Karen Duve

Duve, Karen

Sprachgewalt und Einfallsreichtum

Geboren in Hamburg am 16. November 1961

Mit ihrem ersten Langprosatext, dem 1999 erschienenen Regenroman, gelingt ihr quasi auf Anhieb der Durchbruch: Karen Duve, eine Autorin, „die sich wohltuend abhebt von der oft einförmigen Literaturproduktion der neunziger Jahre“. #1 Tatsächlich wird ihr in 14 Sprachen übersetztes Werk als „Rückkehr des Epischen in der deutschen Gegenwartsliteratur“ #2 gewürdigt, das sich weitgehend den geläufigen Kategorien entzieht: „Obwohl seit dem Erscheinen des Regenromans immer wieder versucht wurde, Karen Duve dem ‚Fräuleinwunder‘, den ‚Jungen Wilden‘ oder den ‚Pop-Literaten‘ der Gegenwartsliteratur zuzuordnen, ist ihre Prosa nicht mit gängigen Etiketts zu beschreiben.“ #3 Stattdessen gilt sie als „Autorin von hoher Sprachgewalt und ungebremstem Einfallsreichtum“. #4

Karen Duve wird am 16. November 1961 in Hamburg geboren und wächst dort im Stadtteil Lemsahl-Mellingstedt auf; nach dem Abitur beginnt sie 1982 eine Ausbildung zur Steuerinspektorin, die sie im Folgejahr abbricht. Über die Zeit Mitte der 1980er Jahre heißt es:

Als ich Karen kennen lernte, wohnte sie mitten in Hamburg in einer Wohnung, die aussah, als könnten dort nur Künstler wohnen. Ein alter Fabrikraum, so groß wie eine Disco. Hier hätte sofort die Schlussszene für eine Tatort gedreht werden können, Showdown mit Mafia-Männern und einer entführten Frau oder so.

Johannes Schröer: „Ich werde niemals satt, und die Wurstfingerchen schwirren wie Kolibriflügel über die Tasten“. In: Littera Borealis. Edition zur zeitgenössischen Literatur im Norden. Ausgabe 6: Karen Duve, hg. v. d. Sparkassenstiftung Schleswig-Holstein, Kiel 2007, S. 11–22, hier S. 13.

Duve nimmt verschiedene Gelegenheitsjobs wahr; ihre Tätigkeit als Taxifahrerin dient Jahre später zur Grundlage des Romans Taxi (2008), der 2015 verfilmt wird. #5 1995/96 ist sie „Korrektorin (zur Aushilfe)“. #6 Duve beginnt, Erzählungen zu veröffentlichen – ihr erstes Buch ist Im tiefen Schnee ein stilles Heim (1995) – und kann 1999 neben der Kurzgeschichtensammlung Keine Ahnung den Regenroman publizieren, der sich weit über 100.000-mal verkauft. Sie verlässt Hamburg und zieht in die Abgeschiedenheit von Brunsbüttel, wo sie fast neun Jahre in einem stillgelegten Bahnhofsgebäude lebt, bevor sie 2009 nach Brandenburg zieht.

Der Himmel hing über dem Land wie eine kratzige, graue Wolldecke, unter der man die abgestandenen Ausdünstungen der schwammnassen Erde inhalieren musste, und die Luft war so dick, dass sie Fäden zu ziehen schien. Die Insekten konnten ihr Glück kaum fassen.

Karen Duve: Regenroman. Frankfurt am Main 1999, S. 199.

Der Regenroman, der „dramaturgische Effekte eines Thrillers mit grotesker Schauerromantik verbindet“, #7 entwickelt eine skurrile Handlung: Ein Schriftsteller zieht sich mit seiner deutlich jüngeren Freundin in die Einsamkeit Mecklenburgs zurück, um ein Auftragswerk über einen Zuhälter und Ex-Boxchampion zu beenden. Doch das „erworbene Haus entpuppt sich als von Schimmel befallene Ruine, die in sich zusammenfällt“; #8 dazu kommen Arbeits- und Beziehungsprobleme, während die Natur eine konstante Bedrohung darstellt: „Die Menschen in diesem Roman verlieren ihre Konturen, werden vom Regen hinweggespült, von Unmengen glitschiger Nacktschnecken bedroht und vom Häuserschutt fast begraben; sie versinken im Schlamm und im Moor und sind […] froh, sich ins rettende Hamburg flüchten zu können.“ #9 Das Buch wartet „mit einer Fülle von Symbolen und Konnotationen auf“, doch seine eigentliche Qualität besteht darin, „mit immensem (Sprach-)witz ein Feuerwerk urkomischer Szenen abzubrennen“. #10 Duve gelingt es dabei, „einen eher alltäglichen Stoff mit solch phantastischer Detailhaltigkeit auszustatten, daß das, was bar jeder Glaubwürdigkeit ist, sich in eine perfekte Imitation von möglicher Realität verwandelt“. #11

In ihrem zweiten Roman Dies ist kein Liebeslied (2002) baut Duve ihr Interesse an Geschlechterverhältnissen zu einer „umfassenden Chronik psychosomatischer Liebesenttäuschung aus, in der adoleszente Essstörungen in teilnahmslos-tragikomischer Manier geschildert werden“. #12 Doch die Autorin zeigt sich vielseitig – auch Genrebeiträge (Die entführte Prinzessin. Von Drachen, Liebe und anderen Ungeheuern, 2005) und Kinderbücher (Thomas Müller und der Zirkusbär, illustriert von Petra Kolitsch, 2006) werden von ihr veröffentlicht. Im als „Selbstversuch“ bezeichneten Sachbuch Anständig essen (2011) hingegen beschreibt die weitgehend mit Duve identische Erzählerin von ihren Versuchen, sich „politisch korrekt“ zu ernähren. Am Ende steht aber „keine moralische ‚Lösung‘ globaler Ernährungsfragen“, sondern „eine Liste guter und machbarer Vorsätze“. #13 In ihrem Essay Warum die Sache schiefgeht. Wie Egoisten, Hohlköpfe und Psychopathen uns um die Zukunft bringen (Berlin 2014) wird die selbstkritische Ironie von Anständig essen allerdings „durch einen stets verallgemeinernden Zynismus“ #14 gegenüber bestimmten Feindbildern ersetzt, was nicht unwidersprochen hingenommen wurde: „Duves Buch über das Essen war ein moralischer Text, der Essayband von 2014 argumentiert hingegen moralisierend, da an keiner Stelle die eigene Überzeugung in Frage gestellt und deren Zustandekommen mitreflektiert wird.“ #15 Auch Duves Öko-Dystopie Macht (2016) stieß bei der Kritik weitgehend auf Ablehnung. Ihr historischer Roman Fräulein Nettes kurzer Sommer (2018), der Annette von Droste-Hülshoff durch drei „entscheidende Lebensjahre“ begleitet, wurde hingegen wieder ein Erfolg: „Alles, vom Mesmerismus bis zur Geschichte der Göttinger Universitätsbauten, hat [die Autorin] genauestens recherchiert, wie man beim Lesen ahnt und durch das umfangreiche Literaturverzeichnis im Anhang auch bestätigt bekommt. Die Details fallen zwischendurch und beiläufig, geben der Sache Farbe und Gestalt und wirken niemals bildungshubernd.“ #16

Karen Duve ist für ihr Werk mehrfach ausgezeichnet worden, u.a. mit dem Bettina-von-Arnim-Preis (1995), dem Friedrich-Hebbel-Preis (2004), dem Hubert-Fichte-Preis der Stadt Hamburg (2008), dem Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor (2017) und dem Carl-Amery-Literaturpreis (2019). In demselben Jahr erhielt sie auch den Düsseldorfer Literaturpreis (für Fräulein Nettes kurzer Sommer) und den Solothurner Literaturpreis. Dazu kommen mehrere Stipendien. Zudem war Duve „Writer in Residence“ an der Universität Colorado Springs (2002) und der Universität Nottingham (2004).

14.10.21 Kai U. Jürgens

ANMERKUNGEN

1 Rainer Moritz: Moder unter Moder. Karen Duves „Regenroman“ (1999). In: Der deutsche Roman der Gegenwart, hg. v. Wieland Freund & Winfried Freund, München 2001, S. 220–223, hier S. 223.

2 Marc Reichwein: Duve, Karen. In: Killy-Literaturlexikon. Autoren und Werke des deutschsprachigen Kulturraumes, hg. v. Wilhelm Kühlmann, Bd. 3, Berlin 2008, S. 143.

3 Rainer Moritz: Moder unter Moder, wie Anm. 1, S. 220.

4 Ebd.

5 Die Lebensdaten folgen den Angaben in Anke Hees: Duve, Karen. In: Deutsches Literatur-Lexikon. Das 20. Jahrhundert, hg. v. Konrad Feilchenfeldt, Bd. 7, Zürich/München 2005, S. 62–63, hier S. 62.

6 Biographie. In: Littera Borealis. Edition zur zeitgenössischen Literatur im Norden. Ausgabe 6: Karen Duve, hg. v. d. Sparkassenstiftung Schleswig-Holstein, Kiel 2007, S. 41.

7 Marc Reichwein: Duve, Karen, wie Anm. 2.

8 Rainer Moritz: Moder unter Moder, wie Anm. 1, S. 221.

9 Ebd., S. 222.

10 Ebd.

11 Claudia Kramatschek: Programm der Auslöschung. Rolf Bönt und Karen Duve erzählen vom Schock der Provinz. In: Neue deutsche Literatur. Zeitschrift für deutschsprachige Literatur, 47. Jg., Heft 525, Mai/Juni 1999, S. 176–179, hier S. 178.

12 Marc Reichwein: Duve, Karen, wie Anm. 2.

13 Julia Schöll: Die Rückkehr des Autors als moralische Instanz. Auktoriale Inszenierung im 21. Jahrhundert. In: Gegenwart schreiben. Zur deutschsprachigen Literatur 2000–2015, hg. v. Corina Caduff & Ulrike Vedder, Paderborn 2017, S. 211–217, hier S. 216.

14 Ebd., S. 216.

15 Ebd.

16 Andrea Diener: In die Schulbücher eingehen, das hätte sie niemals gewollt. Karen Duve über Droste. In: FAZ, 8. November 2018. (Link)