Dirk von Petersdorff

Petersdorff, Dirk von.

Literaturwissenschaftler und Dichter mit Hang zum Ironischen

Geboren in Kiel am 16. März 1966

Lebt in Jena.

Der gebürtige Kieler Dirk von Petersdorff ist eine feste Größe im heutigen Literaturbetrieb, und das in doppelter Hinsicht: als Lyriker und Romanautor, aber auch als Professor für neuere deutsche Literatur. Beide Karrieren, die schriftstellerische und die wissenschaftliche, begannen in seiner Heimatstadt, wo Petersdorff 1991 das 1. Staatsexamen in Germanistik und Geschichte ablegte und 1995 mit einer Arbeit zum Selbstverständnis romantischer Intellektueller promovierte. Die akademische Laufbahn führte ihn anschließend nach Saarbrücken – hier habilitierte er sich 2003 mit einer Arbeit zur Literatur des frühen 20. Jahrhunderts – und 2008 nach Jena, wo er seitdem einen Lehrstuhl an der Friedrich-Schiller-Universität innehat. Seine Doppelfunktion als Dichter und Wissenschaftler hat ihn zu einem gefragten Gesprächspartner der Medien gemacht, der über die universitäre Lehre, aber auch über Themen wie den Literaturnobelpreis für Bob Dylan Auskunft gibt. Dass Petersdorff für dieses Thema Experte ist, weil er ein Buch zu „Lieder[n] und Songs als Gedichte[n]“ geschrieben #1 und einen Sammelband zu „Songtexten als Gegenstand der Literaturwissenschaft“ herausgegeben hat #2, gleichzeitig aber auch als Lyriker mit diversen Liedern hervorgetreten ist, zeigt, wie eng das Wissenschaftliche und das Poetische bei ihm verknüpft sind. Inner- und außerhalb von Schleswig-Holstein wurde er mit diversen Preisen geehrt, unter anderem 1993 mit dem Friedrich-Hebbel-Preis, 1999 mit der Kieler Liliencron-Dozentur und 2000 mit dem Preis der LiteraTour Nord.

Als Lyriker trat Petersdorff zuerst 1992 mit dem Gedichtband Wie es weitergeht in Erscheinung. Hier finden wir bereits viele Eigenschaften, die seine Poesie bis heute auszeichnen: eine ironische Einstellung zu den Dingen, auch und besonders zur Literaturgeschichte, eine zitierfreudige Collagetechnik und einen aus der Kombination von beidem entstehenden weltoffenen, heiteren Sound. All das macht Petersdorffs Texte in den Augen der Kritik „zu einem Musterbeispiel postmodernen Schreibens“. #3 In den Worten Jürgen Egyptiens schlägt der Dichter in seinem ersten Buch „einen spielerischen, ironischen Ton an, montiert in exzessiver Form Sprachmaterial aus der Werbung, dem Sport, den Medien, der Literatur- und Philosophiegeschichte, das in seinen Texten promiske Verbindungen eingeht, und dekonstruiert mit munterer Verve jedes Denken und Leben nach System oder Prinzip.“ #4 Selbst wo auf diese Weise eigentlich alles zum Material von Dichtung werden kann (und auch wird), finden sich aber einige Bezüge auf die flache Landschaft der schleswig-holsteinischen Herkunftsregion des Dichters: „Das Land, darin / ich geh, ist ausgesprochen eben.“ #5 In einem anderen Gedicht, das das poetische Klischee eines am Meer sitzenden und sinnierenden Dichters gleichermaßen ironisiert und fortschreibt, heißt es:

[…] Ich trank Carlsberg und
ich dachte: Woher kommen die
Worte? Das weiß keiner und wir
kennen uns nicht. Silberhelle
Ostseenacht, ich wurde heiter.

Dirk von Petersdorff: Und endlich sprach niemand mehr. In: Wie es weitergeht. Gedichte. Frankfurt am Main: S. Fischer 1992, S. 55, V. 4–8.

Auch die schleswig-holsteinische Literaturgeschichte ist nicht vor Petersdorffs spöttischem Zugriff gefeit – in einem späteren Gedichtband greift er Detlev von Liliencrons bekannte Rungholt-Ballade Trutz, blanke Hans auf, die hier aber nicht mehr als ehrfurchteinflößende dichterische Leistung erscheint, sondern als denkbar unglamouröser Namensgeber einer höchst banalen Einrichtung:

Kenne dich selbst! Kehrt Leben in sich zurück,
wie jene Apotheken-Kalender behaupten, die in
elterlichen Badezimmern hängen: „Es scheiden
und kehren im Herzen die Adern, und einiges,
ewiges, glühendes Leben ist alles“ –
die Rungholt-Apotheke. Eine Insel ging unter,
vor 500 Jahren. Mit einem Ausflug bin ich über
Rungholt gefahren, spiegelnde See; man hatte
uns Glocken vom Grund versprochen, aber
schon damals hörte ich keine Glocken.

Dirk von Petersdorff: Kenne dich selbst. In: Die Teufel in Arezzo. Gedichte. Frankfurt am Main: S. Fischer 2004, S. 19.

Generell wird die Lyrik in diesen späteren Sammlungen unaufgeregter und stellt ihren immer noch ironischen, aber jetzt auch betont souveränen Umgang mit der Form aus – das „neue Interesse an literarischen Formen“, dass der Creative-Writing-Dozent und Literaturhistoriker Petersdorff für die Gegenwartsliteratur diagnostiziert hat, #6 ist auch in seinen eigenen Texten deutlich sichtbar. Das kann gerade in Kombination mit gewichtigen, traditionellen Themen wie hier dem heiligen Franz von Assisi ebenso gelöst wie komisch wirken:

Mützen so mit Ohrenklappen
waren Mode in Assisi;
edle Stoffe, herrlich fließend,
alles bestens, alles easy.

Dirk von Petersdorff: Verzicht auf die weltlichen Güter. In: Die Teufel in Arezzo. Gedichte. Frankfurt am Main: S. Fischer 2004, S. 8.

Man mag sich bei dieser Kollision von altehrwürdigen Gegenständen und flapsigem Stil auch ein wenig an Peter Rühmkorf erinnert fühlen, von dem Petersdorff 2011 eine Gedichtauswahl herausgegeben hat. #7 Gleichzeitig ist in seinen eigenen späteren Werken ein Hang zur Introspektion, zur Nostalgie und zur Auseinandersetzung mit den Ereignissen und Zufällen der eigenen Lebensgeschichte erkennbar. Immer wieder setzt sich Petersdorff mit der Generation der „Vierzigjährigen“ (so der Titel einer Gedichtgruppe in Nimm den langen Weg nach Haus von 2010) auseinander, die sich nur halbherzig in ihrer bürgerlichen Gesetztheit eingerichtet hat und insgeheim von den Transgressionen der Vergangenheit träumt:

Die Bio-Kiste vor der Tür am Mittwoch,
ich koch den Jungs gefüllte Paprika
und hab am Nachmittag noch die Termine –
ist alles gut, nur muss ich immer denken,
wie Leben schmeckte, als es vor uns lag:
die lange Straße mit dem Bus zum Surfen
und die paar Mark für einen guten Joint
in warmer Nacht auf dem Garagendach.

Dirk von Petersdorff: Sie sitzt auf der Treppe vorm Haus. In: Nimm den langen Weg nach Haus. Gedichte. München: C.H. Beck 2010, S. 87, V. 1–8.

Ein ähnliches Milieu tritt auch in seinem Roman Wie bin ich denn hierhergekommen von 2018 auf – er erzählt vom unspektakulären und etwas ziellosen, aber durchaus abgründigen Alltag einer Gruppe von ehemaligen StudienfreundInnen, die im Leben sehr unterschiedliche Richtungen eingeschlagen haben.

Im Gedichtband Sirenenpop von 2014 wird im Zuge derselben nostalgischen Selbstbefragung auch Kiel thematisiert. Ein Gedicht handelt vom Nord-Ostsee-Kanal als Schauplatz von Kindheitsabenteuern, und ein anderes greift eine etwas rauere Kindheitserinnerung auf, um ironischerweise an eine Reimkunst zu erinnern, die im harten Kontrast mit der formalen Meisterschaft des gereiften Dichters steht:

Ja Kieler Norden, deine Hochhausbanden,
die Feinde baumeln ließen von Garagen,
die Reime „motzen“ – „Zähne kotzen“ fanden,
wir auf dem Parkplatz, über uns Visagen,
Gespür für den Asphalt, gepresst zu Flundern,
und später mussten wir uns nicht mehr wundern.

Dirk von Petersdorff: Hochhausbanden. In: Sirenenpop. Gedichte. München: C.H. Beck 2014, S. 14, V. 5–10.

Und auch in Petersdorffs aktuellstem Gedichtband, Unsere Spiele enden nicht (2021), wird der Norden wieder zum Thema: Wieder in Form von Kindheitserinnerungen, wieder als Auseinandersetzung mit Kiel, wo "die Werftkräne / die wie hohe Tore aussehen" beschworen werden #8, und auch als grundsätzliche Auseinandersetzung desjenigen, der heutzutage woanders lebt, aber immer wieder die "Fahrt nach Norden" antritt:

An einer Raststätte ans Auto gelehnt, Cappuccino-Becher,
Schaum an den Lippen, zusehen, wie der brausende,
im Wechsel warme und kühle Wind
die Obstbaumblüte löst,

so kann ich weiterfahren, über den Flüsterasphalt
zur Elbbrücke, wo Funken von Schweißarbeiten sprühen,
und verstehen: Es ist nicht mehr weit bis zur Sorge,
ich bin bald da, aber nicht fort von der Liebe,
im Norden wie Süden, im zitternden Druck der Hand,
morgens bis abends

fahre ich dorthin, woher ich komm.

Dirk von Petersdorff: Fahrt nach Norden. In: Unsere Spiele enden nicht. Gedichte. München: C.H.Beck 2021, S. 33, V. 12-22.

4.11.2021 Jan Behrs

ANMERKUNGEN

1 Dirk von Petersdorff: In der Bar zum Krokodil. Lieder und Songs als Gedichte, Göttingen 2017.

2 Frieder von Ammon und Dirk von Petersdorff (Hrsg.): Lyrik / Lyrics. Songtexte als Gegenstand der Literaturwissenschaft. Göttingen: Wallstein 2019.

3 Jürgen Egyptien: Art. „Petersdorff, Dirk von“. Killy Literaturlexikon, Bd. 9. Berlin, Boston: De Gruyter 2012.

4 Ebd.,

5 Dirk von Petersdorff: Winter. In: Wie es weitergeht. Gedichte. Frankfurt am Main: Fischer 1992, S. 66, V. 12–13.

6 Dirk von Petersdorff: Wie schreibe ich ein Gedicht? Kreatives Schreiben: Lyrik. Stuttgart: Reclam 2013, S. 11.

7 Peter Rühmkorf: Der Kuss der Erkenntnis. Gedichte. Hrsg. von Dirk von Petersdorff. Stuttgart: Reclam 2011.

8 Dirk von Petersdorff: Fragen zu einer Augustnacht. In: Unsere Spiele enden nicht. Gedichte. München: C.H.Beck 2021, S. 31, V. 2-3.