WISSENSWERTES

Lensahn, mitten im ehemals slawisch besiedelten Wagrien gelegen, weist mit seiner mittelalterlich-slawischen Vergangenheit einerseits und seiner Prägung durch die adelige Gutswirtschaft andererseits zwei typische Züge vieler ostholsteinischer Dörfer auf. Der Name ‚Lensahn‘ ist slawischen Ursprungs und trägt die Bedeutung ‚Bewohner unbebauten Landes‘. Wie so oft in Ostholstein, lag in der Zeit des mittelalterlichen Landesausbaues hier eine ältere slawische Siedlung neben einer neu gegründeten deutschen: Wendisch-Lensahn neben Deutsch-Lensahn. In Deutsch-Lensahn ließen die neuen Schauenburger Landesherren ab 1245 eine Backsteinkirche in frühgotischem Stil errichten, St. Katharinen, die bis heute das Dorfbild bestimmt. Im Laufe der Jahrhunderte entwickelte sich aus der mittelalterlichen Grundherrschaft die für Ostholstein typische Gutsherrschaft. Der Großteil der landwirtschaftlichen Flächen – Äcker, Wiesen, Weiden – sowie der Wälder war als Gutsland Eigentum einiger weniger adeliger Familien, während die Bauernfamilien mehr und mehr, bis hin zur Leibeigenschaft, dem Adel dienstverpflichtet und als abhängige Arbeitskräfte an die Güter gebunden wurden. Nach der Reformation war Lensahn Teil des (nun protestantischen) Bistums Lübeck, dessen Herren die Familie Oldenburg-Holstein-Gottorp war. Deren Residenz war Eutin, und ihre Güter, von deren Ertrag sie lebten, lagen über das ganze nördliche Ostholstein verstreut. Zu diesen Gütern mit ihren mehr oder weniger (meist weniger) prächtigen Herrenhäusern gehörten auch Gut Lensahn mit dem eher schlichten Gutshaus „Haus Lensahn“ (heute Lensahnerhof) und das westlich von Lensahn gelegene Schloss Güldenstein, eins der wirklich großen und eindrucksvollen holsteinischen Herrenhäuser, in seiner jetzigen Form erbaut im frühen 18. Jahrhundert.

Lensahn – nicht das Dorf, sondern das nahegelegene Gutshaus Lensahnerhof – war ein beliebtes Domizil der Herzöge von Oldenburg, die in Eutin residierten, sowohl als Sommeraufenthalt und Jagdstandort als auch als Rückzugsort nach den Wirren der Novemberrevolution. Dort lebte nach dem Ende der Monarchie 1919 auch der erste nicht mehr als „königliche Hoheit“ regierende Herzog, Erbgroßherzog Nikolaus von Oldenburg – erwähnt als Attraktion in „Krögers Führer durch die Holsteinische Schweiz und die Ostseebäder“ von 1927: „In Lensahn hat der Erzherzog Nikolaus von Oldenburg seinen ständigen Wohnsitz. Sein Herrenhaus mit den epheuumrankten Mauern in wohlgepflegter Parkanlage erfreut das Auge des Wanderers.“ Weniger idyllisch, aber im bis heute adelsgläubigen Ostholstein ungern erwähnt, ist Nikolaus’ enge Verstrickung in die Ideologie und Politik des NS-Staates.

LITERARISCHES

„In Lensahn hat unser in dem nahen Kirchnüchel geborene Landsmann Dr. Julius Stinde (Sohn des dort verstorbenen Kirchenpropsten Stinde), Schöpfer der Buchholz-Geschichten, Hamburger Volksdramen und mancher anderer Werke, an deren Humor das Gemüt vieler Hunderttausende sich erfrischt, seine Kindheit und den größten Teil seines Lebens verbracht“, meldet 1927 „Krögers Führer durch die Holsteinische Schweiz und die Ostseebäder“#1. Julius Stinde kam 1844 als kleiner Junge nach Lensahn, weil sein Vater dort eine Pfarrstelle erhielt. Er liebte das Dorf, in dem er eine Kindheit voller Jugendstreiche verbrachte, kehrte immer wieder gern dorthin zurück und wollte dort auch begraben werden. Auf dem Lensahner Friedhof ist sein Grab zu sehen. Seine Halbschwester Conradine Stinde, die nicht nur seinen Nachlass pflegte, sondern selbst Schriftstellerin war, wurde 1856 in Lensahn geboren.

IN DER UMGEBUNG

Sehenswert ist das Landwirtschaftsmuseum „Museumshof Lensahn“, ein modern konzipiertes Mitmach-Museum, in dem Kenntnisse über historische Landwirtschaft und Handwerk vermittelt werden. Rund 5 km westlich von Lensahn liegt Gut Güldenstein mit seinem prächtigen, schlossartigen Herrenhaus, eins der Hauptwerke barocker Gutsarchitektur in Schleswig-Holstein. Es befindet sich im Privatbesitz der herzoglichen Familie von Oldenburg und ist nicht öffentlich zugänglich. Eine Besichtigung ist lediglich von außen auf öffentlichen Wegen möglich. Knapp 4 km nördlich von Lensahn liegt Gut Petersdorf, eins der großen ostholsteinischen adeligen Güter mit einem beeindruckenden klassizistischen Herrenhaus und einem später errichteten Torhaus.

7.6.2021Susanne Luber

ANMERKUNGEN

1 Krögers Führer durch die Holsteinische Schweiz und die Ostseebäder. Blankenese ca. 1927, S. 145.