Michael Schulte

Schulte, Michael

Karl Valentin und weitaus mehr

Geboren in München am 22. April 1941
Gestorben in Satrup am 20. Juni 2019

Der Name des Schriftstellers und Übersetzers Michael Schulte ist lange Jahre mit einem Buch verknüpft gewesen – seiner Rowohlt-Monographie über Karl Valentin, „die wesentlich zur Wiederentdeckung des großen Komikers beitrug“. #1 1968 veröffentlicht, hat sie Schultes Schaffen – Prosa, Reiseberichte, Hörspiele und Radiofeatures, später auch Malerei – lange überstrahlt. 1998 war sein Name zudem mit einem Plagiatsskandal verbunden. Doch zumindest „im literarisch-fiktiven Bereich hat er über mehrere Jahrzehnte hinweg Einfallsreichtum und Fabulierkunst bewiesen“. #2

Michael Schulte verbrachte seine Kindheit und frühe Jugend in einem Dorf bei Regensburg, in München und Damaskus. 1959/60 ist er für ein Jahr als Austauschschüler nach Philadelphia gegangen und machte 1962 am Realgymnasium Gräfelfing bei München Abitur. #3 Die hiernach in  Göttingen begonnene Buchhändlerlehre wie auch das Studium der Germanistik, Geschichte und Philosophie an den Universitäten Göttingen und Frankfurt/Main hat Schulte nicht abgeschlossen. #4 Über sein Interesse an Karl Valentin heißt es, er wäre schon während der Lehre in eine Buchhandlung gegangen, um „endlich“ eine entsprechende Biografie zu erhalten. „‚Die gibt es nicht‘, wurde ihm gesagt. ‚Macht nichts‘, sagte er, ‚dann schreibe ich sie mir selbst.‘“ #5 Nach dem Erscheinen der Monografie im Jahr 1968, die zugleich sein Debüt als Autor darstellt, lebte Schulte „als freier Schriftsteller in Düsseldorf, Frankfurt, München, auf Mallorca, in der Toskana sowie in Hamburg“. #6 Er unternahm zahlreiche Reisen, meist nach Südostasien, und wanderte 1982 in die USA aus, wo er heiratete und zeitweilig eine Kaffeehausgalerie unterhielt, um nach der Trennung sechs Jahre später wieder nach Deutschland zurückzukehren. „Bevor er dort bleibt, verschlägt es ihn Mitte der neunziger Jahre erneut nach seiner Lieblingsstadt New York und nach Cincinnati.“ #7 In seinen späten Jahren – die mehr der Malerei als dem Schreiben gewidmet sind – hat Schulte nach „über 40 Umzügen“ #8 in Schleswig-Holstein gelebt, und zwar in Grünholz (Gemeinde Esgrus) in Angeln. Gestorben ist er am 20. Juni 2019 in Satrup. Sein letztes Buch Elvis‘ Tod. Szenen aus meinem Leben erschien 2015.

Schulte hat zu Valentin, dessen Sprachwitz ihn fraglos beeinflusst hat, mehrere Bücher vorgelegt, darunter Das große Karl Valentin Buch (1973) und Karl Valentins Filme (1978). Doch auch in seinen eigenen Erzählbänden wie Die Dame, die Schweinsohren nur im Liegen aß (1970), erwies er sich als „virtuoser Erzähler“, der in Alltaggeschichten „mit Redewendungen und Phrasen aus den späten 1960er Jahren spielt und diese Zeit parabelhaft karikiert“. #9 An seinen Reiseberichten wie Führerscheinprüfung in New Mexico (1986) wird hingegen „die Verbindung von skurrilen Charakteren, absurden Verwicklungen und weltläufiger Szenerie“ gelobt. #10 Dabei spiegeln Schultes Bücher „oftmals das Absonderliche und Wunderliche seiner weiten Reisen“ und „dokumentieren das Reisen selbst als neurotisches Umherirren bzw. lustvolles Abenteuer“. #11 Sprachwitz und ungewöhnliche Einfälle sind auch das Kennzeichen etwa der Geschichtensammlung Zitroneneis (1996), in der es zu Beginn der Erzählung Sylvia heißt:

Unvergeßlich jene Tage, an denen man ein altes, vergriffenes Buch findet oder eine neue Frau kennenlernt. Würde man öfter und systematischer die Antiquariate durchforsten, wäre die Privatbibliothek schon wesentlich reichhaltiger, wäre man weniger schüchtern, würde man gut und gern doppelt so viele Frauen kennen als man kennt, hätte man sich mit doppelt sovielen Frauen zerstritten, könnte man auf eine farbigere Biographie zurückblicken.

Michael Schulte: Sylvia. In: Zitroneneis. Erzählungen. Frankfurt am Main 1996, S. 7–64, hier S. 7.

Schultes phantastischer Reiseroman Die Flaschenpost des Herrn Debussy (2007) hingegen ist „ein kreativ-ironischer Mix aus Künstlerbiografien, Traumsequenzen und Klischees“, erzählt aber auch „vom einsamen Weltenwanderer auf der Suche nach dem Sinn des Lebens“. #12 Tatsächlich ist das Buch „Abenteuer- und Detektivgeschichte, Reisebericht, Musikerbiographie (über Debussy und Eric Satie) sowie Literaturtheorie“. #13 Schulte legte aber auch unter dem Titel Berta Zuckerkandl. Salonière, Journalistin, Geheimdiplomatin die Biographie der österreichischen Schriftstellerin und Kritikerin (1864–1945) vor.

Pech hatte er hingegen mit einem anderen Projekt: Der Schöffling-Verlag musste 1998 Schultes Buch über Ambrose Bierce mit dem Titel Allein in schlechter Gesellschaft zurückziehen, nachdem sich herausgestellt hatte, dass große Teile aus der 1995 in den USA erschienenen Biographie Ambrose Bierce – Alone in Bad Company von Roy Morris abgeschrieben worden waren. #14 „Er habe ‚Scheiße gebaut‘, entschuldigt er sich damals in einem Interview.“ #15 Untadelig ist hingegen seine Autobiographie, die unter dem Titel Ich freu mich schon auf die Hölle im Jahr 2005 erschienen ist.

Frank Schäfer schreibt über die späte Kurzgeschichtensammlung Kühe im Mondschein (2014): „Hier kann man nun einen Autor (wieder)entdecken, der – offenbar an Kurt Vonnegut geschult, den er auch übersetzt hat – mit einer beglückenden Unangestrengtheit, mit einer grandiosen Grundgelassenheit und Coolness, die sich nichts darauf einbildet, Geschichten erzählt, als könne er selbst gar nichts dafür. Manchmal haben diese Geschichten eine Pointe und manchmal auch nicht. Komisch sind sie fast alle, oft besitzen sie jene Komik, die von Tragik grundiert ist. In jedem Fall entwickeln sie sich so scheinbar absichtslos, als würden sie sich selbst erzählen.“ #16 Und er plädiert für eine Wiederentdeckung: „So viele komische Autoren von Format gibt es hierzulande nicht, als dass man so einfach auf ihn verzichten könnte.“ #17

17.1.22 Kai U. Jürgens

ANMERKUNGEN

1 Fred Viebahn: Michael Schulte. In: Munzinger. Wissen, das zählt, 2005. https://www.munzinger.de/search/go/document.jsp?id=16000000514.

2 Ebd.

3 Vgl. Bayerische Staatsbibliothek: Michael Schulte. https://www.literaturportal-bayern.de/autorinnen-autoren?task=lpbauthor.default&pnd=128614021.

4 Vgl. Gerhard Bolaender & Günter Baumann: Schulte, Michael. In: Killy-Literaturlexikon. Autoren und Werke des deutschsprachigen Kulturraumes, hg. v. Wilhelm Kühlmann, Bd. 10, Berlin/Boston 2011, S. 625–626, hier S. 625.

5 Bernhard Lassahn: Michael Schulte. In: http://www.bernhard-lassahn.de/?cat=224.

6 Bayerische Staatsbibliothek: Michael Schulte, wie Anm. 3.

7 Ebd.

8 Gerhard Bolaender & Günter Baumann: Schulte, Michael, wie Anm. 4.

9 Ebd.

10 Ebd.

11 Bayerische Staatsbibliothek: Michael Schulte. Wie Anm. 3.

12 Ingeborg Waldinger: Schulte, Michael: Die Flaschenpost des Herrn Debussy. In: Wiener Zeitung, 23. Februar 2007. Zit. n. https://www.wienerzeitung.at/nachrichten/kultur/literatur/276314_Schulte-Michael-Die-Flaschenpost-des-Herrn-Debussy.html.

13 Gerhard Bolaender & Günter Baumann: Schulte, Michael, wie Anm. 4.

14 Vgl. NN: Unterm Strich, in: TAZ vom 6. Mai 1998. Zit. n. https://taz.de/!1346259/.

15 Frank Schäfer: Die Realität ist grotesk genug. TAZ vom 16. Juni 2015. Zit. n. taz.de/!880828/.

16 Ebd.

17 Ebd.