WISSENSWERTES

Die Gründung von Heide, der heute größten Stadt des Kreises Dithmarschen, erfolgte aus pragmatischen Gründen: Im 14. Jahrhundert sollen vier Dörfer auf dem zwischen ihnen liegenden Gebiet „Uppe de Heyde“ ein gemeinschaftlich genutztes Gebäude errichtet haben – ob es eine Kapelle war oder doch eher ein Wirtshaus, darüber sind die geschichtlichen Quellen unterschiedlicher Meinung. Obwohl der Ort damit viel jünger ist als das nicht weit entfernte Meldorf, wuchs er aufgrund seiner günstigen Lage rasch an Einwohnerzahl und Bedeutung und wurde schon im 15. Jahrhundert zu einem der Hauptorte der Dithmarscher Bauernrepublik. Weil hier zu den Landesversammlungen alle wehrfähigen Männer auf dem Marktplatz erscheinen sollten, ist dieser bis heute gigantisch groß – er wird überwiegend als Parkplatz verwendet, beherbergt aber auch in der Gegenwart noch einen Wochenmarkt. In der „Letzten Fehde“, in der Dithmarschen 1559 seine Eigenständigkeit verlor, wurde Heide komplett zerstört, erlangte aber schnell wieder seine Bedeutung als Verwaltungszentrum – die Kirche St. Jürgen am Marktplatz wurde bereits 1560 neu geweiht und ist in dieser Form im Wesentlichen bis heute erhalten. 1870 erhielt Heide das Stadtrecht, nachdem der Ort schon 1867 unter der neuen preußischen Herrschaft zum Hauptort des Kreises Norderdithmarschen geworden war. 1877 wurde Heide von Neumünster aus an das Eisenbahnnetz angeschlossen, und ein Jahr später folgte die Anbindung an die Marschbahn von Hamburg bis zunächst nach Husum. Wie ganz Dithmarschen war auch Heide eine Hochburg der Nationalsozialisten, die hier bereits etliche Jahre vor der Machtergreifung große Wahlerfolge erzielten.

In der unmittelbaren Nachkriegszeit wuchs die Bevölkerungszahl in Heide wie in den meisten schleswig-holsteinischen Städten durch Zuzug aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten enorm an und erreichte 1947 mit über 23.000 Einwohner*Innen einen historischen Höchststand. Heute leben in der Stadt knapp 22.000 Menschen. Als 1970 die Kreise Norder- und Süderdithmarschen zusammengeschlossen wurden, blieb Heide Kreisstadt des neuen Kreises.

Literarisches

Nur ein paar Schritte vom Marktplatz entfernt befindet sich Lüttenheid, ein ehemaliges Handwerkerviertel. Hier haben gleich zwei überregional berühmte Künstler des 19. Jahrhunderts ihre Wurzeln: Der Vater von Johannes Brahms stammte von hier, und der in Hamburg geborene Komponist verbrachte viel Zeit im Wohnhaus seines Großvaters, dem heutigen Brahms-Haus (Lüttenheid 34). Gleich um die Ecke wuchs der bis heute bekannteste niederdeutsche Dichter Schleswig-Holsteins auf: Klaus Groth wurde 1819 im Haus Lüttenheid 48 geboren und verbrachte seine gesamte Kindheit im Mikrokosmos des Viertels. Er hat sich auf diesen Ort in seinen Werken immer wieder voller Sympathie und Sehnsucht bezogen, etwa in der Erzählung Vun den Lüttenheid aus der Sammlung mit dem vielsagenden Titel Ut Min Jungsparadies:

An unse grote Spelplatz, mit en fröhere Sandkul un hin un wedder en ol Kastanje un Eschen op den Husknüll vœr de Dœrn, stunn op de een Enn en Reeg vun en half Dutz lüttje Wahnungen mit meistens man een Stuv, en lütt Kœk, en Bœhnluk, wo de Törf rin keem un en beten Krutgarn achter, wo lüttje röhrige Handwarkers un Arbeiders in wahn, jeder op sin egen Placken.

Klaus Groth: Ut Min Jungsparadies. Dree Vertelln. Berlin: Stilke 1876, S. 83f.

Nach einer Zeit auf dem Lehrerseminar in Tondern kehrte Groth zunächst nach Heide zurück, um hier als Lehrer zu arbeiten. 1847 schied er jedoch aus dem Schuldienst aus und ging nach Fehmarn, wo mit dem Quickborn sein berühmtestes Werk entstand.

Seine Heimatstadt hat sich schon zu dessen Lebzeiten um den berühmten Sohn bemüht: Zu seinem 80. Geburtstag erhielt er 1899 die Ehrenbürgerwürde, seit 1949 kümmert sich die in Heide ansässige Klaus-Groth-Gesellschaft um sein Werk, und bereits 1914 wurde in seinem Geburtshaus ein Museum eingerichtet. Heute ist es Teil der Heider Museumsinsel, die außerdem über die Stadtgeschichte informiert und Arbeiten des Malers und Bildhauers Nicolaus Bachmann sowie des Comic-Pioniers Rudolph Dirks (Katzenjammer Kids) zeigt.

Bereits zehn Jahre vor Groth wurde in Heide eine weitere bedeutende niederdeutsche Schriftstellerin geboren: Sophie Dethleffs (1809-1864) war die Autorin des seinerzeit berühmten Gedichts De Fahrt na de Isenbahn, das 1850 (zusammen mit StormsImmensee) in Karl Leonhard Biernatzkis Volksbuch auf das Jahr 1850 gedruckt und zum Überraschungserfolg wurde. Klaus Groth, der zu Lebzeiten ein eher schwieriges Verhältnis zu Dethleffs hatte, verfasste nach ihrem Tod ein Gedicht für ihren in Hamburg stehenden Grabstein.

Ebenfalls aus dem Stadtviertel Lüttenheid stammt die niederdeutsche Dichterin Hela Sander (eigentlich Helene Krüger): Sie wurde 1879 hier geboren.

Seit 1950 lebte der in Flensburg geborene und in Kiel aufgewachsene Schriftsteller Waldemar Krause in Heide, wo er 2006 auch starb. Krause schrieb auf Hoch- und Niederdeutsch, unter anderem für die Dithmarscher Landeszeitung.

Ein weiterer Sohn Heides ist der 1949 geborene facettenreiche Romancier Heiner Egge. Sein Werk ist mit der Landschaft und auch der Literaturgeschichte Dithmarschens eng verbunden: Der erste Roman Niebuhrslust beschäftigte sich mit Carsten Niebuhr, 2004 kreiste sein Roman In der Kajüte um Klaus Groth, und 2011 setzte er sich in Winterreise in den Süden erneut mit diesem Schriftsteller auseinander, dem er als langjähriger Sekretär der Klaus-Groth-Gesellschaft auch in anderer Weise verbunden war. Seit 1998 wohnt er unweit von Heide in der Nähe von Hennstedt.

In der Umgebung

Auf der Bundesstraße 5 gelangt man in Richtung Süden zunächst nach Hemmingstedt, Ort der berühmten Schlacht von 1500, in der Dithmarschen seine Eigenständigkeit bewahren konnte. Noch weiter südlich (von Heide aus gesehen etwa 15 km) liegt Meldorf, literarisch verbunden mit Carsten Niebuhr und Heinrich Christian Boie, die beide seit dem späten 18. Jahrhundert hier wohnten. Im Westen, Richtung Nordseeküste, gelangt man in die Hebbel-Stadt Wesselburen. Ins Landesinnere hingegen sind es etwa 20 Autominuten an den äußersten Rand von Dithmarschen, nach Tielenhemme. Hier lebte seit den 1980er Jahren die Dichterin Sarah Kirsch in ländlicher Idylle in einem alten Schulhaus.

4.12.2021 Jan Behrs