Simon Urban

Urban, Simon

Spezialist für literarische Gedankenspiele zwischen „U“ und „E“

Geboren in Hagen 1975

Lebt in Hamburg und Techau

Simon Urban ist in drei Berufsfeldern tätig, die alle drei mit dem Schreiben zu tun haben: Er ist Journalist, Werbetexter und Romanautor. Wer seine literarischen Texte kennt, merkt durchaus, wie diese vom Talent des Autors zu originellen und geistreichen Themen und Formulierungen profitieren: die Mehrfachbegabung erweist sich als überaus produktiv.

Urban wurde 1975 in Hagen geboren und studierte von 1998 bis 2005 Germanistik in Münster. In dieser Zeit arbeitete er auch als freier Journalist (unter anderem bei den Lübecker Nachrichten) und machte eine Ausbildung bei der Texterschmiede Hamburg. Es folgte ein Studium am Deutschen Literaturinstitut Leipzig und zeitgleich der Beginn seiner Karriere in der Werbebranche. Schon vor Erscheinen seines ersten Buchs brachte ihn sein Beruf als Werbetexter auf die Bühne eines Literaturhauses: Für die Agentur Scholz & Friends gestaltete er 2009 eine „Literarische Werbepause“ und las im Literaturhaus Hamburg ironische Gedichte über Nahrungsmittel, die auf den Auftraggeber „Doppelherz“ hinweisen sollten.#1 2011 erschien dann Urbans erster Roman Plan D, der ein großer Erfolg wurde und in nicht weniger als 11 Sprachen übersetzt wurde. In ihm entwirft Urban eine alternative Realität, in der die DDR nicht untergegangen ist, sondern sich retten konnte, dabei allerdings zu einem tristen Reich der Desillusionierung entwickelt hat, das hauptsächlich vom Transit fossiler Brennstoffe in den Westen lebt. Vor diesem Hintergrund entfaltet er eine vertrackte Spionagegeschichte, die es ihm ermöglicht, auf unterhaltsame Weise die politischen Abgründe der deutschen Geschichte auszuloten. Natürlich lässt sich der Werbetexter auch nicht die Möglichkeit entgehen, seinen geschulten Blick für die Warenform nun auf die fiktive DDR anzuwenden, wenn es etwa um das Logo der SED geht:

Das eiserne Ei prangte fünf Meter hoch an der rechten Gebäudekante, gefüllt mit zum Kranz gewundener Schrift, Sozialistische Einheitspartei Deutschlands, in der Mitte der harte Handschlag, die eckigen Fingerlinien, die vor lauter Logoabstraktion zum irritierenden Raster wurden, zu einem in sich verschobenen Gefängnisgitter.

Simon Urban: Plan D. Roman. Frankfurt am Main: Schöffling & Co. 2011, S. 84.

Das Talent zu literarischen Gedankenspielen, das Plan D bereits unter Beweis gestellt hatte, kommt in Urbans nächstem Roman Gondwana (2014) noch stärker zum Tragen. Hier geht es um eine nahe Zukunft, in der die monotheistischen Weltreligionen ihre Rivalitäten beigelegt haben und auf einem theokratischen Atoll im Pazifik scheinbar harmonisch koexistieren. Auch bei Gondwana handelt es sich um eine Kriminalgeschichte, die wie schon der Vorgänger etliche Genre-Klischees des Hardboiled-Krimis aufgreift, aber gleichzeitig nicht ganz ernst nimmt. Am Ende dieses entschieden antiklerikalen Thrillers steht hier sogar eine völlige Dekonstruktion der Erzählerfigur, die nur auf den ersten Blick dem Idealbild des abgehalfterten Macho-Detektivs entspricht. Innovativ ist das Buch nicht zuletzt durch die Einbeziehung von Comics (gezeichnet von Ralph Niese), die den Romanplot ergänzen.

2019 erschien die Erzählung Nachspiel, die im Auftrag des SWR und des NDR entstand und von diesen unter dem Titel Exit verfilmt wurde.

Der neue Roman Wie alles begann und wer dabei umkam (2021) ist Urbans bisher ambitioniertestes Werk – er ist ebenso welthaltig und politisch wie seine Vorgänger und hat darüber hinaus einen vielschichtigen Protagonisten zu bieten, den man beim Lesen nicht liebgewinnt, aber als Charakter ernstnimmt. Erzählt wird die Geschichte von Justus Hartmann – der Name ist Programm –, einem Freiburger Jurastudenten, dem das geltende Recht nicht konsequent genug ist und der sich deswegen daran macht, ein brachialeres Alternativrecht zu entwerfen:

eine Art inoffizielle Rechtswissenschaft, die sich nicht an der Mainstream-Moral und juristischen Modeerscheinungen der wechselnden Jahrhunderte […] orientierte, sondern an nichts anderem als der erforderlichen Härte zur Wiederherstellung von tatsächlicher Gerechtigkeit; sozusagen eine dunkle Seite des Rechts […].

Simon Urban: Wie alles begann und wer dabei umkam. Roman. Köln: Kiepenheuer & Witsch 2021, S. 170f.

Diese dunkle Seite des Rechts setzt Hartmann dann auch um, wobei die im Roman geschilderten Akte der Selbstjustiz wohl nur der Anfang seiner diesbezüglichen Karriere sind. Dass das trotz des nicht unbedingt einnehmenden Charakters des Protagonisten und der durchaus gewichtigen Thematik unterhaltsam zu lesen ist, bestätigt die Selbsteinschätzung des Autors, der von sich sagt, er

sitze sehr gerne und gut zwischen den Stühlen von E- und U-Literatur. In Deutschland, so mein Eindruck, existiert noch immer eine recht strikte Trennung von Unterhaltungsliteratur und ernsthafter Literatur, anders als beispielsweise in den USA, wo diese Bereiche viel konsequenter und lustvoller verquickt werden, ohne dass sich jemand wundert.

Interview mit Simon Urban. In: Szene Hamburg, Februar 2021. Link (letzter Aufruf 25.5.21).

Diese Vermischung von Anspruch und Unterhaltung nimmt Urban in seinen Texten sehr konsequent vor, und das mit einigem Erfolg: 2005 erhielt er den Förderpreis des Literaturpreises Ruhr, und 2012 wurde Plan D mit dem Stuttgarter Krimipreis ausgezeichnet. Wie alles begann ... erhielt 2020 den Hamburger Literaturpreis. Urban lebt in Hamburg und in Techau, einem Ortsteil von Ratekau in Ostholstein.

27.5.2021Jan Behrs

ANMERKUNGEN

1 Scholz & Friends: Literarische Werbepause. Link (letzter Aufruf 24.5.21)