Ulf Erdmann Ziegler

Ziegler, Ulf Erdmann

Romanautor, Essayist, Chronist der alten und neuen Bundesrepublik

Geboren in Neumünster 1959

Als der bis dahin als Journalist und Essayist tätige Ulf Erdmann Ziegler 2007 seinen Debütroman Hamburger Hochbahn veröffentlichte, gelang ihm aus dem Stand ein Erfolg bei Presse und Publikum. Die überwiegende Mehrzahl der Rezensent*Innen äußerte sich begeistert über den Roman, und wiederholt wurde Ziegler bescheinigt, etwas Neues in die Literatur gebracht zu haben: stilistisch brillant beschreibe er die Generation der in der alten Bundesrepublik sozialisierten Vierzigjährigen und ihre – so Stephan Wackwitz in der taz – „fluktuierenden und brüchigen“ Lebenswege #1. Da die im Roman beschriebene Epoche laut Wackwitz eine „Achsenzeit“ gewesen sei, in der sich die BRD in Richtung einer „neuen Welthaltigkeit und Normalität“ entwickelt habe, #2 überrascht es nicht, dass sich Hamburger Hochbahn keinesfalls auf die Hansestadt beschränkt: Der Roman folgt seinen Hauptfiguren, die einen von Stipendien und Lehraufträgen genährten Kosmopolitismus entwickeln können, bis in die USA. Gleichzeitig wird jedoch sehr deutlich, dass für zwei der drei Protagonisten des Romans auch die Herkunft aus Lüneburg entscheidend ist – ihr Weltbürgertum und die Verwurzelung in der norddeutschen Kleinstadt ergänzen einander. Und auch Zieglers eigener Geburtsort Neumünster spielt im Roman eine gewisse Rolle, als dort ein Architekturwettbewerb um den Bau einer Stadthalle ausgeschrieben wird.

Seine eigene regionale Verortung hat Ziegler in dem ebenfalls 2007 erschienenen und im Feuilleton der FAZ vorabgedruckten Band Wilde Wiesen genauer untersucht. Dieser Versuch einer „Autogeographie“ sucht in zehn Kapiteln entscheidende Stationen aus der Kindheit und Jugend des Autors auf, darunter die Gemeinde Einfeld im Kreis Rendsburg, wo Ziegler in einer abgelegenen Neubausiedlung seine Kindheit verbrachte: 

Der Garten meiner Kindheit war ein Handtuchgrundstück auf dem holsteinischen Geestrücken, einer sandigen Ebene, gerahmt von anderen Kindheitsgärten gleichen Schnitts […]. Um jungen Familien zu Eigentum zu verhelfen, hatte ein Gewerkschaftskonzern, unberührt von den Lehren des Bauhauses, einen Doppelhaustyp entwerfen lassen, weiße Riegel mit roten Giebeldächern, die gerade Straßen säumten wie Miniaturen preußischer Kasernen.

Ulf Erdmann Ziegler: Wilde Wiesen. Autogeographie. Göttingen: Wallstein 2007, S. 21.

Auch wenn Einfeld 1970 nach Neumünster eingemeindet wurde, bleibt es ein isolierter Ort, der wenig mit der Urbanität des Stadtzentrums gemeinsam hat. Dem Heranwachsenden wird allmählich „die Ärmlichkeit der Lage seines Elternhauses“ deutlich, das vom Stadtzentrum aus nur mühsam per Bus erreicht werden kann. #3 Dementsprechend groß ist die Aufbruchsstimmung, als der Erzähler schließlich nach Neumünster zieht: „Als die Schule zu Ende ging und später, als sie aus war, in diesem Sommer war ich einverstanden mit dieser Stadt.“ #4 Wie schon das Inhaltsverzeichnis von Wilde Wiesen zeigt, das außer Einfeld, Neumünster und dem zwischen beiden gelegenen Stadtteil Tungendorf keine weiteren schleswig-holsteinischen Orte verzeichnet, hat es den heute in Frankfurt lebenden Autor bald anderswohin verschlagen, und Neumünster erscheint ihm am Ende des Kapitels als „Stadt, deren Namen keinen Klang mehr hat, etwas Blasses und Hohles.“ Aber dennoch: „[E]r bleibt immer bei mir, tätowiert in das Dokument, das ich dem Uniformierten reiche. Neumünster ist überall.“ #5

In seinen folgenden literarischen Werken – der Roman Nichts Weißes erschien 2012, Und jetzt du, Orlando 2014, Schottland und andere Erzählungen 2018 – hat Ziegler sich an zahlreiche andere Schauplätze begeben und sich damit erneut als „literarischer Verwandlungskünstler“ #6 erwiesen, der abseits der „Autogeographie“ nicht unbedingt aus autobiografischem Material schöpfen muss.

In seinem neuesten Buch, dem 2021 erschienenen Roman Eine andere Epoche, wendet sich Ziegler dem politischen System der Berliner Republik zu. Aus der Perspektive eines sozialdemokratischen Bundestagsmitarbeiters werden die Jahre von 2011 bis 2014 in den Blick genommen, als die deutsche Öffentlichkeit zum ersten Mal von der Existenz der NSU-Terrorgruppe erfuhr und ein bis in die Gegenwart wirksamer Wandel einsetzte: „An diesem Tag, einem Freitag, veränderte sich die Bundesrepublik Deutschland.“ #7 Wie der Titel schon verrät, geht es dem Roman darum, diese noch nicht lange zurückliegenden Jahre von der Gegenwart abzugrenzen, um sie aus der so gewonnenen Entfernung nüchtern zu sezieren. Es gilt also weiterhin das, was Dirk Knipphals 2008 über Wilde Wiesen schrieb: „Ulf Erdmann Ziegler will einem diese Zeit nicht nahebringen, sondern im Gegenteil weit wegrücken“. #8 Genau aus dieser Distanz, die sich auch im Schreibstil manifestiert, entfaltet der Roman seine analytische und literarische Stärke.

Für sein Werk ist Ziegler vielfach ausgezeichnet worden: Sein Romanerstling Hamburger Hochbahn stand 2007 auf Platz 1 der SWR-Bestenliste, und 2008 erhielt er den Friedrich-Hebbel-Preis. Der Roman Nichts Weißes stand 2012 auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis.

23.9.21 Jan Behrs

ANMERKUNGEN

1 Stephan Wackwitz: Unsolide Romantiker [Rez. Ulf Erdmann Ziegler: Hamburger Hochbahn]. die tageszeitung vom 22.3.2007.

2 Ebd.

3 Ulf Erdmann Ziegler: Wilde Wiesen. Autogeographie. Göttingen: Wallstein 2007, S. 27.

4 Ebd., S. 50.

5 Ulf Erdmann Ziegler: Wilde Wiesen. Autogeographie. Göttingen: Wallstein 2007, S. 65.

6 Roman Bucheli: An Weihnachten hört der Spass auf. Erzählungen von Ulf Erdmann Ziegler. Neue Zürcher Zeitung vom 2. November 2018.

7 Ulf Erdmann Ziegler: Eine andere Epoche. Roman. Berlin: Suhrkamp 2021, S. 14.

8 Dirk Knipphals: Kaugummiautomaten und Neubausiedlungen [Rez. Ulf Erdmann Ziegler: Wilde Wiesen]. die tageszeitung vom 26. Januar 2008.