Gymnasiums in Eutin folgte eine abgebrochene Apothekerlehre in Lübeck und schließlich das Studium der Chemie in Kiel und Gießen. Hiermit enden die Schleswig-Holstein-Bezüge dieses Autors: 1863 wurde Stinde in Jena promoviert, und danach lebte er zunächst in Hamburg und seit 1876 in Berlin, verbrachte allerdings bis an sein Lebensende regelmäßig Zeit in Lensahn. Die Schriftstellerin Conradine Stinde ist seine Halbschwester.

Stinde arbeitete zunächst als Chemiker in einer Hamburger Fabrik. Zur Schriftstellerei fand er durch Zufall als Leser des Hamburger Gewerbeblatts:

Das brachte sachliche Mitteilungen und wandte sich an den Leserkreis zur Mitarbeiterschaft. So etwas, wie in dem Blatte stand, konnte ich auch zuwege bringen, und da ich zum Leserkreis gehörte, folgte ich der Aufforderung und schickte Nützlichkeiten ein.
Angenommen und abgedruckt! Und der freundliche Brief der Redaktion! Wie lieblich schmeckte das Lob. Gerade solche Arbeiten wünschte die Redaktion; sie bat um weitere Beiträge.

Julius Stinde: Aus der Lehrzeit eines Zeitungsschreibers. Erinnerungen. - In: Über Land und Meer. Bd. 43 (Stuttgart 1900/1901), S. 751.

So begann Stindes schriftstellerische Karriere als Journalist, wofür er recht schnell die Chemiker-Laufbahn an den Nagel hängte. Als Mitarbeiter der Hamburger Zeitung Reform ab 1865 lernte er

ohne Zaudern die fremdartigsten Stoffe zu bearbeiten. Berichte über Versammlungen, über Vorlesungen, über industrielle Neuheiten, über städtische Angelegenheiten mussten mit derselben Fixigkeit geliefert werden wie Bücherbesprechungen, Gemäldekritiken und gemeinnützige Abhandlungen über Gesundheitspflege, Epidemien, Sonnenflecke, Auswandererschiffe, Azteken, Akrobaten und Zulu-Kaffern im Zoologischen Garten. Mit einem Worte, von A bis Z gab es nichts, was nicht für das Publkikum hergerichtet wurde. Dazu wurden Novellen für das Feuilleton geschrieben, einfach auf den Anstoß: „Stinde, Sie werden bequem; es fehlt an Unterhaltendem.“

Ebd., S. 753.

Während dieser Zeit fand er auch zum Volkstheater und und verfasste ab 1870 plattdeutsche Stücke aus dem Hamburger Volksleben wie Die Nachtigall aus dem Bäckergang oder Eine Hamburger Köchin, die nach seinem Bekunden oft aufgeführt und „günstig aufgenommen wurden“. #1 Sie sind wie viele weitere Stücke und Gelegenheitsarbeiten, die er damals verfasste, heute unauffindbar.

Zeitlebens blieb Stinde ein Vielschreiber, der sich auf nahezu jedem literarischen Feld ausprobierte. Seine erste erfolgreiche Buchveröffentlichung war ein Sachbuch, das etliche Male neu aufgelegte Wasser und Seife. Stinde beschäftigt sich hier mit der „ganzen Praxis der Wäsche, sowohl für den kleinen und grossen Haushalt wie die grösste Bleicherei und Wäscherei“. Um sowohl männlich konnotiertes Expertenwissen als auch weiblich konnotierte Wascherfahrung zu demonstrieren, erfand er ein pseudonymisches Herausgeberkonstrukt: „Herausgegeben im Verein mit mehreren Fachleuten von Wilhelmine Buchholz, praktischer Wäscherin“. Der Name „Wilhelmine Buchholz“ sollte später zu Stindes Markenzeichen werden: nicht nur als auch für andere Texte benutztes Pseudonym, sondern auch als Name für die Protagonistin seiner extrem erfolgreichen Romanreihe „Familie Buchholz“. Diese kleinbürgerliche Familie aus Berlin, die in sieben Bänden nicht nur Abenteuer in ihrer Heimatstadt besteht, sondern auch Deutschland und die Welt bereist, ist bis heute Stindes bekannteste Schöpfung. Daneben schrieb er etliche weitere Romane und Erzählungen, populäre Sachbücher, etwa eine „naturwissenschaftlich-diätische Skizze“ über Das Rauchen: seine Nachtheile und deren Vermeidung (1881), und Theaterstücke vom niederdeutschen Schwank bis zur (bis heute amüsanten) Parodie auf das naturalistische Drama (Das Torfmoor, 1893).

Weil Stinde sich bei allen seinen Produktionen nah am Puls seiner Gegenwart bewegte (und diese meist in satirischer Weise aufs Korn nahm), ist es nicht überraschend, dass sein literarischer Stern bald nach seinem Tod zu sinken begann. Die Familie Buchholz war bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhundert noch vielen ein Begriff, ohne Zweifel auch wegen zweier Verfilmungen der Ufa (1943 und 1944), einer Radioproduktion des RIAS (1950-52) und einer Fernsehserie des ZDF (1974). Christian Jenssen nimmt Stinde deswegen noch in seine insgesamt nicht umfangreiche Literarische Reise durch Schleswig-Holstein auf und würdigt die „liebenswerten Erzählungen“ sowie die „scharfe Beobachtungsgabe“ des Verfassers. #2 Heute erinnert im Zentrum von Lensahn die Doktor-Julius-Stinde-Straße an ihn; auf dem dortigen Friedhof ist er auch begraben. Die Handschriftenabteilung der Schleswig-Holsteinischen Landesbibliothek in Kiel verfügt über etliche Briefe Stindes, darunter an Johann Hinrich Fehrs.

03.06.2021Jan Behrs

ANMERKUNGEN

1 Julius Stinde: Aus dem Theaterleben der Vorstadt. - In: Velhagen & Klasings Monatshefte. Jg. 15 (Bielefeld / Leipzig 1900 /1901), S. 175.

2 Christian Jenssen: Literarische Reise durch Schleswig-Holstein. Heide: Boyens & Co. 1974, S. 17f.