Wolfgang Beutin

Beutin, Wolfgang

Literaturwissenschaft, Sprachkritik und Literatur

Geboren in Bremen am 2. April 1934

Wolfgang Beutin wurde am 2. April 1934 geboren und wuchs in Bremen, Güstrow, Berlin und Breslau auf. Er wurde nachhaltig von den Ereignissen des Zweiten Weltkriegs geprägt, die er später in seinen Romanen verarbeiten sollte. #1 Beutin las in seiner Jugend viel: „Wilhelm Raabe, Wilhelm Busch und Fritz Reuter waren die Lieblingsautoren seines Großvaters, deren Werke er als Kind verschlang, vor allem die von Fritz Reuter.“ #2 Nach dem Abitur im Jahr 1953 studierte Beutin Germanistik und Geschichtswissenschaft in Hamburg und Saarbrücken. 1963 wurde er promoviert, arbeitete bis 1968 als wissenschaftlicher Assistent und übernahm von 1971 bis 1999 eine Dozentur als Germanist an der Universität Hamburg. Parallel dazu hatte er von 1990 bis 2006 eine Gastdozentur für das Gebiet Sprachkritik an der Universität Lüneburg inne. Beutin habilitierte sich 1996 an der Universität Bremen mit einer Untersuchung über „Sexualität und Obszönität“ und war dort als Privatdozent tätig. Unterdessen ist er im Ruhestand, was aber weitere Veröffentlichungen keineswegs ausschließt; seine Forschungsgebiete sind die Literaturgeschichte der frühen Neuzeit und des 18. bis 20. Jahrhunderts, Frauenmystik sowie psychoanalytische Literaturuntersuchung. #3 Beutins berufliche Laufbahn „begleiteten seit den 1970er Jahren bis 1999 diverse arbeitsgerichtliche Auseinandersetzungen im Zuge der Berufsverbote in der Bundesrepublik Deutschland, die 1999 mit einem Vergleich und Schadensersatzzahlung seitens der Universität Hamburg endeten“. #4 Beutin lebt und arbeitet in Köthel.

Literatur veröffentlicht Beutin seit Mitte der 1950er Jahre, zu seinem Portfolio gehören Romane, Erzählungen, Bühnenstücke sowie Hör- und Fernsehspiele. 1985 erschien Das Jahr in Güstrow und damit jener Roman, der seine „Beelzow-Saga“ einleitet.

Was da nun jedoch vor uns lag, sich vor dem Zugfenster zeigte, es ließ sich mit einem Blick erfassen: von unendlichen Tannenwäldern, die es umstanden, zusammengedrückt. Das durfte man uns doch wohl nicht antun, diese Winzigkeit von einer Stadt? Was ich wahrnahm, Stadt in meinem Sinne stellte es jedenfalls nie und nimmer dar, Größe und Weite nicht. […] Dies ziegelrote Dächergeriffel, von der Abendsonne ohne Not in zusätzliche Röte getunkt, überragt von zwei oder drei häßlichen Fabrikschornsteinen, außerdem von Kirchtürmen in gleicher Anzahl? Konnte dies tatsächlich Güstrow sein –?

Wolfgang Beutin: Das Jahr in Güstrow. Dortmund 1985, S. 11.

Es ist tatsächlich Güstrow, das die Bremerin Else Beelzow mit ihren beiden Kindern gegen Ende des Zweiten Weltkriegs erreicht und wo sie u.a. den Einmarsch der Roten Armee erleben wird. „In diesem Roman Beutins, der wohl in weiten Teilen autobiographischen Charakter hat, ist alles das enthalten, was uns die Geschichtsbücher nicht liefern können: nachvollziehbare Einzelschicksale, Darstellung höchst unterschiedlicher Charaktere und vor allem die psychischen Kapriolen, denen der 10jährige Protagonist Lothar Beelzow schutzlos ausgeliefert ist.“ #6 Und weiter: „Das Jahr in Güstrow ist ein gelungenes Stück poetischer Geschichtsunterricht, vergleichbar nicht nur mit Werken von Peter Härtling, sondern auch mit denen von Walter Kempowski und Hermann Lenz.“ #7 Beutin setzte die Beelzow-Saga mit Wanderer im Wind (1991) fort, wobei der von lebhafter Presseberichterstattung begleitete Roman zwei Ausstellungen im Elbschifffahrtsmuseum Lauenburg und im Staatsarchiv Bremen nach sie zog. Das Buch selbst ist ein Familienroman „mit Ewigkeitsthemen von den Wechselfällen des Lebens, Liebe und Tod. Hier mögen sich Reminiszenzen einstellen an berühmte Vorläufer wie Zolas Rougon-Macquart-Zyklus, Thomas MannsBuddenbrooks, Galsworthys Forsyte-Saga u.a., die der promovierte Literaturwissenschaftler und Schriftsteller Wolfgang Beutin selbstverständlich kennt und schätzt.“ #8 2013 folgte mit Der Nebler der dritte Band der Saga, die 2016 mit „Alarm für die deutsche Bucht!“ einen vorläufigen Abschluss findet, denn die Bände fünf und sechs sind zumindest „angedacht“. #9

Seit 2009 veröffentlicht der von Bockel-Verlag die Reihe Beutin-Texte, in der – neben Erzählungen und Aphorismen – etwa Studien zu Leben und Werk des pazifistischen Schriftstellers Kurt Hiller (2010) und der biographische Roman über die „rote“ Bürgermeisterin Margarete Mahn (2011) erschienen sind. Daneben hat Wolfgang Beutin zahlreiche zumeist wissenschaftliche Anthologien herausgegeben.

1956 und 1957 wurde Wolfgang Beutin mit dem Kurt-Tucholsky-Preis ausgezeichnet. Der von Bockel-Verlag unterhält eine Homepage, die über das Werk von Beutin informiert.

20.8.2022 Kai U. Jürgens

ANMERKUNGEN

1  Hans Wollschläger: Einige Randbemerkungen für Wolfgang Beutin zur Resignation. In: Wolfgang Beutin, Die Revolution tritt in die Literatur. Beiträge zur Literatur- und Ideengeschichte von Thomas Müntzer bis Primo Levi, Frankfurt a. M. 1999, S. 11–24, hier S. 19.

2 Vgl. Wolfgang Beutin. In: Wikipedia, https://de.wikipedia.org/wiki/Wolfgang_Beutin.

3 Rolf Blase: Germanist, Historiker, Belletristiker. Bücher sind sein Leben: Wolfgang Beutin aus Köthel schreibt viel und besonders gern über Schriftsteller aus Schleswig-Holstein. In: Stormarner Tageblatt, 10. Juli 2013, zit. n. https://www.shz.de/lokales/stormarner-tageblatt/germanist-historiker-belletristiker-id3360646.html.

4 Vgl. PD Dr. phil. Wolfgang Beutin. https://www.uni-bremen.de/fb-10/fachbereich/wissenschaftlerinnen-wissenschaftler/pd-ruhestand/dr-phil-wolfgang-beutin.

5 Wolfgang Beutin, wie Anm. 2.

6 Peter Mohr: Ein gutes Stück Trauerarbeit. Über Wolfgang Beutins Roman „Das Jahr in Güstrow“. In: Kultur & Gesellschaft, Nr. 2, Februar 1986, S. 18. Zit. n. http://www.wolfgang-beutin.de/DasJahrinGuestrow.html.

7 Ebd.

8 Eberhard Hilscher: Erinnerungen an den guten Geist des Großvaters. Beutins Familienroman „Der Wanderer im Wind“. In: Neue Zeit (Berlin), 29. Oktober 1991. Zit. n. http://www.wolfgang-beutin.de/WandererimWind.html.

9 Rolf Blase: Germanist, Historiker, Belletristiker, wie Anm. 3.