Wissenswertes

Um zu den klassischen Ostseebädern Schleswig-Holsteins zu gehören, liegt die Stadt Lütjenburg etwas zu weit landeinwärts: etwa fünf Kilometer sind es von hier zu den nächstgelegenen Stränden. Dass etliche Badeurlauber*Innen trotzdem den Weg hierher finden, hat nicht nur mit den Einkaufsmöglichkeiten zu tun, die sie hier antreffen, sondern auch mit der reizvollen Innenstadt, die einen Eindruck von der ehrwürdigen Geschichte der Stadt gibt – die Kirche St. Michaelis ist die älteste Backsteinkirche im Ostseeraum und geht auf einen Vorgängerbau aus dem 12. Jahrhundert zurück. Und selbst aus der vorchristlichen Zeit gibt es Hinweise auf den Ort: Schon Helmold von Bosau, der mit Abstand älteste Autor des „Literaturlandes“, erwähnt ein slawisches „Lutilinburg“. Bereits vor 1238 (und damit zum Beispiel vor Kiel oder Eutin) erhielt der Ort das Stadtrecht. Etwas außerhalb der Stadt hat man eine mittelalterliche Turmhügelburg aus der Zeit der Christianisierung nachgebaut, die besichtigt werden kann – gleich nebenan befindet sich auch das Eiszeitmuseum.

In den folgenden Jahrhunderten konnte sich die Stadt, die überwiegend von der Landwirtschaft lebte, nicht so schnell entwickeln wie etwa Kiel oder Neustadt – signifikantes Wachstum setzte erst im 18. Jahrhundert ein. 1826 brannte ein großer Teil der Stadt nieder, darunter auch der Kirchturm. Im späten 19. Jahrhundert erhielt Lütjenburg Anschluss an die Eisenbahn (1892 – der Personenverkehr wurde jedoch 1976 eingestellt) sowie mit dem Bismarckturm (1898) eins seiner Wahrzeichen – von hier aus kann man, gutes Wetter vorausgesetzt, bis nach Oldenburg oder Fehmarn sehen.  

Wie in Schleswig-Holstein nicht unüblich, stieg die Einwohner*Innenzahl von Lütjenburg nach dem Zweiten Weltkrieg durch den Zuzug zahlreicher Flüchtlinge dramatisch an. Von 1962 bis 2012 unterhielt außerdem die Bundeswehr eine Kaserne in der Stadt, was weiteren Zuzug brachte. Heute hat die Stadt etwa 5.500 Bewohner*Innen.

Am Markt mitten im historischen Zentrum der Stadt befindet sich die Touristinformation Lütjenburg. Ebenfalls direkt am Markt liegt in der Plöner Str. 2 die Stadtbücherei.

Literarisches

Angesichts der langen Geschichte der Stadt ist es überraschend, dass Lütjenburg literarisch erst relativ spät in Erscheinung tritt: Die Literaturland-Datenbank verzeichnet für die Zeit vor 1900 lediglich zwei recht obskure Figuren, den Dichter Johann Wilhelm Theodor Carstenn (*1816), der hier in den 1840er Jahren als Lehrer arbeitete, sowie den niederdeutschen Erzähler Adolf Schetelig (*1846), der eine Zeitlang Lütjenburger Stadtkassierer war.

Spannender wird es im 20. Jahrhundert: Hans Eppendorfer, der später als verurteilter Mörder und Schriftsteller zur Skandalfigur der Hamburger Bohème wurde, wurde 1942 als Hans-Peter Reichelt in Lütjenburg geboren.

Das Interesse am Hamburger Stadtteil St. Pauli teilt Eppendorfer mit einem weiteren Lütjenburger Schriftsteller: Rocko Schamoni, der 1966 hier geboren wurde. Anders als Eppendorfer hat sich Schamoni in seinen Werken durchaus intensiv mit seiner Heimatstadt auseinandergesetzt: In seinem erfolgreichen Roman Dorfpunks von 2004 tritt sie als „Schmalenstedt“ auf und dient den Protagonist*Innen vor allem als Negativfolie, an der sie sich vor der Flucht in die Großstadt abarbeiten müssen. Für seinen Roman Der Jaeger und sein Meister (2021), der die Geschichte des in Bad Oldesloe gestorbenen Malers und Komikers Heino Jaeger erzählt, hat Schamoni ein langes, persönliches Vorwort geschrieben, das aus heutiger Perspektive auf die Stadt blickt und sich auf nachdenkliche Weise erneut mit der Frage beschäftigt, was es bedeutet, hier aufzuwachsen.

Für das gegenwärtige literarische Leben der Stadt steht der Kleine Kulturkreis Lütjenburg und Umgebung, der seit 1988 ein beachtliches literarisches Veranstaltungsprogramm auf die Bühne bringt. Neben Schamoni sind hier schleswig-holsteinische Künstler*Innen wie Sarah Kirsch, Jochen Missfeldt oder Arno Surminski aufgetreten.

In der Umgebung

Obwohl historisch gesehen eher nach Lübeck orientiert, liegt Lütjenburg nicht weit von der Landeshauptstadt Kiel, die mit dem Auto in etwa 35 Minuten zu erreichen ist. Noch näher liegen die Kreisstadt Plön sowie Preetz, die größte Stadt des Kreises: Sie sind jeweils ca. 20 km entfernt. Kirchnüchel, der Geburtsort von Julius Stinde, liegt 13 km im Süden; in dieselbe Richtung geht es auch weiter nach Eutin, die Stadt von Johann Heinrich Voß, Carl Maria von Weber und vielen anderen.

12.5.2022 Jan Behrs