Stefan Schütz

Schütz, Stefan

Theatermacher und Autor radikaler Prosa

Geboren in Memel (heute Klaipėda, Litauen) am 19. April 1944
Lebt in Oldenburg in Holstein

„Ich komme vom Mond“, hat Stefan Schütz einmal einen seiner Erzähler sagen lassen, „und bin auf der Erde nur zwischengelandet. Nichts was hier geschieht entspricht meinem Sinn. Deshalb muß ich die Dinge nehmen wie sie sind.“ #1 Es sind die realen – also auch politischen – Gegebenheiten, mit denen sich Schütz beschäftigt und an denen sich seine Phantasie entzündet, und so sagt er von sich: „Ich beschreibe eigentlich nichts anderes als den letzten Stand unserer Gesellschaft.“ #2 1944 geboren, wurde er in der DDR zum Schauspieler ausgebildet und wechselte 1980 in den Westen über. Als freier Schriftsteller arbeitet er seit 1968.

Nach dem Abschluss an der Staatlichen Schauspielschule Berlin 1965 ist Schütz als Schauspieler und ab 1968 als Regieassistent am Berliner Ensemble tätig, bevor seine ersten Dramen entstehen. Diese beruhen auf einer „Opposition gegenüber dem Theaterbetrieb“, was einerseits auf die „erstarrten Bühnenkonventionen“ abzielt, andererseits die „politische Bevormundung“ in der DDR aufgreift. #3 In seiner „Revolte gegen das herrschende System“ beschreibt Schütz Konflikte „zwischen Individuum und Gesellschaft, Utopie und Realität“, die mittels „expressiver Sprache, grotesken Bühnenmetaphern und enigmatischen Bildfolgen“ geschildert werden; #4 dabei greift er bevorzugt auf bekannte – etwa antike – Stoffe der Weltliteratur zurück. Heiner Müller über Schütz: „Seine Begabung trägt ihn gelegentlich über das dem Theater hier und heute Mögliche hinaus. Das heißt: seine Stücke sollten gespielt werden, weil sie den Bereich des Möglichen erweitern.“ #5 Allerdings finden wichtige Uraufführungen erst mit Verzögerung und im Westen statt, beispielsweise Majakowski (1979; geschrieben 1971), Odysseus‘ Heimkehr (1981; geschr. 1972) und Laokoon (1983; geschr. 1979). #6 Dabei wandelt sich die Struktur der Theatertexte, die „von der anfänglich konventionell geschlossenen Form zur innovativeren offenen Dramaturgie führt“. #7 Ironischerweise sollten die Stücke von Schütz nach seiner Übersiedlung und trotz des 1979 verliehenen Gerhart-Hauptmann-Preises nur sporadisch gespielt werden, da seine Dramen „in der pluralistischen Meinungsvielfalt des westlichen Theaterbetriebs an Wirkung“ verlieren. #8

Auch wenn weitere Stücke entstehen, wendet sich Schütz nach seiner Übersiedlung in die Bundesrepublik in erster Linie der Prosa zu. 1986 veröffentlicht er Medusa, einen voluminösen 870-Seiten-Roman, der eine einzige Traumsekunde der Hauptfigur abbildet und dabei alle Stillagen „vom pathetisch-feierlichen Duktus bis hin zu umgangssprachlichen Obszönitäten“ #9 berücksichtigt.

Gewiß erschien, im Strudel der Gravitation, dem rauhen, ruhigen Stein des Mauerwerks die Last der Sinnlosigkeit weit weniger schmerzhaft als der neben ihm Schlafenden, in der Mitte ihres mittleren Lebens sich befindenden Marie Flaam die Kraft der fremden Strahlen, die in jener geordneten wie ungestümen Weise Dinge und Menschen zu durcheilen pflegen, ohne Ziel und doch nicht ziellos, denjenigen zu treffen, der sie zu empfangen bereit ist. Unruhigen Hauptes erblickt Marie Flaam sich im Traum, auf dem faltenzerklüfteten Kissen, die Unschuld eines sanften Engels, der, eingewoben in die Stille des Morgens, gleichsam die schimmernde Heiterkeit seines augverschlossenen Gesichts über die Hölle seiner Träume zu decken versteht.

Stefan Schütz: Medusa. Reinbek bei Hamburg 1986, S. 11.

Der Text ist in drei Teile gegliedert: „Die Kathedrale des Ichs schildert eine Traumodyssee durch die DDR, der Mittelteil Anabasis eine faschistische Kinderrepublik, der Schluss Free Play of Love die Utopie vom gewaltfreien Spiel der Geschlechter.“ #10 Den Roman zeichnen „Komplexität und Vielschichtigkeit, Sprachkraft und Wortgewalt“ aus; die „beeindruckende Metaphern- und Bilderflut nötigte auch jenen Kritikern Respekt ab, die der emphatischen Idealisierung feministischer Mythen skeptisch gegenüberstanden“. #11Medusa wird noch vor Erscheinen mit dem Alfred-Döblin-Preis 1985 ausgezeichnet. Friedrich Christian Delius weist in seiner Laudatio darauf hin, dass der Autor die Erfahrungen im Sozialismus auf eine ungewöhnliche Sprachebene hebt:

Schütz übersetzt die Erfahrungen und Ängste seiner Hauptfigur in die Sprache und Logik des Traums, den er uns bis in die feinsten Verästelungen hinein und wie in Zeitlupe vorführt. Erst mit diesem Kunstgriff einer radikalen Subjektivierung, so scheint mir, wird der staatliche Dschungel überhaupt darstellbar. Erst so kann Schütz die Strukturen eines spätstalinistischen Gesellschaftssystems und die allgegenwärtigen Ängste, Pressionen und Opportunismen erfassen – in Danteschen Bildern, gewaltigen Grotesken, absurden Obszönitäten und Streitgesprächen.

Weitere Prosabände folgen: Während das „Volksbuch“ Katt (1988) eine „sich ins Surreale steigernde Reihung grotesker, mitunter aber auch äußerst komischer Abenteuer“ #12 darstellt, kann Galaxas Hochzeit (1993) um einen weiblichen Computer als „Rücknahme der in Medusa beschworenen Utopie“ #13 gelesen werden. 2016 legt Schütz mit Unser Leben ein Buch über seine Ehe mit einer demenzkranken Frau vor, ein subtiles Umschreiben jener Person, „von der nur noch die pure Gegenwart und die Worte, die daraus hervorgehen, übrig geblieben“ sind. #14 2018 folgte Beelzebub, sein zweites Hauptwerk.

Schütz lebt und arbeitet in Oldenburg in Holstein. Die Akademie der Künste unterhält ein Stefan-Schütz-Archiv.

4.8.21 Kai U. Jürgens

ANMERKUNGEN

1 Stefan Schütz: Ich komme vom Mond. In: Text+Kritik: Stefan Schütz. München 1997, S. 3.

2 www.stefanschuetzautor.de.

3 Michael Töteberg: Schütz, Stefan. In: Killy-Literaturlexikon. Autoren und Werke des deutschsprachigen Kulturraumes, Bd. 10, hg. v. Wilhelm Kühlmann, Berlin 2011, S. 615–616, hier S. 615.

4 Ebd.

5 Heiner Müller: Über den Dramatiker Stefan Schütz. In: Ders.: Theater-Texte. Berlin 1975, S. 123–124, hier S. 123.

6 Die Jahresangaben folgen http://www.stefanschuetzautor.de.

7 Špela Virant: Das dramatische Werk. In: Kindlers Literatur Lexikon, Bd. 14, hg. v. Heinz Ludwig Arnold, Stuttgart/Weimar 2009, S. 639–641, hier S. 639.

8 Ebd., S. 641.

9 Stefan Scherer: Medusa. In: Kindlers Literatur Lexikon, Bd. 14, hg. v. Heinz Ludwig Arnold, Stuttgart/Weimar 2009, S. 641–642, hier S. 642.

10 Michael Töteberg: Schütz, Stefan. In: Killy-Literaturlexikon. Autoren und Werke des deutschsprachigen Kulturraumes, Bd. 10, hg. v. Wilhelm Kühlmann, Berlin 2011, S. 615–616, hier S. 615.

11 Ebd., S. 616.

12 Stefan Scherer: Katt. Volksbuch. In: Kindlers Literatur Lexikon, Bd. 14, hg. v. Heinz Ludwig Arnold, Stuttgart/Weimar 2009, S. 642–643, hier S. 643.

13 Michael Töteberg: Schütz, Stefan. In: Killy-Literaturlexikon. Autoren und Werke des deutschsprachigen Kulturraumes, Bd. 10, hg. v. Wilhelm Kühlmann, Berlin 2011, S. 615–616, hier S. 616.

14 Jörg Magenau: Zeichnungen von Geisterhand. Stefan Schütz berichtet vom Zusammenleben mit seiner demenzkranken Frau. In: Süddeutsche Zeitung, 12. Juli 2016. Online: https://www.sueddeutsche.de/kultur/autobiografische-prosa-zeichnungen-von-geisterhand-1.3074578.