Eliza Wille

Wille, Eliza

Liberale Schriftstellerin mit Sehnsucht nach dem Norden

Geboren in Itzehoe am 9. März 1809
Gestorben in Meilen (Kanton Zürich) am 23. Dezember 1893

Sie kam in Holstein zur Welt, erlebte den Gipfel ihrer Anerkennung aber in der Schweiz: Die Dichterin und Romanautorin Eliza Wille machte sich nicht nur als Schriftstellerin, sondern auch als Salonnière und Freundin Richard Wagners einen Namen. Geboren wurde sie als Gundalene Elisabeth Sloman 1809 in Itzehoe, und zwar in überaus privilegierte und kosmopolitische Verhältnisse: Ihr Vater war der deutsch-englische Reeder Robert Miles Sloman, der in Hamburg eine ausgesprochen einträgliche (und bis heute bestehende) Firma betrieb, und ihre Mutter stammte aus Friesland und war die Tochter des Föhrer Gröndlandfahrers Hinrich Brarens. Die Familie war nicht nur reich, sondern auch gebildet und kulturinteressiert:

Nie hat ein junges Mädchen sich nach eigenem Gefühl und freier entwickeln dürfen als ich […]. Wir Töchter waren in keine Schule geschickt worden, Lehrer und Gouvernante besorgten den Unterricht, fremde Sprachen gehörten zur gesellschaftlichen Bildung, der Vater sprach Englisch mit und Kindern, es war seine Muttersprache; mit unsrer Mutter und unter uns sprachen wir Deutsch, mit der Gouvernante Französisch. Zeichnen, Musik, Tanzen, etwas Geographie und Geschichte, die Anfänge der Literatur sollten wir lernen – von den Eltern lernten wir leben, lieben, dankbar sein, dienen und gehorchen.

Eliza Wille: Fünfzehn Briefe von Richard Wagner. Nebst Erinnerungen und Erläuterungen. Deutsche Rundschau Bd. 80 (1887), S. 250-276 u. 390-416, hier S. 254.

Angesichts einer derart kunstsinnigen und bemittelten Umgebung ist es nicht überraschend, dass sich die Heranwachsende zur Literatur hingezogen fühlte: 1835 erschien bei Hoffmann und Campe mit dem Sang des fremden Sängers ihr erstes Werk, das wegen seiner liberalen Haltung und „Polenschwärmerei“ von der Zensur verboten wurde, ein Jahr später ein Band mit harmloseren Dichtungen. 1845 heiratete sie den Journalisten und Politiker François Wille. Weil beide sich im Revolutionsjahr 1848 für die liberale Sache engagierten und ihr Mann Mitglied des Vorparlaments in Frankfurt war, mussten sie nach dem Scheitern der Revolution das Land verlassen und gingen nach Meilen bei Zürich, wo sie auf dem Gut Mariafeld einen gastfreundlichen Hausstand gründeten: In den kommenden Jahrzehnten sollten sich dort Künstler wie Georg Herwegh, Conrad Ferdinand Meyer, Gottfried Keller oder Theodor Mommsen einfinden. Der berühmteste Freund der Willes in jener Zeit war jedoch Richard Wagner, dessen Briefe an Eliza dieselbe mit eigenen Anmerkungen 1887 in der Deutschen Rundschau und später auch als Buch veröffentlichte. Hier findet sich auch eine Beschreibung des Mariafelder Anwesens, die deutlich macht, dass es den Willes auch in der Schweiz an nichts fehlte:

Mariafeld liegt wohl eine Meile von Zürich entfernt in einer durch Thätigkeit und Fleiß blühenden Gegend; zerlumpte Armuth thut hier nicht dem Auge weh. […] Mariafeld war still und einsam: hier konnten wir zu uns selbst kommen.

Eliza Wille: Fünfzehn Briefe von Richard Wagner. Nebst Erinnerungen und Erläuterungen. Deutsche Rundschau Bd. 80 (1887), S. 250-276 u. 390-416, hier S. 259.

Auch in den kommoden Verhältnissen im Exil dachte Eliza Wille aber weiterhin an Hamburg und Schleswig-Holstein: „Das Heimweh ist nicht nur eines Schweizers Sehnsucht nach seinen Bergen, auch wir Kinder der Ebene wissen davon zu sagen.“ #1 Dementsprechend setzt sie sich in ihren Werken immer wieder mit dem Norden auseinander, etwa in ihrem großangelegten norddeutschen Bildungsroman Johannes Olaf (1871), dessen Handlung auf der Insel Föhr beginnt:

 

Man fuhr eine Strecke den Deich entlang; ruhig lag das Meer, eine unübersehbare, blitzende, blaue Fläche, nur von fern tönte ein gedämpftes Brausen herüber. Dann ging der Weg landeinwärts die Marsch hinüber, zwischen hohe Kornfelder. Gerste und Weizen standen schon zur Ernte reif, ein Meer von Halmen […].

Eliza Wille: Johannes Olaf. Roman. 3 Bde., Leipzig: Brockhaus 1871, hier Bd. 1., S. 4.

In ihrem 1878 erschienenen Text Stilleben in bewegter Zeit erzählt sie die Geschichte ihrer Eltern und begibt sich deswegen erneut nach Schleswig-Holstein, wohin Robert Miles Sloman wegen der napoleonischen Wirren mit seinem Geschäft geflüchtet war:

Es war im Jahre 1803, als in die kleine Stadt Tönning an der Eider, die ihre gelblich fließenden trüben Wasser in die Nordsee gießt, ein reges Leben kam, denn die Herzogthümer Schleswig-Holstein, die zur Rechten und zur Linken des Flusses liegen, gehörten zum neutralen Dänemark, und Krieg und Unheil waren ringsum ausgebrochen.

Eliza Wille: Stilleben in bewegter Zeit. 3 Bde., Leipzig: Brockhaus 1878, hier Bd. 1., S. 3.

Wille verbrachte den Rest ihres Lebens in Mariafeld. Ihr im Revolutionsjahr 1848 noch in Hamburg geborener Sohn Ulrich wurde als Schweizer General im Ersten Weltkrieg eine legendäre und umstrittene Figur. Die Schriftstellerin Annemarie Schwarzenbach ist ihre Urenkelin.

24.5.2022 Jan Behrs

ANMERKUNGEN

1 Eliza Wille: Fünfzehn Briefe von Richard Wagner. Nebst Erinnerungen und Erläuterungen. Deutsche Rundschau Bd. 80 (1887), S. 250-276 u. 390-416, hier S. 259.