Hannes Hansen

Hansen, Hannes

Lakonisch, einfühlsam und bilderreich

Geboren in Potsdam am 21. Januar 1940

Sommer liegt über dem Land, das sonnige Wetter wird sich, scheint es, so schnell nicht verabschieden. Ein Ausflug nach Eiderstedt steht heute auf dem Programm.
„Heißt das eigentlich in oder auf Eiderstedt?“, will Otto wissen.
„Gute Frage. Weiß ich auch nicht.“
Damit muss Otto sich zufrieden geben. Tut er aber nicht, sondern stichelt:
„Und so was nennt sich Schriftsteller. Kann nicht mal richtig Deutsch.“
Ich schweige gekränkt, aber, so hoffe ich jedenfalls, voller Würde.
„War nicht so gemeint“, lenkt Otto ein.
„Schon gut“, gebe ich mich großmütig.

Hannes Hansen: Auf der Suche nach Schleswig-Holstein. Geschichte und Geschichten aus dem westlichen Teil des Landes. Kiel: Ludwig 2010, S. 55.

Romane, Reiseberichte, Übersetzungen, unzählige feuilletonistische Beiträge und noch vieles mehr – Hannes Hansen hat nach eigenem Bekunden das, „was man in der Branche ‚einen Bauchladen‘ nennt“,#1 und fühlt sich offenbar sehr wohl damit. 1940 in Potsdam geboren, ist er seit Jahrzehnten eine gewachsene Größe in der Kieler Kulturszene, die er – zusammen mit Christoph Munk – in einem eigenen Blog verfolgt. In seiner Literatur zeigt er sich als ebenso klassischer wie versierter Autor: „Hansen erzählt lakonisch, einfühlsam und bilderreich; dazu kommt ein untrüglicher Eindruck für erzählerische Ökonomie: Manch Kollege hat auf erheblich mehr Seiten erheblich weniger gesagt.“#2

Nach dem Abitur in Kiel hat Hansen Germanistik und Anglistik studiert. Er war Aushilfslehrer in England und Lektor für deutsche Sprache und Literatur in Swansea (Wales) sowie in Dublin; im Anschluss arbeitete er als Gymnasiallehrer in Deutschland. Seit 1994 ist Hansen, der schon früh damit begann, für Zeitungen und den Rundfunk zu schreiben, freier Schriftsteller und Publizist. Bereits acht Jahre zuvor hatte sein Vorschlag, das Marine-Ehrenmal in Laboe durch den Verpackungskünstler Christo verhüllen zu lassen, für Aufsehen gesorgt.#3 Hansen fühlte sich „an einen ‚gewaltigen und gewalttätigen Penis‘ erinnert, der wie eine ‚steingewordene Potenzgeste einer sich entmannt fühlenden Marine‘ in die Luft rage – eine ‚Demonstration von Männlichkeitswahn und Machtgelüsten‘.“#4 Es folgten eine Absage des Künstlers, juristische Scharmützel sowie ein Hausverbot, das aber einige Jahre später aufgehoben wurde.

Erheblich weniger provokant sind hingegen seine Bücher mit Reisefeuilletons – etwa ein Bildband über Granada (1992; Fotos: Hauke Dressler), Hannes Hansens Spaziergänge (1992; 3 Bde.), dann Auf der Suche nach Schleswig-Holstein (2 Bde., 2009/10) sowie Auf der Suche nach Frankreich (2011). Alle enthalten Texte, in denen sich kulturelle Besonderheiten mit dem subjektiven Blick des Verfassers und viel Humor vermischen:

Aber wir sind jetzt am Wikingerturm in Schleswig, und Otto findet, ich könnte mal langsam aufhören herumzumähren. Doch weil er auf den Wiesen rund um diese Hochhausmoderne von gestern gerade wieder einmal ein paar von seinen geliebten Rindviechern entdeckt hat, die er – „gib mir mal das Fernglas“ – so schnell nicht identifizieren kann, lässt er mich weiter sinnieren. Die Rindviecher, die sich bei genauerem Hinschauen als ordinäre Holsteiner entpuppen, sind nämlich genau das Problem. Die herrische architektonische Geste des Apartmenthauses, die dem staunenden Publikum verkündet, man sei in Schleswig angekommen in der Welt der Großarchitektur à la Corbusier, Mies oder Niemeyer, will nicht passen zu der flachen Schleilandschaft, zu den Wiesen, Weiden und glitzernden Wasserflächen ringsum. Und dass sie konkurriert mit dem Dom auf der anderen Schleiseite, der die niedrigen Häuser der Altstadt um sich versammelt wie ein Hirte seine Schafe, stört die städtebauliche Harmonie empfindlich. Doch immerhin, der Blick vom Café im obersten Stockwerk auf die Umgebung ist wunderschön. Wenn es denn auf hätte. Es ist aber geschlossen.

Hannes Hansen: Auf der Suche nach Schleswig-Holstein. Geschichte und Geschichten aus dem östlichen Teil des Landes. Kiel: Ludwig 2009, S. 21f.

Neben weiteren Sachbüchern – Rund um Rum (2020) – veröffentlicht Hansen Literatur. Nach der „surrealistischen Kriminalgeschichte“ Die Rilketerroristen (1995) erschien 2002 im Rahmen der kurzlebigen „Kieler Edition“ die Novelle Die Stelle war gut gewählt, das „Drama eines Mannes, dem das Trugbild des Lebens fremd geworden ist“. #5 Jenes volle satte Gelb mit dem Untertitel Zeitgeschichtlicher Roman aus der Wendezeit (2019) ist hingegen eine Hommage an Hansens Geburtsstadt Potsdam und damit an seine Heimat:

Heimat ist das, was man erkennt, wenn man nicht mehr dort ist – ich glaube, das stimmt. Wer irgendwo zuhause ist, dem wird das so selbstverständlich, dass er darüber nicht mehr nachdenkt. Erst, wenn man weg ist, wird die Heimat zu einem Ort der Erinnerung und der Nostalgie. Und das zieht manche Leute so in ihren Bann, dass sie die Gegenwart nicht mehr wahrnehmen.

Zit. n. Kai U. Jürgens: Heimat erkennt man, wenn man fort ist. In: Kieler Nachrichten, 5. November 2019.

2020 erwies sich Hansens Idee, nach dem Vorbild von Boccaccio ein Schleswig-Holsteinisches Dekameron zu begründen, als ausgesprochen erfolgreich: Zu den zahlreichen Autorinnen und Autoren, die hierfür Geschichten einreichten, gehören u.a. Ingrid Glienke, Cornelia Leymann, Heiko Buhr, Reimer Eilers, Jörg Meyer und Henning Schöttke.

Hannes Hansen lebt und arbeitet in Kiel.

25.6.2021 Kai U. Jürgens

ANMERKUNGEN

1 https://www.edition-grabener.de/index.php/autoren. Letzter Aufruf 23.6.2021.

2 Kai U. Jürgens: Liebesgrüße an die Gelbe Stadt. Hannes Hansens Potsdam-Roman. In: Kieler Nachrichten, 5. November 2019.

3 Hannes Hansen: Vorschlag, das Marine-Ehrenmal zu Laboe von dem amerikanischen Künstler Christo einpacken zu lassen. Kiel 1986.

4 NN: Gewaltiger Rammsporn. Traditionsbewußte Seefahrer kämpfen gegen Pläne, ein aus der Nazizeit stammendes Ehrenmal umzugestalten.In: Der Spiegel, Nr. 30/1986.

5 Hannes Hansen: Die Stelle war gut gewählt. Kieler Edition, Bd. 1. Kiel 2002, Klappentext.